Polit-Thriller "Das System" Wirtschaftspiraten im Lotterbett

Eben noch Stasi, jetzt schon Gazprom-Unterhändler: In seinem Spielfilmdebüt kombiniert Doku-Regisseur Marc Bauder ein Nachwende-Familiendrama mit dubiosen Seilschaften beim Bau der Ostsee-Pipeline. Drehscheibe der Machenschaften ist das schillernde Luxushotel Neptun.

Filmlichter

Von Jörg Schöning


Das Hotel Neptun ist ein schillernder Ort der jüngeren Zeitgeschichte. Anfang der siebziger Jahre eröffnet, war es das exponierteste Luxushotel in der DDR. Doch die 19-stöckige Bettenburg an der Strandpromenade von Warnemünde bot nicht nur einen imposanten Ausblick auf die Ostsee. Hier wollten auch ostdeutsche Agenten Einblicke ins Privatleben westlicher Handelspartner nehmen. Denn im Neptun logierte schon damals - unter den Augen der Staatssicherheit - eine illustre Schar internationaler Gäste aus Politik, Wirtschaft und Kultur.

Brandt und Barschel waren zu Gast. Auch Fidel Castro ließ sich hier einquartieren, ebenso Franz Josef Strauß. Sein ominöser Geschäftspartner Alexander Schalck-Golodkowski, in der DDR verantwortlich für Devisenbeschaffung, verfügte über eine ständige Suite im Hotel. Schalcks "Kommerzielle Koordinierung" blieb über die staatliche Existenz der DDR hinaus von Belang. Die "KoKo" war auch im Vereinigungsprozess der beiden deutschen Staaten gefragt. Dessen Erfolg kommentierte 1991 trefflicherweise im Hotel Neptun der Literat Fritz J. Raddatz, ein penibler Chronist seiner Hotelaufenthalte, klarsichtig: "Das ist nicht eine Nation, sondern ein Währungsgebiet."

Für seinen Wirtschaftskrimi "Das System" hätte sich Marc Bauder daher kaum einen prächtigeren Drehort suchen können. In seinem Spielfilmdebüt verbindet der aus Stuttgart stammende Dokumentarfilmregisseur ("Der Kommunist", "Nach der Revolution") gründliche Recherche mit spannender Fiktion. Windige Finanzgeschäfte bilden bei ihm die aktuelle Folie für ein familiäres Drama, das weit in die Geschichte des Hotels Neptun zurückreicht. Zu diesem Zweck verknüpft "Das System" den Bau der Ostsee-Pipeline zum Transport von russischem Erdgas in den Westen mit den Aktivitäten eines Netzwerks ehemaliger ostdeutscher Agenten.

Einer von ihnen ist der Geschäftsmann Konrad Böhm (Bernhard Schütz), und daraus macht der einstige Mitarbeiter der "Hauptabteilung Aufklärung" auch gar kein Hehl. Als er eines Nachts in seiner modernistischen Nobelvilla einen jugendlichen Kleinkriminellen bei einem Einbruch ertappt, ruft er nicht etwa die Polizei, sondern greift sich den Jungen selbst. Denn er hat in Mike (Jacob Matschenz) den Sohn eines ehemals befreundeten, inzwischen verstorbenen Kollegen erkannt. Mit Hilfe einiger psychologischer Tricks fällt es ihm leicht, ihn für seine eigenen Zwecke einzuspannen. Denn Mike entdeckt in der mephistophelischen Respektsperson jene Vaterfigur, die er immer vermisst hat, weil ihm seine Mutter (Jenny Schily) Lebenslauf und Todesumstände seines Erzeugers beharrlich verschweigt.

Erpressbar durch Sex im Neptun-Bett

Als Lobbyist einer russischen Firma verspricht der Ex-Agent Böhm "Arbeitsplätze für Mecklenburg" - und dem Beamten, der für die Auftragsvergabe zuständig ist, eine Spende an dessen Partei. Als noch viel wirksamer allerdings erweist sich bei den Verhandlungen im Hotel Neptun, was ein geheimes Archiv Böhms alter Stasi-Kollegen über den Bürokraten aus dem Westen enthüllt. Der Mann ist ebenso erpressbar wie der westdeutsche Mitbewerber um den Pipeline-Bau, nachdem Mike ihn beim außerehelichen Sex im Lotterbett des Hotels Neptun fotografisch dingfest gemacht hat.

Zwar wird auch in Bauders Film einmal scharf geschossen. Doch so wenig wie das Neptun das Bellagio in Las Vegas ist, so wenig Ähnlichkeit besitzt "Das System" mit Hotel-Action à la "Ocean's Eleven". Stattdessen ist dies ein sehr deutscher Krimi, der seinen Thrill aus schlichter Akteneinsicht gewinnt. Doch gerade damit hat "Das System" die Wahrscheinlichkeit für sich: Gern verweist der Regisseur auf einen SPIEGEL-Bericht, demzufolge der Geschäftsführer jenes "Nord Stream"-Unternehmens, das die Ostsee-Pipeline betreibt, bis zum Mauerfall für die Auslandsaufklärung des MfS gearbeitet hat.

Klug haben für diese mittlerweile historische Fakten zwei "Tatort"-erprobte Autorinnen (Dörte Franke und Khyana el Bitar) in ihrem Drehbuch eine Perspektive geschaffen, aus der die Einflussnahme abgewirtschafteter Eliten plausibel erscheint - und das Bündnis mit ihnen auch für Nachgeborene reizvoll wirkt. Jedenfalls vorübergehend: Indem er Mike an den Statussymbolen der Marktwirtschaft freigiebig teilhaben lässt, kann der MfS-Mephisto den jugendlichen Aufstiegsaspiranten genau so lange an sich binden, bis ihm die überkommene Hierarchie (massiv verkörpert durch Heinz Hoenig und dessen breiten Emil-Jannings-Rücken) den eigenen Karrieresprung verbaut.

Der Polit-Thrill mündet schließlich in einen privaten Konflikt, während die realen Protagonisten des Pipeline-Abkommens - Merkel, Medwedew und der Gazprom-Aufsichtsrat Gerhard Schröder - den Nachspann des Films illuminieren. Geschäfte kennen keine Moral, "Das System" hingegen steht für eine, wobei sein Untertitel "Alles verstehen heißt alles verzeihen" jedoch in die Irre führt. Stimmiger wäre da jene Erkenntnis gewesen, die schon Brechts "Seeräuber-Jenny" - systemübergreifend gültig für die Politik wie für die Hotelgastronomie - formuliert hat: "Wie man sich bettet, so liegt man."



insgesamt 2 Beiträge
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pth 11.01.2012
1. Seilschaften = Netzwerke
damals „dubiose Seilschaften“ - heute „Netzwerke", z.T. ebenso dubios, hört sich nur besser an.
Arne11 25.01.2012
2. gegen titelzwang
Zitat von sysopEben noch Stasi, jetzt schon Gazprom-Unterhändler: In seinem Spielfilmdebüt kombiniert Doku-Regisseur Marc Bauder ein Nachwende-Familiendrama mit dubiosen Seilschaften beim Bau der Ostsee-Pipeline. Drehscheibe der Machenschaften ist das schillernde Luxushotel "Neptun". http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,808472,00.html
Schade dass es in so wenigen Kinos läuft. In Leipzig kommts wenistens in den Passage Kinos und der Schauburg aber in einigen anderen Städten gibt's den Film anscheinend gar nicht.
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