"Poliezei"-Regisseurin Maïwenn: "Angst macht mir Lust, mich zu übertreffen"

Ihr Film "Poliezei" zeigt eine Pariser Spezialeinheit im Kampf gegen Pädophilie - und wurde in Cannes gefeiert. Im Interview spricht die französische Regisseurin Maïwenn über Angst als Antrieb, ihren Ex-Mann Luc Besson und erklärt, warum sie am Set Latzhosen trägt.

"Poliezei"-Regisseurin Maïwenn: "Ich ziehe dann Latzhosen an" Fotos
DPA

SPIEGEL ONLINE: Ihr autobiografischer Film "Pardonnez-moi" aus dem Jahr 2004 war eine Abrechnung mit Ihrer schwierigen Familiengeschichte. Ihr neuer Film "Poliezei" handelt vom Schutz der Kinder vor Gewalt und Missbrauch. Gehen Sie dabei von persönlichen Erlebnissen aus oder wollen Sie die Missstände der französischen Gesellschaft beschreiben?

Maïwenn: Weder noch. Ursprünglich wollte ich Justine Lévys Roman "Rien de grave" für das Kino adaptieren. Ich hatte schon ein Drehbuch geschrieben und mit dem Casting begonnen, als mir klar wurde, dass ich keine Angst hatte, diesen Film zu machen. Ein befreundeter Regisseur, Cédric Kahn, sagte mir, das sei ein schlechtes Zeichen. Er hatte Recht. Ich spürte kein tiefes Bedürfnis, keine echte Herausforderung. Also habe ich das Projekt fallengelassen, den Spieß umgedreht und nach einem Thema gesucht, das mir Angst machte. Auf meiner Liste standen Actionfilme, Horrorfilme, Science-Fiction-Filme und Polizeifilme.

SPIEGEL ONLINE: Angst motiviert Sie beim Filmemachen?

Maïwenn: Angst macht mir Lust, mich zu übertreffen. Als ich nach einem neuen Thema suchte, sah ich im Fernsehen einen Dokumentarfilm über die Polizeieinheit zum Schutz der Minderjährigen. Diese dramatischen Geschichten haben mich so tief berührt, dass ich mich sofort an die Arbeit gemacht habe. Ich suche immer nach Themen, die mich aufregen. Der einzige Weg mich zu beruhigen ist dann, einen Film zu drehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie zeigen den Polizeialltag einer Spezialeinheit. Welche Filme über die Polizei haben Ihnen als Vorbild gedient?

Maïwenn: Ich habe viele Filme über die Polizei gesehen, um herauszufinden, wie andere Regisseure mit dem Thema umgehen. Aber ich hatte kein bestimmtes Vorbild. Da im Kino schon alle Themen behandelt worden sind, muss man einen neuen Zugang, eine originelle Form finden. Schließlich mache ich Filme nicht nur zum eigenen Vergnügen, sondern weil ich das Kino so liebe.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Film bekam in Cannes den Jurypreis und ist in Frankreich zu einem Publikumshit geworden. Woran liegt es eigentlich, dass nur wenige Regisseurinnen langfristig Karriere machen?

Maïwenn: Regisseur ist ein Männerberuf. Wenn man mit den Geldgebern verhandelt oder seine Crew auf dem Filmset dirigieren muss, braucht man vor allem klassisch männliche Stärken. Man kann da nicht in einem Minirock auftauchen und auf Verführung und Sanftheit setzen. Ich ziehe dann eine Latzhose an und muss die Schauspieler beruhigen, Solidarität zwischen allen Mitarbeitern herstellen und dafür sorgen, dass alle gut aussehen. Solche Beschützeraufgaben liegen eher Männern als Frauen. Vielleicht gibt es aus diesem Grund immer noch so wenige Regisseurinnen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Auswirkungen hat Ihr Beruf auf Ihr Privatleben?

Maïwenn: Für mich als Regisseurin hat sich das Verhältnis zu den Männern radikal geändert. Privat bin ich damit schlechter zurecht gekommen als bei den Dreharbeiten. Es ist beinahe schizophren, tagsüber 50 Menschen zu kommandieren und sich abends trösten zu lassen. Meinem Freund Didier...

SPIEGEL ONLINE: ...der in Frankreich auch als Rapper Joeystarr bekannt ist und eine Hauptrolle in "Poliezei" spielt...

Maïwenn: ...fiel es damals schwer, mit einer Frau zu leben, die ihn tagsüber als Regisseurin führt und abends bei ihm Zuflucht sucht. Die Energie, die man als Regisseurin aufbringen muss, macht vielen Männern Angst.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich Ihre frühe Heirat mit dem mächtigen französischen Produzenten Luc Besson auf Ihre Karriere ausgewirkt?

Maïwenn: Das hat mir sehr geschadet! Es ist nie gut, die Ex-Frau eines berühmten Menschen zu sein, vor allem, wenn er wie Luc Besson das kommerzielle Kino verkörpert. Sein Image passte nicht zu einer jungen Frau wie mir, die sehr persönliche Drehbücher schreibt. Am Anfang sagten die Leute "Schau, die Ex von Besson macht eine One-Woman-Show!". Als mein Stück "Le pois chiche" ein Erfolg wurde, hat man mich langsam in Ruhe gelassen. Aber ich bin im französischen Filmgeschäft oft auf Ablehnung gestoßen: wegen meines Aussehens, wegen meines Rufes und wegen des Vaters meiner Tochter, von dem ich seit 15 Jahren getrennt bin und mit dem ich nie zusammen gearbeitet habe.

SPIEGEL ONLINE: Welche Sicht haben Sie auf die französische Gesellschaft, die Sie in "Poliezei" beschreiben?

Maïwenn: Ich selber habe keine besondere Sicht, habe aber durch die Auseinandersetzung mit der Spezialeinheit zum Schutz der Minderjährigen viele neue Einblicke gewonnen. Ich will keine soziologischen oder kitschigen Antworten geben. Ich liebe das Leben und beobachte die Menschen um mich herum. Ich verfolge keine politischen Absichten, aber vielleicht ist mein Film ungewollt doch politisch geworden. Aber ich bin nicht der Sprecher einer bestimmten Kultur oder Bevölkerungsgruppe.

SPIEGEL ONLINE: Sie wuchsen als Tochter eines Bretonen und einer Algerierin auf.

Maïwenn: Ja. Ich bin halb Algerierin, ein Viertel Vietnamesin, ein Viertel Bretonin, habe mit einem Mann von den Antillen gelebt und wohne in einem sehr multikulturellen Pariser Stadtteil. Ich habe ganz unterschiedliche kulturelle Wurzeln - das ist mein Leben und daher erzähle ich auch davon.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie an eine friedliche multikulturelle Gesellschaft?

Maïwenn: Nicht unbedingt, denn kulturelle Gegensätze und Missverständnisse können oft Dramen auslösen. Die Maghrebiner etwa finden sich oft in Polizeigewahrsam wieder, weil Sie bei der Behandlung ihrer Kinder nicht dieselbe Vorstellung von Grenzen haben wie andere. Ich will in meinem Film aber nur zeigen, was ich selber bei der Spezialeinheit gesehen habe.

SPIEGEL ONLINE: Macht Ihnen der Erfolg von "Poliezei" Mut, weitere Filme zu drehen?

Maïwenn: Dieser unerwartete Erfolg ist wie Balsam auf meine Wunden. Scheinbar beruhigt und erfüllt er mich. Aber was passiert danach? Ich weiß genau, dass jeder weitere Film neue Wunden aufreißen wird und ich werde wieder wie nackt sein. Jeder Film ist, als würde ich ein Kind mit einem anderen Mann machen. Und man kann nie wissen, ob man sich gut verstehen wird.

Das Interview führte Marcus Rothe

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1. Falsch
tomloew 28.10.2011
Der Autor schiebt nicht gestellte Zwischenfragen ins Interview ein, mit denen er dem Leser Informationen vermitteln will ("...der in Frankreich auch als Rapper Joeystarr bekannt ist ...") und legt der Regisseurin informative Nebensätze in den Mund, die sie mit Sicherheit nicht gesagt hat ("... mit dem ich nie zusammen gearbeitet habe.") Das ist bestimmt nett gemeint, aber es weckt bei den Lesern nicht viel Sympathie – und bei der Interviewten wohl auch nicht. Erst recht nicht, wenn dabei falsch informiert wird: Maïwenn hat sowohl in Leon als auch Das fünfte Element mit Besson gearbeitet.
2. Re: Falsch
HubertusR 28.10.2011
Zitat von tomloewDer Autor schiebt nicht gestellte Zwischenfragen ins Interview ein, mit denen er dem Leser Informationen vermitteln will ("...der in Frankreich auch als Rapper Joeystarr bekannt ist ...") und legt der Regisseurin informative Nebensätze in den Mund, die sie mit Sicherheit nicht gesagt hat ("... mit dem ich nie zusammen gearbeitet habe.") Das ist bestimmt nett gemeint, aber es weckt bei den Lesern nicht viel Sympathie – und bei der Interviewten wohl auch nicht. Erst recht nicht, wenn dabei falsch informiert wird: Maïwenn hat sowohl in Leon als auch Das fünfte Element mit Besson gearbeitet.
Dieser Vorhalt von "tomloew" erscheint mir schlüssig. Ich bitte den Autor und Interviewer Herrn Marcus Rothe dazu Stellung zu nehmen.
3. ---
Earendil77 28.10.2011
Nein, Spiegel, der Film zeigt nicht eine Polizeieinheit "im Kampf gegen Pädophilie", sondern gegen Kindesmissbrauch. Wann begreift Ihr denn mal, dass das nicht dasselbe ist?
4.
Phoenix2006 29.10.2011
Zitat von sysopIhr Film "Poliezei" zeigt eine Pariser Spezialeinheit im Kampf gegen Päderasten - und wurde in Cannes gefeiert.*Im Interview spricht die*französische Regisseurin Maïwenn über*Angst als*Antrieb, ihren Ex-Mann Luc Besson und*erklärt, warum sie am Set Latzhosen trägt. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,794308,00.html
Ich habe mal eine wissenschaftliche Frage (Politik, Soziologie,Medizin, Philosophe, Arbeitswissenschaften u.s.w.) Warum ist dieser Film in seiner Komplexität so eindrucksvoll um auf den vielfätigen Wissensgebieten Denkprozesse in Gang zu setzen?
5.
Phoenix2006 29.10.2011
Zitat von sysopIhr Film "Poliezei" zeigt eine Pariser Spezialeinheit im Kampf gegen Päderasten - und wurde in Cannes gefeiert.*Im Interview spricht die*französische Regisseurin Maïwenn über*Angst als*Antrieb, ihren Ex-Mann Luc Besson und*erklärt, warum sie am Set Latzhosen trägt. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,794308,00.html
Vielen Dank dem gesamten Team (Schaupspieler/in -Haupt/Nebenrolle, Kameraleute, Tontechniker, Maske, Cutter u.s.w) für diesen Film!
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Zur Person
Maïwenn Le Besco, die als Künstlerin lediglich unter ihrem Vornamen auftritt, ist Schauspielerin, Drehbuchautorin und Regisseurin. Auf dem Festival von Cannes gelang der 35jährigen 2011 eine Überraschung: Mit ihrem dritten Film "Poliezei" gewann sie dort den Preis der Jury. Schon früh schien ihr Weg zum Kino vorgezeichnet. Ihre Mutter, eine erfolglose Schauspielerin, setzte alles daran, sie zum Kinderstar zu machen. Maïwenn spielte als Kind in Filmen wie "Ein mörderischer Sommer", tanzte mit 12 Jahren die Nächte durch und heiratete mit 16 Jahren Luc Besson. Nach der Trennung verschaffte sie sich Anerkennung mit dem Einpersonenstück "Pois chiche", in dem sie humorvoll mit ihren Eltern abrechnete. Dann begann sie, Filme zu drehen. Auf ihren autobiographischen Debütfilm "Pardonnez-moi" (2006) folgte die Komödie "Le Bal des actrices" (2008) mit sich selbst in der Hauptrolle, bevor sie "Poliezei" drehte und dabei ein großes Schauspielerensemble dirigierte.