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Taucher-Thriller "Pioneer": Outlaws in Neopren

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Ein Western unter Wasser? Über Taucher, die in den Siebzigerjahren Pipelines in der Nordsee verlegen? "Pioneer" macht aus dem Stoff einen Thriller, der räumliche und körperliche Grenzen austestet.

Der Mond ist fern, das Meer scheint nah. Und doch ist der Boden der Tiefsee für den Menschen fast so unerreichbar wie der Himmelskörper. Stimmig, dass die Froschmänner, die in dem norwegischen Taucher-Thriller "Pioneer" in 320 Meter Tiefe den Meeresboden berühren, stolz die Landesflagge aufstellen und dort in der Strömung der Nordsee wabern lassen. Die Eroberung der Tiefsee, inszeniert wie die Eroberung des Weltraums. Ein kleiner Flossenschlag für den Taucher, ein großer Schritt für Norwegen.

Denn auf den Pipeline-Vorarbeiten zur Ölförderung im Jahr 1975, die der Film am Anfang in beeindruckenden Unterwasseraufnahmen zeigt, beruht die stabile Wirtschaft des skandinavischen Musterlandes. Der Wohlstand gilt heute als gerecht verteilt, die Gewinne aus den Erdölexporten werden von der Regierung in Teilen in einen Rentenfond investiert, damit der Lebensstandard der Bevölkerung auch nach 2060 gesichert ist, wenn die Quellen vermutlich versiegen.

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Tiefsee-Thriller aus Norwegen: Testosteron in der Druckkammer
Die Nutzbarmachung der Ressourcen unter der Nordsee - eine gerechte und saubere Sache? Eben nicht ganz: Denn der Film von Erik Skjoldbjærg erzählt die Erschließung des Meeresbodens als klassischen und somit auch dreckigen frontier-Stoff. Die Verlagerung der Grenzen, der Aufbruch in neue Regionen ist nichts für Zimperliche, Chemie und Spezialkleidung sind die einzigen Waffen bei der Land- oder besser Wasser-Nahme.

"Pioneer" ist ein Tiefsee-Western, seine Helden sind Outlaws in Neopren. So wie die beiden Brüder Petter (Aksel Hennie) und Knut (André Eriksen), zwei Testosteronkerlchen mit Schnauzern, von denen Billy the Kid nur träumen konnte. Am Anfang sehen wir die beiden, wie sie bei einer Übung in der Druckkammer einen simulierten Tiefgang von 500 Metern durchzustehen versuchen. Ein Spezialkommando aus Amerika, wo man schon ein wenig weiter in der Entwicklung von Offshore-Tauchtechniken ist, assistiert.

Tiefenrausch im Trockenbereich

Durch Ventile wird eine spezielle Atemgasmixtur in die Kammer gepumpt und der Druck stetig erhöht, irgendwann fallen Petter und Knut ins Delirium und glauben, eine Möwe zu sehen. Ein Tiefenrausch im Trockenbereich. Dann werden die simulierten 500 Meter doch noch geschafft, Weltrekord. Das nächste Mal geht es gut 300 Meter auf den Meeresboden hinunter. Als die Brüder probeweise eine Pipeline schweißen sollen, kommt es zu einem Zwischenfall, bei dem Knut stirbt. War die Atemgasmixtur der Amerikaner schuld?

Regisseur Skjoldbjærg beschreibt den Kampf um die Hoheit auf dem Meeresboden als gnadenloses körperliches Ringen. 1997 hatte der Norweger das Original zum Schlaflos-Krimi "Insomnia" mit Stellan Skarsgård gedreht, zu dem später Christopher Nolan das Remake mit Al Pacino lieferte. Schon da inszenierte der Filmemacher den Thriller als Kino der physischen Zumutungen.

In seinem Film "Pioneer", zu dem gerade George Clooney über die Rechte am US-Remake verhandeln soll, geht Skjoldbjærg nun noch einen Schritt weiter: Das Überwinden der räumlichen Grenzen wird hier immer auch zu einem Überwinden der eigenen körperlichen Grenzen. In den Verfolgungsjagden zu dem Verschwörungsszenario spielt Skjoldbjærg so ziemlich jede Tauchlaborgemeinheit zwischen Atementzug und Kompressionszumutung durch.

Der aberwitzig zugespitzte Plot hat einen sehr realen Hintergrund: 17 Öl-Taucher sollen bei der Eroberung der Tiefsee in den Siebziger- und Achtzigerjahren an den Folgen ihrer Einsätze gestorben sein. Erst im Dezember 2013 wurde den Angehörigen bei einer Klage gegen den Staat Norwegen vor dem Europäischen Gerichtshof recht gegeben, weil die Opfer nicht genug über die Gefahren ihres Einsatzes informiert worden waren. Eine späte Anerkennung der Flossen-Cowboys.

Pioneer

Norwegen, Deutschland, Schweden 2013

Regie: Erik Skjoldbjaerg

Drehbuch: Nikolaj Frobenius, Erik Skjoldbjaerg

Darsteller: Wes Bentley, Aksel Hennie, Stephanie Sigman, Steven Lang

Produktion:: Friland, Pandora Film, MRP

Verleih: Farbfilm

Länge: 107 Minuten

FSK: ab 12 Jahren

Start: 30. Oktober 2014

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1.
Tom Joad 29.10.2014
"Als die Brüder probeweise eine Pipeline schweißen sollen, kommt es zu einem Zwischenfall, bei dem Knut stirbt." Es ist natürlich schwierig, Filmkritiken zu schreiben, ohne zu "spoilern", wie es so schön neudeutsch heißt. Aber den letzten Nebensatz hätte man sich sparen können, finde ich. "Kommt es zu einem Zwischenfall." Punkt. - So bleibt die Spannung gewahrt.
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