Politsatire über Stalins Tod Wie witzig sind Menschheitsverbrecher?

Eines spricht für die absurde Komödie "The Death of Stalin", in der mächtige Männer um die Diktator-Nachfolge kämpfen: In Russland wurde sie auf der Stelle verboten. Aber ansonsten? Eher Geschmackssache.

Concorde

Von Ekkehard Knörer


Macht ist, wenn eine Laune Gesetz wird: Genosse Stalin hätte gerne eine Schallplattenaufnahme des gerade im Radio gespielten Klassikkonzerts. Problem: Die Übertragung war live, der Mitschnitt wurde versäumt. Der zuständige Radiomann verliert nicht den Kopf, um den er sonst schnell kürzer gemacht würde, und scheucht Orchester, Dirigent und das Publikum, das noch da ist, zusammen zur Wiederaufführung des Konzerts.

Der Dirigent packt es nicht, es springt ein anderer ein, der erst Schlimmes befürchtet; eher klassikferne Leute werden als Ersatzpublikum von der Straße geholt, irgendwie klappt es dann doch. Die Liebesmüh ist nur vergeblich: Stalin bekommt bei der Lektüre eines Protestschreibens in seiner Datsche einen Herzinfarkt.

Da liegt er dann, halb tot. Kein schöner Anblick, und er riecht auch nicht gut. Erst traut sich keiner ins Zimmer. Dann kommen sie einer nach dem anderen, die Männer der Macht, aus ihrem banalen abendlichen Alltag gerissen: Geheimdienstchef Lawrentij Berija, der Vorsitzende des Ministerrats Georgij Malenkow, Parteichef Nikita Chruschtschow, Außenminister Wjatscheslaw Molotow.

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"The Death of Stalin": Hauen und Stechen und Sterben

Sie beginnen sich für die Nachfolgekämpfe zu positionieren, aber das Flämmchen der Macht will nicht erlöschen: Man ruft die besten Ärzte des Landes, sie können nur leider nicht kommen, denn Stalin hat sie alle ins Arbeitslager gesteckt.

Die Männer der Macht, sie tragen historische Namen. Nicht zu übersehen jedoch, dass ihre Körper, wie auch immer in Masken und Kostüm gesteckt, die von grandiosen englischen und amerikanischen Komödianten und Schauspielern sind: der Monty Python Michael Palin (als Molotow), Steve Buscemi (als Chruschtschow), Jeffrey Tambor (als Malenkow) und Simon Russell Beale (als Beria).

Angst deformiert

Aus diesen Körpern dringen (im Original) Stimmen mit wild gegeneinander akzentuierten britischen und amerikanischen Akzenten. Gleich hier schon, über der gar nicht schönen Halbleiche des Regenten, wird das Prinzip des Films klar: Regisseur und Co-Autor Armando Iannucci macht aus dem mörderischen historischen Personal eine Combo von Witzfiguren, die in wechselnder Zusammensetzung zum komischen Kammerspiel antritt.

Als Stalin dann tatsächlich tot ist, beginnt ein erwartbares Hauen und Stechen, in das sich die kühle Tochter und - als völlig lose Kanone - der seines Prinzling-Status' beraubte Sohn des Verstorbenen einzumischen beginnen. Die Hinterbliebenen sind befreit von der Macht des Toten, aber nicht von den Deformationen, die sie der ständigen Drohung von Arbeitslager oder Tod verdanken. Todeslisten kursieren, Molotow steht schon drauf, ahnt aber nichts - und kommt nur durch Stalins Tod noch einmal davon.


"The Death of Stalin"
USA, Frankreich, Großbritannien 2017
Regie:
Armando Iannucci
Drehbuch: Armando Iannucci, David Schneider, Ian Martin
Darsteller: Steve Buscemi, Simon Russell Beale, Jeffrey Tambor, Paddy Considine, Rupert Friend, Jason Isaacs, Olga Kurylenko, Michael Palin
Produktion: Quad Films, Moonfleet
Verleih: Concorde Filmverleih
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 108 Minuten
Start: 29. März 2018


Aber verbogen sind sie alle, wie Iannucci sie zeichnet: inkompetente Intriganten, bösartig und sarkastisch, paranoid und feige, töricht und kindisch, dabei allzeit bereit, jeden, der ihnen im Weg steht, um die Ecke zu bringen. Doch das Verhältnis zur Komik ist instrumental: Chruschtschow etwa notiert höchst eilfertig in Gedanken, über welchen seiner Witze Stalin gelacht hat; seine Frau schreibt es auf, vielleicht kann man's noch einmal brauchen.

An Realismus ist Iannucci dabei nicht interessiert, auch wenn er nicht ganz nach Belieben mit den (teils umstrittenen) historischen Fakten verfährt - die Vorlage ist kein historisches Werk, sondern eine französische Comicserie, deren Szenarist Fabien Nury zu den Co-Autoren des Drehbuchs gehört.

Keine Wucht, keine Würde

Die Gulags oder das Leiden des Volks werden nur mal am Rande erwähnt. Wenn gewöhnliche Menschen auftauchen, dann nur als Staffage für Szenen, die die Mächtigen zerstören. Der Film ist ganz auf die Haupt- und Staatsaktionen konzentriert, die sich im inneren Zirkel der Macht entfalten, aber er nimmt ihnen jede historische Wucht, und er nimmt den Figuren entschlossen die Würde.

Ob das Vertrauen in die zerstörerische Kraft der Komödie eine angemessene Strategie ist, dieses Sortiment widerwärtiger Menschheitsverbrecher zur Kenntlichkeit zu entstellen, muss Geschmackssache bleiben. Zumal diese Entscheidung aus Iannuccis Filmen und Serien ("The Thick of It", "Veep"), die die Protagonistinnen und Protagonisten der demokratischen Politik der Gegenwart auf ähnliche Weise karikieren, nur zu bekannt ist. Und zumal "The Death of Stalin" eine Farce ist, die auf die Fallhöhen des Tragikomischen weitestgehend verzichtet.

Eines spricht dabei für den Film: In Russland wurde er auf der Stelle verboten. Bei Stalin und seinen Konsorten versteht die Zensur keinen Spaß. Das ändert wenig daran, dass einem diese Typenkomödie im Licht der realen Geschichte allzu harmlos vorkommen kann.

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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
lachina 30.03.2018
1. Lacht!
Stellt Sie nicht auf einen Podest, diese Menschlichkeitsverbrecher, schreibt nicht ehrfüchtig über die Dämonen der Geschichte, sondern macht sie lächerlich, zeigt die kleinen miesen Würstchen hinter ihrer Brutalität als kleine miese Würstchen. Macht euch lustig über Stalin, Hitler, Franco und Mussolini. Zieht auch heutige Diktatoren ins Lächerliche. Lacht! - Katharsis.
kub.os 31.03.2018
2.
Zitat von lachinaStellt Sie nicht auf einen Podest, diese Menschlichkeitsverbrecher, schreibt nicht ehrfüchtig über die Dämonen der Geschichte, sondern macht sie lächerlich, zeigt die kleinen miesen Würstchen hinter ihrer Brutalität als kleine miese Würstchen. Macht euch lustig über Stalin, Hitler, Franco und Mussolini. Zieht auch heutige Diktatoren ins Lächerliche. Lacht! - Katharsis.
Habe ich mal mit einem kleinen Trailer auf You-Tube versucht. Obwohl unter Comedy eingestellt, stand ich kurz vor der fristlosen Entlassung. Der humorlose Verein sah eine Verbindung zur Firma. Mir ist jedenfalls das Lachen im Halse stecken geblieben. Ich kann nur warnen vor allzu großen Verständnis unserer Mitbürger, Kollegen und Freunde.
ursbusch 31.03.2018
3. Satire
Wird es auch eine Satire über Bush und Blair geben, die aufgrund von Lügen den Irakkrieg begonnen haben? Ein Krieg, der Tausende unschuldiger Opfer, auch Frauen und Kinder das Leben gekostet hat. Ein verwüstetes Land ist geblieben und bis heute gibt es Unruhen in Nordafrika. Der Libyen-Krieg hat ein zerstörtes Land und eine lebensunfähige Bevölkerung zurückgelassen, die durch das ihnen zugefügte Leid lebensunfähig in Europa eine Heimat sucht. Es ist scheinheilig, über Russland herzuziehen, aber über die Verbrechen der westlichen Welt zu schweigen oder diese zu glorifizieren. Es ist Mode, über Putin und Russland herzuziehen, aber zu verschweigen, was auch in den EU-Ländern heftig zu kritisieren ist. Wenn sich die Literaten mal den Spiegel vorhalten, sehen sie nicht mehr so unschuldig aus.
frenchie3 31.03.2018
4. Die als Clowns darzustellen -
warum nicht? Besser wäre natürlich gewesen das noch während deren Lebzeiten zu tun.
Europa! 31.03.2018
5. Ach nee ...
Die Besprechung trieft ja geradezu vor selbstgerechter Empörung und Gratismut. Ich werde mir den Film auf jeden Fall ansehen, auch wenn die "leidende Menschheit" ausnahmsweise mal nicht gezeigt wird.
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