Polit-Regisseur Oliver Stone "Amerika ist ein Imperium, das nicht mehr funktioniert"

Oliver Stone bringt "Wall Street - Geld schläft nicht" ins Kino, die Fortsetzung seines stilprägenden Börsen-Thrillers. Im SPIEGEL-Gespräch erklärt der US-Regisseur seine Sympathie für Hugo Chávez, welches politische System er sich wünscht - und warum er während des Drehs mit dem Kiffen aufgehört hat.

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SPIEGEL: Herr Stone, Sie tragen ja wieder einen Schnauzbart.

Stone: Wissen Sie, wann ich das letzte Mal einen hatte? Das war 2003, als ich Fidel Castro auf Kuba besuchte, um eine Dokumentation über ihn zu drehen. Jetzt habe ich einen Film über den venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez gemacht: natürlich wieder mit Schnäuzer. Das ist mein Diktatoren-Look. Zu seiner Assistentin: Was denkst du? Findest du mich sexy mit Schnauzer?

Assistentin: Ehrlich gesagt, mag ich dich lieber ohne.

Stone: Ach, du bist ein amerikanisches Mädchen. All diese jungen Amerikanerinnen ohne Schamhaare. Schrecklich. Der Hygienewahn bringt uns noch um.

SPIEGEL: Abgesehen von dem Schnauzbart: Der Sozialist Hugo Chávez ist einer der schärfsten Gegner der US-Regierung. Warum haben Sie mit "South of the Border" einen derart sympathisierenden Dokumentarfilm über ihn gedreht?

Stone: Ich habe Hugo kennengelernt. Ich mochte ihn. Er faszinierte mich. Und so habe ich ihn eben zwischen zwei Hollywood-Filmen porträtiert, zwischen "W." über George W. Bush und meiner Fortsetzung von "Wall Street".

SPIEGEL: Das heißt, Sie waren erst in Venezuela und haben einen Film über den Sozialismus gemacht, um sich danach mit "Wall Street 2" dem Finanzkapitalismus zu widmen?

Stone: Ja.

SPIEGEL: Welches System ist kaputter?

Stone: "South of the Border" wurde mit einer beschissenen kleinen Digitalkamera gedreht, hat schäbige Bilder und ein lausiges Licht. In "Wall Street" glänzt alles, der Film ist glamourös. Der Sozialismus kriegt die Funzel, der Kapitalismus kriegt den Spot. Für den einen Film gibt es viel Geld, für den anderen keins. So ist das in dieser Welt.

SPIEGEL: Mit dem Ergebnis, dass das marode Finanzkrisen-New-York bei Ihnen immer noch sehr gut, sehr schön aussieht.

Stone: Ich liebe New York. Egal, wie viel Mist wir dort bauen. Mein New York ist wie Babylon. Es ist Endzeit. Amerika ist ein Imperium, das nicht mehr funktioniert. Wir haben uns total übernommen, festgefahren, nichts geht mehr. Wenn Obama morgen einen Feiertag für Charlie Brown einführen wollte, er würde es nicht hinkriegen. Es ist totaler Stau.

SPIEGEL: Konnte Ihr Freund Hugo Chávez Ihnen zeigen, wie es besser läuft, als Sie mit ihm in Venezuela unterwegs waren?

Stone: Ich finde tatsächlich, dass einige lateinamerikanische Länder uns ein Stück voraus sind. Ihre Führer kommen aus dem Volk wie Hugo, der ein ehemaliger Soldat ist...

SPIEGEL: ...wie in jeder ordentlichen Diktatur!

Stone: Verzeihung, Venezuela ist eine Demokratie. Sie nutzen ihre Bodenschätze zum Wohle ihres Volkes, ihrer Bürger. Die Einnahmen aus dem Öl, das in Venezuela gefördert wird, fließen zurück in die Volkswirtschaft. Dafür hat Hugo gesorgt. Seitdem er an der Macht ist, hat sich das Bruttoinlandsprodukt um ein Drittel vergrößert.

SPIEGEL: Das klingt genauso nach Propaganda wie der ganze Chávez-Film.

Stone: Schauen Sie sich die Tatsachen an, nicht den Bullshit. Ronald Reagan war eine Katastrophe für Lateinamerika. Die Privatisierungen führten dazu, dass die Bürger immer ärmer wurden und die Banken reicher. Dies führte zu Revolten und die Revolten zu Demokratie.

SPIEGEL: Eine Demokratie, in der regierungskritische Medien immer wieder unter Druck geraten.

Stone: Wir können trotzdem nicht immer so tun, als sei es eine Diktatur. Das stimmt nicht, und das bringt den Underdog in mir in Rage.

SPIEGEL: Wenn das so ist, müsste der neue "Wall Street"-Film dann nicht eine Anklage sein? In dem Chávez-Film zeigen Sie die Auswirkungen des globalen Neoliberalismus, aber in "Wall Street 2" sagen Sie: Eigentlich sind die Kapitalisten auch nur nette Menschen, die sich nach Liebe sehnen. Das passt nicht.

Stone: Aber das eine ist ein Dokumentarfilm, das andere ein Spielfilm. Vor allem bin ich ein Geschichtenerzähler. In "Wall Street" ging es darum zu zeigen, wie die Menschen in dieser Krise funktionieren - mit ihren Konflikten und ihren Gefühlen: Liebe, Gier, die Familie, die Notwendigkeit, sich durchsetzen, Geld zu machen. Jeder hintergeht jeden an irgendeiner Stelle des Films. Hätte ich "Wall Street" als Dokumentarfilm gedreht, wäre er sicher anklagender geworden.

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fritz calzone 15.10.2010
1. Ich mag Oliver Stone
Ich mag Oliver Stone. Hier ein sehr gutes Gespräch mit ihm über die Kriege in Vietnam, Afghanistan und seine Erlebnisse in Vietnam http://www.pbs.org/moyers/journal/12042009/watch.html http://www.pbs.org/moyers/journal/12042009/watch2.html
Ohli 15.10.2010
2. Jedermann
Zitat von sysopOliver Stone bringt "Wall Street - Geld schläft nicht" ins Kino, die Fortsetzung seines stilprägenden Börsen-Thrillers. Im SPIEGEL-Gespräch erklärt der US-Regisseur seine Sympathie für Hugo Chávez, welches politische System er sich wünscht - und warum er während des Drehs mit dem Kiffen aufgehört hat. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,723066,00.html
Zitat: „Was hat er am Ende davon? Er hat keinen Sohn, keine Tochter, keine Frau, er hat niemanden. Keiner will mehr mit ihm reden, er spricht nur noch mit seinem Geld“. Ich bezweifele das die Botschaft bei denen, für die sie bestimmt war, auf fruchtbaren Boden fällt. Seit seinem Film „JFK“ scheint Oliver Stone kämpfen zu müssen. Er wird doch niemandem damit auf die Füße getreten haben? Oder doch?
tilson mcwilson 15.10.2010
3. Narr
Herr Stone hätte früher mit dem Kiffen aufhören sollen. Anders ist seine Verherrlichung eines Hugo Chavez und die gleichzeitige Verteufelung George W.'s nicht zu erklären.
gernoternst 15.10.2010
4. Spiegels Definition fuer Diktatur
Ich beziehe mich mehr auf die Art des Fragens des Spiegelredakteurs - wann ist eigentlich ein Diktator ein Diktator? Oder - anders herum - wieso wird Chavez als Diktator bezeichnet wenn er mehrere Male auf eine Weise gewaehlt wurde dass die Wahlbeobachter keine wesentliche Kritik hatten? Mit den Kriterien, die der Spiegel offensichtlich benutzt (moegliche Menschenrechtsverletzungen, moegliche Einschraenkung der Meinungsfreiheit, moegliche manipulierte Wahl?) haette man die letzten amerikanischen Praesidenten als Diktatoren bezeichnen koennen. Was sie im Licht einer nuechterneren Definition nicht sind. Genauso wenig wie Chavez. Man kann von diesem Mann halten was man will, die inflationaere Benutzung von anscheinend inhaltslosen Bezeichnungen traegt aber auch in Interviews mit Oliver Stone zu nichts bei.
ToMo, 15.10.2010
5. Dilettant
Zitat von sysopOliver Stone bringt "Wall Street - Geld schläft nicht" ins Kino, die Fortsetzung seines stilprägenden Börsen-Thrillers. Im SPIEGEL-Gespräch erklärt der US-Regisseur seine Sympathie für Hugo Chávez, welches politische System er sich wünscht - und warum er während des Drehs mit dem Kiffen aufgehört hat. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,723066,00.html
Wie kann ein Mann, der so offensichtlich nichts von Wirtschaft versteht einen Film ueber die Wall Street machen? "Venezuela ist eine Demokratie. Sie nutzen ihre Bodenschätze zum Wohle ihres Volkes, ihrer Bürger. Die Einnahmen aus dem Öl, das in Venezuela gefördert wird, fließen zurück in die Volkswirtschaft. Dafür hat Hugo gesorgt. Seitdem er an der Macht ist, hat sich das Bruttoinlandsprodukt um ein Drittel vergrößert." Erstens ist das reale (inflationsbereinigte) BIP Veneuelas 1998-2009 nur um 13% gestiegen. http://www.ahk.de/fileadmin/user_upload/GTAI_05_2009/Venezuela.pdf 2. ist in dieser Zeit der Oelpreis von knapp ueber 10$ auf 70$ gestiegen (zwischendurch sogar deutlich hoeher). http://www.tecson.de/poelhist.htm Da die Oeleinnahmen 25% des (um 13% gestiegenen) BIP ausmachen, sollte eine Preiserhoehung auf des 7-fache alleine schon einen Anstieg um 24% des BIP ausmachen. Ohne den Oelpreisanstieg ist das BIP also um 11% gefallen. Wenn man dann noch die Sekundaereffekte der Oeleinnahmen auf die uebrige Wirtschaft, die verfuegbaren Einkommen und den Staatshaushalt beruecksichtigt, so haengt ein noch erheblich groessere Anteil des BIP ausschliesslich am gestiegenen Oelpreis und ohne diesen waere der BIP-Verlust umso hoeher. Chavez mag also so deokratiosch oder diktatorisch sein, wie er will - wirtschaftlich ist er eine Null. (eigentlich ein Minus) Wieso verbreiten sich eigentlich staendig Intelektuelle ueber Wirtschaft? Ich habe noch keinen WIrtschaftswissenschaftler ueber Blinddarm-OPs, noch keinen Art ueber Peospetion und noch keinen Geologen ueber Dramatik sich in den Medien auslassen gsehen/gelesen oder gehoert.
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