"Planet der Affen" Affocalypse Now!

Es war einmal eine gute Idee: Kult-Regisseur Tim Burton wagte sich an eine Neu-Interpretation des Utopie-Klassikers "Planet der Affen" und schuf einen knalligen Blockbuster - aber leider keinen inspirierten Film.

Von


"Planet der Affen": General Thade (Tim Roth, l.) will den unbequemen Menschen (Mark Wahlberg) bezwingen
AP

"Planet der Affen": General Thade (Tim Roth, l.) will den unbequemen Menschen (Mark Wahlberg) bezwingen

Was Tim Burton partout nicht wollte, war das, was man gemeinhin ein "Remake" nennt: Nimm ein paar bekannte Schauspieler und verfilme einen erfolgreichen Kino-Klassiker mit den Mitteln von heute. Dem kultisch verehrten Hollywood-Querschläger ("Sleepy Hollow") ging es um mehr, er wollte eine komplett neue Interpretation des Original-"Planet der Affen" von 1968 schaffen. Ein ehrgeiziges Ziel.

Was auf dem Weg von dieser eigentlich guten Idee zum fertigen Film geschehen ist, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben, denn nach dem Genuss von Burtons Werk weiß man Franklin J. Schaffners 33 Jahre alte Affen-Utopie erst richtig zu schätzen.

Spielt so gut, dass neben ihm alle verblassen: Tim Roth als Schimpansen-General Thade
20th Century Fox

Spielt so gut, dass neben ihm alle verblassen: Tim Roth als Schimpansen-General Thade

Die Story ist zunächst bekannt: Ein amerikanischer Astronaut strandet nach einem elektromagnetischen Sturm im All auf einem unbekannten Planeten und stellt fest, dass dieser von zivilisierten Affen bevölkert ist, die Jagd auf Menschen machen, um sie zu versklaven. Der Astronaut heißt Leo Davidson und ist eigentlich für das Training von Versuchsschimpansen auf einer militärischen Raumstation zuständig, von der aus eine mysteriöse Wolke im Weltall erforscht werden soll.

Dargestellt wird Davidson von dem ehemaligen Unterhosenmodel Mark Wahlberg, womit wir beim ersten, vielleicht sogar wichtigsten Problem des Films wären. Zwei bösartige Faktoren kommen zusammen: Einerseits entwarfen Burton und Drehbuchautor William Broyles Jr. ihren Helden als strammen und unbesiegbaren Patrioten, dem es nur darum geht, möglichst schnell wieder aus der feindlichen Umgebung zu verschwinden, um dann mit Verstärkung seiner Kameraden zu überlegen, ob man sich der unbequemen Situation annehmen sollte - andererseits ist aus "Marky Mark" immer noch kein guter Schauspieler geworden.

Reizvolle Romanze: Zwischen der Schimpansen-Dame Ari (Helena Bonham Carter, r.) und Davidson (M. Wahlberg) entwickeln sich zarte Bande
20th Century Fox

Reizvolle Romanze: Zwischen der Schimpansen-Dame Ari (Helena Bonham Carter, r.) und Davidson (M. Wahlberg) entwickeln sich zarte Bande

Von der Skepsis gegenüber der menschlichen Gesellschaft, die Charlton Heston als zynischer Colonel Taylor im Original so bravourös darstellte, ist bei Wahlbergs Davidson nichts geblieben als ein muskelbepackter Macho, der die ignorante und eindimensionale Politik George W. Bushs nahezu perfekt verkörpert: Die Affen wollen uns unterdrücken? Von wegen, die machen wir platt!

Davidson wird - zusammen mit der Menschenfrau Daena (Estella Warren) gefangen genommen und gerät an die Schimpansen-Wissenschaftlerin Ari (Helena Bonham Carter), die sich für ein friedliches Zusammenleben zwischen Mensch und Affe einsetzt. Sie verliebt sich ein bisschen in den ungewöhnlich erscheinenden Menschen und verhilft ihm und Daena zur Flucht, der sie sich dann auch gleich anschließt. Verfolgt werden sie von dem aggressiven Affen-General Thade (Tim Roth), der die Integrität der Primaten-Zivilisation gefährdet sieht und die Flüchtigen wieder unter Kontrolle bringen will.

An dieser Stelle sollte das beeindruckende Werk Rick Bakers gewürdigt werden. Der bereits fünffach Oscar-prämierte Maskenbildner schuf die wohl glaubwürdigsten und realistischsten Affengestalten der Filmgeschichte. Ein sechster Award sollte ihm dafür sicher sein. Ergänzt wird seine herausragende Maske von der schauspielerischen Leistung Tim Roths und Helena Bonham Carters, die ihren Schimpansen-Charakteren effektvoll Leben einhauchen. Leider sind sie so gut, dass Mark Wahlberg und vor allem die völlig überflüssige Estella Warren daneben noch farbloser wirken.

"Weiße Frau" als überflüssiges Alibi: Supermodel Estella Warren als Deana
20th Century Fox

"Weiße Frau" als überflüssiges Alibi: Supermodel Estella Warren als Deana

Das ehemalige Supermodel verknallt sich als Blondine Daena ebenfalls in den markigen Davidson. Ihre einzige Aufgabe im gesamten Film scheint es allerdings zu sein, attraktiv auszusehen und mit geschürzten Lippen eifersüchtige Blicke auf die äffische Nebenbuhlerin zu werfen. Man hat den Eindruck, dass es nicht Burtons Idee war, Warren in den Film einzubauen. Er hätte sich wahrscheinlich lieber auf die reizvolle Romanze zwischen Mensch und Affe konzentriert, doch vermutlich witterten die Produzenten Umsatzeinbußen durch Sodomie-Vorwürfe und bestanden auf einer "weißen Frau".

Ebenso überflüssig in der Fluchtgruppe sind Daenas Teenager-Bruder (Identifikationsfigur für die Jugend) und der als Geisel mitgenommene Sklavenhändler-Orang-Utan (Paul Giamatti), der zwar für die einzigen Humoresken des Films sorgt, aber leider denselben schalen Nachgeschmack hinterlässt wie Jar-Jar Binks in "Star Wars: Episode I".

Dem Signal eines Notfall-Senders folgend, den Davidson aus seiner abgestürzten Raumkapsel gerettet hat, macht sich die Gruppe auf den Weg, um - so hoffen sie zumindest - die Kameraden des Gestrandeten zu finden. Hier verändert Tim Burton die Geschichte des Originals mit der Intention, Ungereimtheiten zu beseitigen. Das gelingt ihm, allerdings nur unter Schaffung vieler neuer Logikfehler. Nur so viel sei gesagt: Nach der Flucht durch die "Verbotene Zone" des Affenplaneten stößt man auf die offenbar abgestürzte Raumstation vom Anfang des Films. Abgesehen davon, dass sich die Set-Designer beim Vorher/Nachher-Design der Raumbasis eklatant im Größenmaßstab verhauen haben, funktionieren dann auch noch alle elektronischen Geräte an Bord - obwohl ganz offensichtlich Äonen seit dem Absturz vergangen sind. Wunder der Technik...

Beeindruckende Maske: Rick Bakers Kunst verwandelte Helena Bonham Carter in eine Schimpansin
REUTERS

Beeindruckende Maske: Rick Bakers Kunst verwandelte Helena Bonham Carter in eine Schimpansin

Mittels einer alten Videoaufzeichnung erfährt man schließlich mehr über die schicksalhafte Verknüpfung von Affen- und Menschenzivilisation, bevor es dann schließlich zum hanebüchenen und unfreiwillig komischen Showdown kommt. Für das überraschende Ende seiner "Neuinterpretation" überlegte sich Tim Burton übrigens fünf verschiedene Versionen und traf seine finale Entscheidung erst ganz kurz vor dem US-Start, offenbar um die Spannung zu erhöhen und Kritiker zu verwirren.

Das zumindest ist ihm gelungen: Wer von Burtons "Planet der Affen" eine cineastische Offenbarung und den gelungenen Transport der noch immer aktuellen Thematik des Originals in die Neuzeit erwartet hat, wird enttäuscht sein. Wer sich hingegen mit einem optischen Spektakel, grandiosen Masken und Kostümen, aber einer eindimensionalen und actionlastigen Handlung begnügen mag, kann sich knappe zwei Stunden dem Popcornkino-Rausch hingeben. Von Tim Burton, dem Mann, der die Kernthematik von "Planet der Affen" - verzweifelter Außenseiter muss sich in einer feindlichen Gesellschaft behaupten - schon so oft und visionär verfilmt hat ("Ed Wood", "Edward mit den Scherenhänden", "Batman"), hätte man sich mehr als einen weiteren, hohlen Hollywood-Blockbuster gewünscht...

"Planet der Affen" ("Planet Of The Apes"). USA 2001. Regie: Tim Burton; Buch: Pierre Boulle (Roman), William Broyles Jr.; Darsteller: Mark Wahlberg, Tim Roth, Helena Bonham Carter, Estella Warren, Paul Giamatti. Länge: 118 Minuten; Verleih: 20th Century Fox; Start: 30. August 2001.





© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.