Polit-Regisseur Oliver Stone "Amerika ist ein Imperium, das nicht mehr funktioniert"

Getty Images

2. Teil: "Die Gier wird uns nie verlassen"


SPIEGEL: Gordon Gekko, der düstere Finanzhai, damals wie heute gespielt von Michael Douglas, wurde nach Ihrem ersten "Wall Street"-Film von 1987 zur Ikone des schillernden Bankers. Sein berühmter Ausspruch "Gier ist gut" wurde das Mantra einer ganzen Kultur. Das konnten Sie ja nicht gewollt haben.

Stone: Nein. Bis heute kommen ja in New Yorker Restaurants Hedgefonds-Manager zu Michael und sagen: Mr. Douglas, danke, Ihretwegen bin ich Trader geworden.

SPIEGEL: Finden Sie das nicht tragisch? Sie wollten damals der Welt den Typus des skrupellosen Bankers vorstellen, aber die Welt liebte ihn. Und mehr als 20 Jahre später ist es genau jener Gekko-Typ, der die Welt fast in den Abgrund reißt.

Stone: Nicht ganz richtig. Auch der erste "Wall Street"-Film hat den Finanzmarkt nicht verdammt. Aber immerhin geht Gekko am Ende ins Gefängnis. Dafür hat man mir dann vorgeworfen, ich würde moralisieren. Man gewinnt nie. Immer mache ich etwas falsch.

SPIEGEL: Man versteht Sie falsch?

Stone: Lesen Sie die Kritiken? Bei "W." hat man mir vorgeworfen, ich sei nicht hart genug mit Bush ins Gericht gegangen. Bei "World Trade Center" hieß es, der Film sei zu patriotisch. Jetzt heißt es: Oliver Stone muss die Wall Street verdammen. Warum denn? Mein Vater war selbst Broker an der Wall Street. In dem Film von 1987 habe ich bis zu einem gewissen Grad die Gier verdammt, es zumindest versucht. Ich dachte aber auch, die Gier würde verschwinden, diese Ära würde enden. Dass das erst der Anfang war, habe ich nicht geahnt.

SPIEGEL: Der erste "Wall Street"-Film zeigte fast prophetisch die böse Seite des Finanzkapitalismus.

Stone: Ja, und was passierte? Aus einer Million wurde eine Milliarde. Die Banken spielten verrückt, sie wollten plötzlich selbst spekulieren, alles wurde monströs. Alles wurde zehnmal größer, als ich es mir je hätte träumen lassen, damals 1987. Soll ich jetzt noch mal rufen: Gier ist schlecht? Nein, ich lache laut, und sage: Die Gier wird uns nie verlassen. Sie ist unsere Natur.

SPIEGEL: Sie meinen, Gordon Gekko und wir alle können gar nicht anders?

Stone: Gekko ist Gekko. Er bleibt ein Hai. Aber ich glaube schon, dass Gekko eine Wahl hat. Er kommt aus dem Gefängnis, er muss noch einmal ganz unten anfangen. Aber er bescheißt erneut jeden, um wieder nach oben zu kommen, einschließlich seiner Tochter. Kein Problem für ihn. Was hat er am Ende davon? Er hat keinen Sohn, keine Tochter, keine Frau, er hat niemanden. Keiner will mehr mit ihm reden, er spricht nur noch mit seinem Geld. Ich sage nicht, dass er ein toller Kerl ist, aber er hat das Bedürfnis, wahrgenommen, geliebt zu werden.

SPIEGEL: Sie erwähnten, dass Ihr Vater, zu dem Sie ein schwieriges Verhältnis hatten, selbst Wall-Street-Broker war. Haben Sie deswegen das Bedürfnis, in Gekko das Gute zu entdecken, um auch mit Ihrem Vater ins Reine zu kommen?

Stone: Vergessen Sie es. Mein Vater hat mit diesem Film nichts zu tun. Mein Vater war die alte Wall Street, eben nicht Gekko. Mein Vater war einer derjenigen, die von Leuten wie Gekko kaputt gemacht wurden. Die neue Wall Street arbeitet, das zeigt der Film, mit Gerüchten. Gerüchte sind eine Waffe geworden. Die inzwischen tote Investmentbank Bear Stearns zum Beispiel, auf die in dem Film angespielt wird, wurde im Grunde von einem Gerücht erledigt. Gerüchte vernichten auf der Wall Street Menschen.

SPIEGEL: Hat Ihr Vater das auch zu spüren bekommen?

Stone: Mein Vater hat sein Leben lang mit dem Problem gekämpft, irgendwie an Geld zu kommen. Er hatte zeit seines Lebens Angst. Es hing immer dieser Schatten über ihm. Er ist während der Wirtschaftskrise aufgewachsen, kam mitten während der Depression von der Uni. Er schaffte es irgendwie, mich in Yale unterzubringen, aber das war's.

SPIEGEL: Immerhin soll er Ihnen an Ihrem 16. Geburtstag eine Prostituierte zugeführt haben. Stimmt das?

Stone: Millionen Eltern haben das getan. Wie viele amerikanische Eltern haben ihre Kinder mit nach Mexiko genommen, damit die dort ihre Unschuld verlieren. Kommen Sie, zum Teufel, Sie sind Europäer, Sie sind doch viel liberaler. Ich bin mir sicher, Ihr Vater, Ihr Cousin, Ihr großer Bruder hat Sie auch zur Dorfnutte mitgenommen - in Potsdam oder wo auch immer.

SPIEGEL: Wollte Ihr Vater Sie auch an der Wall Street sehen?

Stone: Ja. Er war richtig sauer. Ihm gefiel nicht, was ich machte. Als ich 1979 zum Glück meinen ersten Oscar bekam...

SPIEGEL: ...für das Drehbuch von Alan Parkers Film "Midnight Express".

Stone: Da beruhigte er sich etwas. Aber eigentlich wollte er, dass ich ein ernsthafter Mann werde. Filme waren für ihn Unfug. Er starb noch vor "Wall Street", aber vorher sagte er zu mir: "Solange du eine Geschichte erzählen kannst, wirst du dich durchschlagen können." Aber als ich Yale schmiss, dachte er, das sei das Ende.

SPIEGEL: Warum haben Sie Yale verlassen?

Stone: Ich konnte George W. Bush als Kommilitonen nicht ertragen.

SPIEGEL: Sie waren tatsächlich mit ihm in einem Jahrgang?

Stone: Ja. Aber ich mochte das arrogante Gehabe dort nicht. Dort hat man das gleiche Problem wie im ganzen Land: Unsere politischen Führer sind eine gebildete Elite, die glaubt, alles zu wissen. Ich fühlte mich nicht wohl unter diesen Leuten. Ich war verloren. Ich wusste nicht mehr, was richtig war und was falsch. Ich fühlte mich innerlich verfault. Und gleichzeitig ging in Asien dieser verrückte Krieg ab. Ich war Patriot und dachte, da müsste man hin. Anstatt in Yale zu sitzen.

SPIEGEL: Innerlich verfault? Sie sind in New York auf Eliteschulen gegangen, Ihnen stand alles offen.

Stone: Aber ich war so taub. Ich habe meine Kindheit in Internaten verbracht. Es gab keinerlei Freude in meinem Leben. Die Internate waren hart. In den fünfziger Jahren wurden dort Kinder noch nicht als eigenständige Menschen toleriert.

insgesamt 34 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
fritz calzone 15.10.2010
1. Ich mag Oliver Stone
Ich mag Oliver Stone. Hier ein sehr gutes Gespräch mit ihm über die Kriege in Vietnam, Afghanistan und seine Erlebnisse in Vietnam http://www.pbs.org/moyers/journal/12042009/watch.html http://www.pbs.org/moyers/journal/12042009/watch2.html
Ohli 15.10.2010
2. Jedermann
Zitat von sysopOliver Stone bringt "Wall Street - Geld schläft nicht" ins Kino, die Fortsetzung seines stilprägenden Börsen-Thrillers. Im SPIEGEL-Gespräch erklärt der US-Regisseur seine Sympathie für Hugo Chávez, welches politische System er sich wünscht - und warum er während des Drehs mit dem Kiffen aufgehört hat. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,723066,00.html
Zitat: „Was hat er am Ende davon? Er hat keinen Sohn, keine Tochter, keine Frau, er hat niemanden. Keiner will mehr mit ihm reden, er spricht nur noch mit seinem Geld“. Ich bezweifele das die Botschaft bei denen, für die sie bestimmt war, auf fruchtbaren Boden fällt. Seit seinem Film „JFK“ scheint Oliver Stone kämpfen zu müssen. Er wird doch niemandem damit auf die Füße getreten haben? Oder doch?
tilson mcwilson 15.10.2010
3. Narr
Herr Stone hätte früher mit dem Kiffen aufhören sollen. Anders ist seine Verherrlichung eines Hugo Chavez und die gleichzeitige Verteufelung George W.'s nicht zu erklären.
gernoternst 15.10.2010
4. Spiegels Definition fuer Diktatur
Ich beziehe mich mehr auf die Art des Fragens des Spiegelredakteurs - wann ist eigentlich ein Diktator ein Diktator? Oder - anders herum - wieso wird Chavez als Diktator bezeichnet wenn er mehrere Male auf eine Weise gewaehlt wurde dass die Wahlbeobachter keine wesentliche Kritik hatten? Mit den Kriterien, die der Spiegel offensichtlich benutzt (moegliche Menschenrechtsverletzungen, moegliche Einschraenkung der Meinungsfreiheit, moegliche manipulierte Wahl?) haette man die letzten amerikanischen Praesidenten als Diktatoren bezeichnen koennen. Was sie im Licht einer nuechterneren Definition nicht sind. Genauso wenig wie Chavez. Man kann von diesem Mann halten was man will, die inflationaere Benutzung von anscheinend inhaltslosen Bezeichnungen traegt aber auch in Interviews mit Oliver Stone zu nichts bei.
ToMo, 15.10.2010
5. Dilettant
Zitat von sysopOliver Stone bringt "Wall Street - Geld schläft nicht" ins Kino, die Fortsetzung seines stilprägenden Börsen-Thrillers. Im SPIEGEL-Gespräch erklärt der US-Regisseur seine Sympathie für Hugo Chávez, welches politische System er sich wünscht - und warum er während des Drehs mit dem Kiffen aufgehört hat. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,723066,00.html
Wie kann ein Mann, der so offensichtlich nichts von Wirtschaft versteht einen Film ueber die Wall Street machen? "Venezuela ist eine Demokratie. Sie nutzen ihre Bodenschätze zum Wohle ihres Volkes, ihrer Bürger. Die Einnahmen aus dem Öl, das in Venezuela gefördert wird, fließen zurück in die Volkswirtschaft. Dafür hat Hugo gesorgt. Seitdem er an der Macht ist, hat sich das Bruttoinlandsprodukt um ein Drittel vergrößert." Erstens ist das reale (inflationsbereinigte) BIP Veneuelas 1998-2009 nur um 13% gestiegen. http://www.ahk.de/fileadmin/user_upload/GTAI_05_2009/Venezuela.pdf 2. ist in dieser Zeit der Oelpreis von knapp ueber 10$ auf 70$ gestiegen (zwischendurch sogar deutlich hoeher). http://www.tecson.de/poelhist.htm Da die Oeleinnahmen 25% des (um 13% gestiegenen) BIP ausmachen, sollte eine Preiserhoehung auf des 7-fache alleine schon einen Anstieg um 24% des BIP ausmachen. Ohne den Oelpreisanstieg ist das BIP also um 11% gefallen. Wenn man dann noch die Sekundaereffekte der Oeleinnahmen auf die uebrige Wirtschaft, die verfuegbaren Einkommen und den Staatshaushalt beruecksichtigt, so haengt ein noch erheblich groessere Anteil des BIP ausschliesslich am gestiegenen Oelpreis und ohne diesen waere der BIP-Verlust umso hoeher. Chavez mag also so deokratiosch oder diktatorisch sein, wie er will - wirtschaftlich ist er eine Null. (eigentlich ein Minus) Wieso verbreiten sich eigentlich staendig Intelektuelle ueber Wirtschaft? Ich habe noch keinen WIrtschaftswissenschaftler ueber Blinddarm-OPs, noch keinen Art ueber Peospetion und noch keinen Geologen ueber Dramatik sich in den Medien auslassen gsehen/gelesen oder gehoert.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.