Poker-Drama "Glück im Spiel" Narziss und Herzchenmund

Ein Mann und sein alles vernichtender Spieltrieb: Im Poker-Drama "Glück im Spiel" streift ein undurchsichtiger Taugenichts elegant durch die Nächte von Las Vegas - doch als ihm die Liebe in die Quere kommt, gehen dem Film die Trümpfe aus.

Von Birgit Glombitza


Huck gleitet durch die Nächte von Las Vegas wie durch einen glitzernden Strom. Alles an Huck scheint glatt und geschmeidig. Nichts will an ihm haften bleiben, an dem glänzenden Leder seiner Motorradjacke, an den leicht gegelten Haaren und diesem blanken Blick, der sich professionell darauf versteht, nichts zu sagen. Huck ist ein Pokerface, ein Spieler, ein Besessener. Einer, der mit neurochirurgischer Präzision zu den inneren Gedankenströmen seines Gegenübers vorzudringen scheint. Einer, der sie alle in die Tasche stecken könnte, gäbe es da nicht diesen nagenden Impuls in ihm, eine Mischung aus Gier und Spieltrieb, der im letzten Moment jeden Sieg zunichte macht. Die Möbel sind verkauft, das Haus verpfändet, die Reserven aufgebraucht. Bis auf das Motorrad, das ihn weiter durch die Nacht zieht. Direkt vor den Hintergang des nächsten Casinos, zum nächsten Spiel.

Mit seinem vollen Namen Huckleberry knüpft dieses egozentrische Geschöpf Huck natürlich an die amerikanische Tradition der Drifter und Taugenichtse an, die auf einem Strohhalm kauend am Ufer sitzen, mit den Füßen im Fluss des viel zu ernsten Lebens baumeln, und sich ganz nach Bedarf was zum Abendbrot zu organisieren. Um sich im rechten Moment aber den dicksten Fisch zu angeln, fehlt Huck die Abgebrühtheit seines Vaters, einer lebenden Pokerlegende.

Wie gut und elegant sich Huck bereits aufs Bluffen und Preisetreiben versteht, sehen wir gleich am Anfang. Bei einem Pfandleihgeschäft will er seine Digitalkamera versetzten. Wie er das anstellt, mit welch charmanter Unverfrorenheit und Penetranz er der ihrerseits durchaus abgebrühten Dame des Ladens sein Verkaufsobjekt als zukünftigen Kassenknüller empfiehlt, der alle anderen Digitalkameras in der Auslage in Vergessenheit geraten lassen soll, das gehört zu der besten und originellsten Szene von "Lucky You", wie der Film statt dem deutschen "Glück im Spiel" angenehmerer Weise im Original heißt.

Zu schön für das Pech

Curtis Hanson hat ihn gedreht, der Regisseur von "L.A. Confidential". "Lucky You" hat ihm in Amerika bislang mehr Buhrufe als Glück gebracht. Dabei holt er sich mit Eric Bana jenen schillernd narzistischen Charme auf die Leinwand, wie man ihn seit Richard Geres "American Gigolo" nicht mehr gesehen hat. Edel sieht Bana hier aus und fern. Ein Luxusgeschöpf mit viel versprechend verschleierten Samtaugen, zu schön für das Pech. Und wie sein mögliches Vorbild versteht Bana es, etwas in seinen Blick zu zwingen, das seine wechselnden Geliebten nur allzu gerne mit Zärtlichkeit verwechseln.

Mit Bana, der sich seit seinem wunderbar zerrissenen "Hulk" und seiner faszinierenden Rächerfigur Avner in Spielbergs "München" als Mann für reizbare und tragisch zerrissene Geschöpfe ins Zeug gelegt hat, wird "Lucky You" zu einem dunklen Märchen von Versuchung und Erlösung. Mit dem omnipotenten, unschlagbaren Vater, der die Mutter für eine Leidenschaft verließ, in der er es zum weltbesten Pokerspieler brachte, kommt zusätzlich eine ödipale Verstrickung in die Geschichte, an der sich Huck den ganzen Film über und gelegentlich recht zäh abzuarbeiten hat. Robert Duvall spielt den Vater L.C. Cheever in unscheinbarem Rentnerbeige aber mit einer Bauernschläue und Lässigkeit, vor der jeder in die Knie gehen muss. Mit altersmildem Lächeln, aber blitzenden Augen zieht er einen Stapel Spielkarten aus dem Anorak und nimmt zwischen zwei, drei Tassen Kaffee und ein paar Donuts seinen schwer belehrbaren Sohn aus.

Matte Trümpfe im Ärmel

Wirklich verlieren tut der Film erst mit dem zwanghaften Vorhaben, dem Gigolo die große Liebe zuzuspielen. Der Spieler und Blender findet die wahren Gefühle in Gestalt eines reinen Mädchens aus der Provinz, das in Las Vegas darauf hofft, als Sängerin entdeckt zu werden. Drew Barrymore hat den undankbaren Part der Billie übernommen. Doch auch das Wissen um Barrymores wechselvolles und abgrundreiches Leben vermag die blasse Rolle nicht mit Interessanterem zu unterfüttern. Da steht Billie nun im unmodischen Blümchenkleid, das an den Sonntagsaufzug der Landfrauen in den Vierzigern erinnert. Mit Herzchenmund und verlegenem Jungmädchenlächeln soll sie die wahren, guten Werte gediegener Bürgerlichkeit in den Traumtanz von Las Vegas bringen.

Der Held mit dem dunklen Blick und dem schweren Herzen beklaut sie nach der ersten Nacht. Sie verzeiht ihm und lässt sich stellvertretend für alle Unkundigen das Spiel und seine Faszination erklären. Ein Spiel, das zur Zeit in aller Welt so in Mode gekommen ist, dass TV-Pokerduelle es zu erstaunlichen Einschaltquoten bringen. Auch wenn die wenigsten der oft verschwitzen und nicht selten sonnenbebrillten Teilnehmer nicht gerade die Coolness eines Steve McQueen herüberbringen und eine Kamera den Posenden schamlos in die Karten schauen darf.

"Lucky You", der so stilvoll und elegant beginnt, hat schon bald keine Trümpfe mehr im Ärmel und wird so romantisch und simpel, dass ihm etwas Kühle gut getan hätte. Und irgendwann in der Mitte bringt der Film es sogar fertig, seine wenigen tiefergehenden Wahrheiten über das Leben, die Unfähigkeit geliebt zu werden oder den Vater zu besiegen an einen Glückskeks zu delegieren.

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