Pixar-Film "Die Unglaublichen" Vom Recht, super zu sein

Alle Menschen sind gleich? Von wegen. Brad Birds spektakulärer Animationsfilm "Die Unglaublichen" erzählt von Lust und Leid der Superhelden und hält ein flammendes Plädoyer für den Individualismus. Fast beiläufig wird dabei der Trickfilm erwachsen.

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Helden-Familie "Die Unglaublichen": Superkräfte für die ganze Familie
WALT DISNEY PICTURES/PIXAR ANIMATION STUDIOS

Helden-Familie "Die Unglaublichen": Superkräfte für die ganze Familie

Die Zeiten, in denen sprechende Tiere und Pflanzen die Welt des animierten Films bevölkerten, sind vorbei. Mit "Die Unglaublichen" macht das computergenerierte Genre einen Evolutionssprung nach vorne und verlässt das Krabbel-Zeitalter, um aufrecht zu gehen.

Und das auch noch mit Erfolg: Der jüngste und gleichzeitig vorletzte Film aus der Kooperation zwischen Disney und der CGI-Schmiede Pixar ist in den USA mit einem höheren Umsatz gestartet als sein Vorgänger. Der hieß "Findet Nemo", handelte von niedlichen Fischen, die - logisch - sprechen konnten und gilt bisher neben "Shrek 2" als kassenstärkster Animationsfilm aller Zeiten. Nicht mehr lange, wenn man bedenkt, dass die "Unglaublichen" jetzt erst ihren weltweiten Siegeszug antreten werden.

Szene aus "Die Unglaublichen": Eben noch am Rande der Dysfunktionalität, jetzt schon Familie Unglaublich
WALT DISNEY PICTURES/PIXAR ANIMATION STUDIOS

Szene aus "Die Unglaublichen": Eben noch am Rande der Dysfunktionalität, jetzt schon Familie Unglaublich

Der Schöpfer dieses Kunststücks heißt Brad Bird. Der Amerikaner hat sich zuvor vor allem als 2D-Animator profiliert ("The Simpsons"), durfte aber bereits 1999 mit dem vielfach unterschätzen Trickfilm "The Iron Giant" zeigen, was er kann. Mit "Die Unglaublichen" versetzt er nun das juvenile Animationskino ins Erwachsenenalter - und zwar mit einer actionreichen, hinreißend komischen und zugleich hintersinnigen Geschichte über Superhelden.

Am Anfang einer guten Filmidee steht oft eine jener berühmten "What if"-Fragen: Was wäre, wenn Superhelden von der Gesellschaft geächtet würden - weil sie so super sind? Diese eigentlich absurde Frage, die nur ein eifriger Leser von Marvel- oder DC-Comics stellen kann, könnte der Ausgangspunkt für "Die Unglaublichen" gewesen sein. Doch das Schöne an Animationsfilmen ist ja, dass man sich um die Plausibilität von Dingen oder Figuren, die es gar nicht gibt, nicht zu scheren braucht.

Einsatz für Mr. Incredible: Was einst breite Schultern waren, ist nun ein stattlicher Bauch
WALT DISNEY PICTURES/PIXAR ANIMATION STUDIOS

Einsatz für Mr. Incredible: Was einst breite Schultern waren, ist nun ein stattlicher Bauch

Auch wenn sein Film also echte Menschen statt Insekten, Monstren oder Spielzeugfiguren inszeniert, nutzt Bird sein Medium in erster Linie dazu, seiner Lust an den unglaublichen Superhelden der fünfziger und sechziger Jahre zu frönen: Superman, Grüne Laterne, Roter Blitz - Helden, die mit harten Muskeln, farbenfrohen Kostümen und wehenden Umhängen als Retter der Menschheit auftraten; Übermenschen, denen Superkräfte erlaubten, dem Jedermann ein Vorbild zu sein - moralisch wie physisch.

Auch Mr. Incredible ist so ein Alleskönner. Mit V-förmigem Oberkörper, kantigem Kinn und übermenschlicher Kraft ist er stets zur Stelle, wenn Menschen Unrecht angetan werden soll. Wie sein berühmtes Vorbild vom Planeten Krypton hält er Bankräuber in Schach und rettet Kätzchen von Bäumen. Die Welt ist ein sicherer Platz mit ihm und seinen illustren Kollegen aus der Heldengilde.

Doch dann hält plötzlich die schnöde Realität des 21. Jahrhunderts Einzug in die Fifties-Idylle: Die Menschen entdecken ihre Lust an der Schadenersatzklage und zerren die Helden vor Gericht, wenn es bei einem Rettungseinsatz zu Kollateralschäden kam oder das vermeintliche Opfer gar nicht vom Unheil bewahrt werden wollte. Die Retter werden zum Risiko - zumindest für die Regierung, die alsbald ein "Gesetz zur Verhinderung von Heldentaten" beschließt und eine Art Zeugenschutzprogramm für die verpönten Heroen auflegt. Die Superhelden werden von der Gesellschaft in eine alltägliche Existenz gezwungen.

Mr. Incredible mit Helden-Partner Frozone: Die Retter werden zum Risiko
WALT DISNEY PICTURES/PIXAR ANIMATION STUDIOS

Mr. Incredible mit Helden-Partner Frozone: Die Retter werden zum Risiko

Fünfzehn Jahre später ist der strahlende Mr. Incredible nur noch ein stinknormaler Versicherungs-Angesteller namens Bob Parr, dessen einzige Superleistung noch darin besteht, alten Damen unerlaubterweise Tricks und Kniffe zu verraten, wie sie das Beste aus ihrer Police machen. Was einst breite Schultern waren, ist nun ein stattlicher Bauch, und wenn Bob am Abend seine Bürozelle verlässt, dann steigt er in einen Trabi-artigen Kleinwagen und fährt heim in sein Häuschen in der Vororthölle.

Er ist schlaff, er ist müde und desillusioniert. Seine Frau Helen, ehemals Elastigirl, managt den Haushalt mit den drei Kindern im Alleingang, während sich Bob einmal die Woche mit seinem alten Kumpel Lucius Best alias "Frozone" trifft. Aber nicht, um zu Pokern oder zu Kegeln, sondern um bei Nacht und Nebel am Polizeifunk zu lauschen und dann - illegalerweise - auf Superhelden-Tour zu gehen. Denn natürlich sind die Superkräfte nicht verschwunden, sie wurden sogar vererbt: Tochter Violetta ist ein schüchterner Teenager, der sich unsichtbar machen kann, Sohn Flash ist ein frecher Bengel, der schnell wie der Blitz ist. Baby Jack-Jack schreit zwar nur, aber auch das bereits in übernatürlicher Lautstärke.

Superschurke Syndrome: Großer Gleichmacher
WALT DISNEY PICTURES/PIXAR ANIMATION STUDIOS

Superschurke Syndrome: Großer Gleichmacher

Es kommt, wie es kommen muss: Ein Superschurke taucht auf, dem es nicht ausreicht, dass die Superhelden ein Undercover-Dasein fristen müssen, er will sie endgültig ausmerzen. Er lockt Bob in eine Falle, woraufhin sich die ganze Familie auf ihre Fähigkeiten besinnt und in nagelneuen Super-Kostümen ausschwärmt, den Superdaddy zu retten. Eben noch am Rande der Dysfunktionalität, jetzt schon die Familie Unglaublich.

Das atmet erst einmal den Geist eines echten, wertkonservativen Disney-Films: Friede, Familie, Eierkuchen. Und tatsächlich besteht Brad Birds Leistung nicht darin, einen politisch korrekten Animationsfilm voller aufrechter Linksliberaler geschaffen zu haben. Die Botschaft von "Die Unglaublichen" ist durchaus kontrovers, weil sie ein flammendes Plädoyer gegen den Gedanken des Egalitarismus beinhaltet. "Die finden immer neue Wege, die Mittelmäßigkeit zu feiern", schimpft Bob Parr. Als Superheld darf er seine besonderen Fähigkeiten auch deshalb nicht ausleben, weil andere sie nicht haben: gleiches Recht und gleiche Voraussetzungen für alle.

Helden im stilvollen Ruhestand: Wuchtige Möbel balancieren auf zierlichen Stelzen
WALT DISNEY PICTURES/PIXAR ANIMATION STUDIOS

Helden im stilvollen Ruhestand: Wuchtige Möbel balancieren auf zierlichen Stelzen

So ist es nur logisch, dass der Schurke, der den sinnigen Namen Syndrome trägt, keine Superkräfte besitzt und dies durch übermäßigen Einsatz von Hightech zu kompensieren sucht. Wenn alle Superhelden beseitigt sind, so träumt er, "ist jeder super, was heißt, dass es keiner ist". Der Showdown wird daher auch zum erbitterten Gefecht gegen die übertriebene Gleichmacherei der liberalen Gesellschaft, die hier als soziale Perversion empfunden wird. Der Superheld als begabtes Kind, das in der Schule behindert wird, weil die Klasse sich am langsamsten Lerner orientiert. Ein Hauch von Sozialdarwinismus in einem Animationsfilm, wann hat es das schon mal gegeben?

Doch bevor nun der Eindruck entsteht, der neueste Pixar-Film wäre ein Diskurs-Fest für Intellektuelle und so unterhaltsam wie ein Buch von Ayn Rand, dem sei versichert, dass "Die Unglaublichen" natürlich in erster Linie ein Abenteuerfilm voll haarsträubender Actionszenen und grandiosen Slapstick-Einlagen ist. Bird und seine Animateure treiben es stellenweise sogar so weit mit ihren rasanten Verfolgungsjagden und Kampfszenen, dass Kinder in den USA nur in Begleitung ihrer Eltern in den Film dürfen - zum ersten Mal in Disneys Trickfilmhistorie. In Deutschland ist der Film indes ab sechs Jahren freigegeben.

Am beeindruckendsten aber ist die mutige Ästhetik des Films, die Bird aus alten Bond-Filmen, B-Movies und Comic-Heften zusammenzitiert: Mit seinen futuristischen Formen und knalligen Farben erweckt der Film jene Moderne zu neuem Leben, wie sie in den fünfziger und sechziger Jahren von Designern, Künstlern und Filmemachern gesehen wurde: Wuchtige Möbel balancieren auf zierlichen Stelzen, Straßenkreuzer protzen mit geschwungenen Heckflossen, Gebäude erinnern an die Visionen von Frank Lloyd Wright und Mies van der Rohe. Hier findet das Bekenntnis zum "Anything goes" seine konsequente visuelle Umsetzung.

So ist ein Film entstanden, der sich erstmals in der Erfolgsgeschichte von Pixar vornehmlich an Erwachsene richtet, ohne die kindliche Klientel gleich zu vergraulen. Was wäre, wenn Pixar tatsächlich ein Film für die ganze Familie gelungen wäre?


Die Unglaublichen (The Increbibles)

USA 2004. Regie: Brad Bird. Buch: Brad Bird. Originalstimmen: Craig T. Nelson, Holly Hunter, Samuel L. Jackson, Jason Lee. Deutsche Stimmen: Markus Maria Profitlich, Katrin Fröhlich, Felicitas Woll, Barbara Schöneberger, Kai Pflaume. Produktion: Pixar, Walt Disney. Verleih: Buena Vista. Länge: 121 Minuten. Start: 9. Dezember 2004



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