Polit-Doku "Die Anwälte" Die drei Fragezeichen

Aus der gemeinsame Traum: Anhand der ehemaligen RAF-Verteidiger Otto Schily, Hans-Christian Ströbele und Horst Mahler zeigt der Film "Die Anwälte", in welch unterschiedliche Richtungen sich 68er entwickelt haben. Klingt gut. Aber warum kriegt Holocaust-Leugner Mahler so viel Platz eingeräumt?

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2002 sitzen sie wieder gemeinsam in einem Gerichtsaal. Otto Schily will als Bundesinnenminister vor dem Bundesverfassungsgericht ein Verbot der NPD erwirken, Horst Mahler hat deren Verteidigung übernommen. Auf den Fernsehaufnahmen von damals sieht man Schily gequält lächeln, während Mahler triumphierend grinst über die Aufmerksamkeit, die ihm auf seine alten Tage noch mal entgegengebracht wird.

Die Ironie der Geschichte, die in diesen Bildern liegt, ist jedem bewusst, der sich auch nur ein bisschen für die Entwicklung der 68er in Deutschland interessiert: Da traten zwei an, die einst gemeinsam von links aus den Staat verändern oder gar abwickeln wollten. Doch nun, in diesem Oktober 2002, standen sich der zum Law and order-Vorzeigepolitiker avancierte Schily und der inzwischen rechtsgewendete Revolutionsrhetoriker Mahler als Gegner gegenüber.

Genau 30 Jahre zuvor hatten die beiden schon einmal vor dem Kadi gekämpft, damals gemeinsam. Im Amtsgericht Moabit verteidigte der Anwalt Schily 1972 seinen Kollegen Mahler, der als Mitinitiator des RAF-Terrors angeklagt war. Es gibt dieses berühmte Foto, das die beiden samt einem dritten in stiller Eintracht während der Verhandlung zeigt: Mahler sitzt auf der Anklagebank, vor ihm Schily auf der einen und sein zweiter Verteidiger Hans-Christian Ströbele auf der anderen Seite. Ströbele hat Mahlers Anwaltsrobe übergestreift - als Zeichen der Solidarität.

Dieses Foto hat die Filmemacherin Birgit Schulz ihrem Dreierporträt "Die Anwälte" vorangestellt. Es liegt ja auch eine große Symbolik darin, wie drei brillante Rhetoriker verbündet gestartet sind, um Jahrzehnte später in gegensätzlichen politischen Ecken zu landen. Ein plakatives Ausgangsmotiv für eine Studie über Radikalisierung und Verbürgerlichung, über rigide Kurswechsel und abstruse Gesinnungswandel in der Bundesrepublik nach 1968.

Der "tragische Fall" Mahler

Die Sache hat nur einen Haken: Will man wirklich die Biografie von Horst Mahler, dieses demagogischen Aufziehpüppchens und Links-rechts-mir-doch-egal-Radikalinskis, gleichberechtigt neben denen von Schily und Ströbele gestellt sehen? Kann die Rekonstruktion seines Werdegangs mehr bieten als die bizarre Story eines krankhaft nach Aufmerksamkeit Heischenden? Kann sie gar Aufschluss über kollektive Bewusstseinsveränderungen in der Bundesrepublik geben?

Eben nicht. Und das macht es nahezu unerträglich, dem Salonfaschisten und verurteilten Holocaustleugner Mahler dabei zuzuhören, wie er unwidersprochen seine Entwicklung psychologisch und philosophisch ausbreitet und dann auch noch jovial die weniger umsturzbereiten Wegbereiter analysiert. Das klingt dann so: "Für Schily war klar: Er wollte keine Revolution, sondern eine Evolution." Wie oft habe er selbst, Mahler, dann gestöhnt: "Otto, das funktioniert so nicht!"

Nun hatte jedoch ausgerechnet Schily seinen unfreiwilligen Anteil an Mahlers Hinwendung zum Neonazismus, brachte ihm dieser doch Mitte der Siebziger eine Hegel-Gesamtausgabe mit in den Knast. Damit zimmerte sich der Knacki den theoretischen Überbau für sein nächstes revolutionäres Projekt zurecht. Nicht die "revolutionäre Arbeiterklasse" wollte Mahler fortan erretten, sondern die "Volksgemeinschaft".

Solche Erlösungsphantasien machen es natürlich unmöglich, dass zwischen den drei Anwälten, die einst im Sozialistischen Anwaltskollektiv vereint waren und hier getrennt interviewt werden, ein ernst zu nehmendes verbales Fernduell entstehen könnte. Mit einem Holocaustleugner diskutiert man nun mal nicht. Mahler stichelt; die beiden anderen schweigen weitgehend traurig über den einstigen Weggefährten, den Schily einmal als "tragischen Fall" bezeichnet hat.

Kein Mann für politische Langzeitehen

Dabei kann eine getrennte Befragung sehr effizient sein, wie zum Beispiel das Filmporträt über Rudi Dutschke zeigt, das Anfang nächsten Jahres im ZDF läuft. Dort entwickelt sich ein doppelbödiger Dialog über den mythisch erhöhten Studentenführer. Denn natürlich geht es beim Thema "68 und die Folgen" stets um die Frage: Wer sichert sich die Deutungshoheit - und wie entzieht man sich als Interviewer den Versuchen der Interviewten, deren eigene Wahrheit als objektive Wahrheit zu verkaufen?

Schon in der Befragung von Ströbele und Schily hätte genug Potential für ein großes Post-68er-Drama gelegen: Verletzungen und Verblendungen, Widerstandslinien und Wandlungsprozesse, antiautoritäres Aufbegehren und autoritäres Durchgreifen - das alles spiegelt sich in diesen beiden wider. Vielleicht findet man keine zwei anderen Personen, an denen sich die Bandbreite aller möglichen Entwicklungen nach der Revolte besser darstellen lässt.

Was ist geblieben? Im Doppelporträt (eben ohne Mahler) zeigen sich zwei Entwicklungen, die gegensätzlicher nicht sein könnten: Da ist Ströbele, der einzige grüne Bundestagsabgeordnete mit Direktmandat. Bei aller Selbstkritik suchte er stets Kontinuitäten und verschrieb sich immer wieder dezidiert linken Projekten.

Und da ist Schily, der sich im steten Bruch mit dem jeweiligen politischen Bündnispartner immer neue Positionen aneignete. Schily ist kein Mann für politische Langzeitehen, Parteigenossen sind für ihn eher wie Lebensabschnittsgefährten, die er nach der Trennung durch heiße Flirts mit einstigen Gegnern düpiert.

Allein gegen alle im Bundestag

"Die Anwälte" durchdringt den Wandel vom überzeugten RAF-Verteidiger zum Law and order-Hardliner zwar nicht wirklich, aber man bekommt eine Ahnung von Kränkungen und Konflikten, die die radikalen Kurswechsel mitbedingt haben dürften. Einmal murrt Schily im Interview, dass er einst bei den neu gegründeten Grünen "nicht einen einzigen Vorschlag" hätte durchbringen können. Die Einsamkeit scheint bei ihm irgendwann zum politischen Prinzip geworden zu sein; mehrmals sieht man ihn gegen alle anderen im Bundestag anreden.

Umso bemerkenswerter, dass es in "Die Anwälte" Momente gibt, wo es sich der Polit-Loser erlaubt, sich emotional zu öffnen: An einer Stelle erzählt er von der krebskranken RAF-Aktivistin Kathrin Hammerschmidt, die er 1972 in seiner Funktion als Anwalt dazu überredet hatte, sich zu stellen. In Haft jedoch verweigerte man Hammerschmidt die Medikamente, kurze Zeit später erlag sie ihrem Leiden. Schily gibt sich dafür noch immer die Schuld.

Ein starker Augenblick in einem ansonsten ziemlich schwachen Film: Auf einmal glaubt man, ihm ganz nah zu sein, dem großen Unberührbaren der deutschen Politik.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
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justicus 17.11.2009
1. Anwälte der begrenzten Regelverletzung
Die Dokumentation ist bestimmt interessant, auch wenn man den Film noch nicht gesehen hat. Wichtig aber ist: Zur Vorgeschichte gehört, dass Mahler, Stoebele und Schily vor den Prozessen gegen Mahler einmal gemeinsam verteidigt haben, zusammen mit weiteren Anwälten, die heute Mandanten aus systmrelevbanten Bereichen vertreten. Sie traten zum Beispiel bei den ersten Heidelberger Studentenprozessen in Heidelberg Ende der 60iger Jahre auf. Damals machte der Satz Mahlers von der Zulässigkeit der "begrenzten Regelverletzung" als Motto des gesellchaftlichen Protestes der Studenten die Runden, mit dem wider den konservativen Stachel gelöckt wurde. Damals machten diese Anwälte eine grundlegende Erfahrung: Assessoren wurde die Zulassung zur Anwaltschaft verweigert, weil sie wegen ihrer Teilnahme an Anti-Springer-Demonstrationen in Esslingen teilgenommen haben sollten. Anwälte, die Studenten und Mitglieder des Sozialistischen Patientenkollektivs(SPK) verteidigten oder appellierend für sie eintraten wurden selbst zu Beschuldigten. Es entstand die Nähe zwischen dem SPK zur RAF, weil Mitglieder des Heidelberger SPK auf der Fahdungsliste nach Mitgliedern der RAF zu finden waren. Dieser Aspekt fehlt übrigens weitgehen in der Vorgeschichte, die Entsteheng der RAF nachzuzeichnen. In dieser Atmosphäre begann eine Entwicklung, die Verteidigerrechte für besonders diese Beschuldigten zu beschränken. Ein Strafrechtler kann das besser beurteilen als ich. Wer das damals wie ich als Journalist begleitet hat, machte die Erfahrung, dass die Verfahren nach der Strafprozessordnung auch politisch eingesetzt wurden und politisch motiviert waren, um mit den Mitteln der Strafjustiz die politischen Konflikte um und nach den 68igern in den Griff zu bekommen. Niklas Luhmanns Credo von der "Legitimation durch Verfahren" erfuhr eine Entgleisung. Die Anwälte waren in diesem politischen Szenario nur Statistn ihrer selbst. Es ist bestimmt spannend, die drei Anwälte abzufilmen. Die ganze Geschichte dahinter muss aber noch geschrieben werden.
moonoi 17.11.2009
2. die reden alle drei
nur noch ueber IHRE anwaelte, wobei Ströbele und Schily wohl noch einen konsens finden koennen. mahler ist voellig von der rolle, aber im prinzip bringt er die RAF auf den punkt. bader enslin standen an der "rampe" und selectierten. tod, leben, tod.
od1 17.11.2009
3. Neurotische Anerkennung
Für mich besteht kein qualitativer Unterschied zwischen einem Juristen und RAF-Verteidiger, der zum Holocaust-Leugner wird, und einer Hartz-IV-Empfängerin, die ihren Säugling in die Gefriertruhe steckt, oder einem "Kanibalen von Rothenburg". In allen Fällen gibt es etwas Krankhaftes, das uns vermeintlich Gesunden ins Gedächtnis rufen sollte, wie imperfekt und unheroisch die reale Welt ist. Ebensowenig verstehe ich die im Artikel zur Sprache kommende panische Angst davor, dass ein Holocaust-Leugner zu viel verbalen Spielraum bekommt. Wie sonst sollte man das Krankhafte erkennen, als dass man sich damit beschäftigt. Wer vor Holocaust-Leugnern Angst hat, nimmt sie ernst, überhöht sie dadurch, und trägt so letztendlich dazu bei, sie salonfähig zu machen. Die beschworene Geltungssucht trifft insofern bei den Holocaust-Leugner-Phobikern auf fruchtbaren Boden. Viel interessanter finde ich den Vergleich der Perspektiven von jemandem, der die Zukunft noch nicht kennt und von jemandem der auf die Vergangenheit zurückblickt. Gibt es heute einen grundsätzlichen Unterschied zwischen einem Juristen, der in 30+ Jahren zu einem Holocaust-Leugner wird, und einem Juristen, der einen akzeptablen professionellen Lebensweg beschreitet ? Ich denke, es ist eine der wesentlichen Erkenntnisse der Kriminologie, dass es den geborenen Straftäter nicht gibt, und somit auch nicht den geborenen Bravbürger. Und das gilt dann natürlich auch für Juristen...
Foul Breitner 17.11.2009
4. Warum Mahler so Platz bekommt ?
Macht Sinn, weil die anderen beiden ja ohnehin einigermaßen präsent sind.
wildbrain 18.11.2009
5. Wann? Wo?
Ich beglückwünsche Sie zu diesem im wahrsten Sinne des Wortes nichts sagenden Artikel, der mit keinem Wort die Sendezeit oder den verantwortlichen Sender verrät.
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