"Pollock" Klecksen, nicht klotzen

Mit viel Gespür, Hingabe und unaufdringlichen Bildern erzählt der US-Schauspieler Ed Harris in seinem Regiedebüt vom selbstzerstörerischen Leben, Wesen und Schaffen des Action Painters Jackson Pollock.

Von Oliver Hüttmann


Jack the Dripper: Harris als Pollock
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Jack the Dripper: Harris als Pollock

Über Jackson Pollock, den wohl einflussreichsten amerikanischen Maler des 20. Jahrhunderts, muss man nicht mehr viele Worte verlieren. Reden wir lieber über Ed Harris, der das Leben des Action Painters verfilmt hat. Dieser - bereits vor zwei Jahren entstandene - Film ist nicht nur der erste Kinofilm über Pollock, sondern auch die erste Regiearbeit des 51-jährigen Schauspielers, der die Hauptrolle gleich selbst übernahm.

Ed Harris ist einer jener großen Unbekannten des amerikanischen Kinos, der seine meist tragenden Rollen neben den Stars so präzise ausfüllt, dass man sich hinterher mehr an die Figur als an den Darsteller erinnert. Er war dreimal für den Oscar nominiert, unter anderem für "Pollock".

Mehr als zehn Jahre hat Harris für seinen Film gekämpft, und das Ergebnis ist in vielfacher Hinsicht bemerkenswert. Weder analytisch noch hymnisch erzählt er von dem launischen, verschlossenen und neurotischen Menschen namens Pollock. Auch versuchte er nicht, selbst ein Kunstwerk zu schaffen, das sich optisch oder dramaturgisch Pollocks Malstil annähert. Stattdessen hat er dessen Lebens- und Leidensweg schlicht abgebildet, mit einfachen, zugleich kraftvollen und subtilen Bildern, in denen die Faszination für Pollock ganz unaufdringlich entsteht und fast immer von Harris ausgeht.

Action-Painting als Aggressions-Abbau: Pollock (Harris) entdeckt das Klecksen
DPA

Action-Painting als Aggressions-Abbau: Pollock (Harris) entdeckt das Klecksen

Uneitel und mit vollem Körpereinsatz hat sich der darstellende Regisseur diesen sonderlichen, selbstzerstörerischen Säufer einverleibt, mit einem Blick, der mehr nach innen gerichtet ist als auf die Außenwelt. Wie er ohne übertriebene Gestik von der Lethargie in den Jähzorn fällt, scheu und nervös auf Vernissagen zwischen Kunstkritikern und Wichtigtuern herumsteht, bei einer Party in den Kamin pinkelt und sich beim ersten Treffen mit seiner späteren Ehefrau und Managerin Lee Krassner (Marcia Gay Harden) am Zuckerstreuer festklammert, zeugt von tiefer Zuneigung und einem behutsamen Verständnis für die Tragik dieses bis heute rätselhaften Charakters.

Ohne Hektik führt Harris den Zuschauer von Pollocks depressiven Hungerjahren in Greenwich Village über die ersten, von Peggy Guggenheim (gespielt von Harris' langjähriger Ehefrau Amy Madigan) geförderten Erfolge zu einer Künstlerehe auf dem Lande, wo Krassner ihn vom Alkohol wegbringt und dennoch an ihm scheitert. Pollock fand im Malen ein Ventil für seine Ängste und Aggressionen, doch Erlösung fand seine Seele letztlich nicht.

Muse und Mutterersatz: Marcia Gay Harden (r.) als Pollock-Ehefrau Lee Krassner
DDP

Muse und Mutterersatz: Marcia Gay Harden (r.) als Pollock-Ehefrau Lee Krassner

Den Ruhm nimmt Pollock scheinbar gleichgültig hin, obwohl einige Szenen auch seine klammheimliche Freude zeigen und die Sehnsucht nach Anerkennung andeuten. Die an ihn gestellten Erwartungen aber wollte und konnte er wohl nicht erfüllen. Einmal provoziert ihn ein nörgelnder Kunstkenner, eines seiner Bilder nach dessen Vorstellung zu ändern. Wütend setzt Pollock den Pinsel an, bricht dann aber ab. Als der Fotograf ihn bei der Entstehung seiner Bilder filmt, ist er irritiert von den Regieanweisungen. So unangepasst wie im Alltag blieb Pollock auch als Künstler.

Pollocks künstlerische Entwicklung - von groben Strichen mit Filzstiften und breiten Pinseln zum exzessiven Spritzen mit Farbe, was ihm den Durchbruch und den Beinamen Jack The Dripper einbrachte - steht immer wieder im Mittelpunkt des Films. Harris malt - breitbeinig und entrückt über Leinwände gebeugt - mehrere Bilder nach. Die entfesselte, gleichwohl wie in Trance ablaufende Arbeit schafft magische Momente und Filmsequenzen, unterlegt mit tröpfelnder, hypnotischer Musik, denen man ewig zusehen könnte.

Rätselhafter Charakter: Pollock (Ed Harris) sucht Erlösung in Formen und Farben
DDP

Rätselhafter Charakter: Pollock (Ed Harris) sucht Erlösung in Formen und Farben

Die Wahrhaftigkeit des Films aber liegt vielmehr in der menschlichen Darstellung, vor allem von Pollocks Verhältnis zu den drei wichtigsten Frauen in seinem Leben: Lee Krassner, die an ihn glaubt und lange jede Demütigung hinnimmt, Peggy Guggenheim, mit der er eine Affäre hat, und seine Mutter, zu der er eine emotionale Bindung vermisst haben muss. Bei einem Essen im Familienkreis schweigt sie ihn mit dermaßen abweisendem Gesichtsausdruck an, dass Pollock schließlich ausrastet, um die Spannung zu brechen.

Marcia Gay Harden hat für ihren Part einen Oscar erhalten, Ed Harris ging leider leer aus. Dennoch darf man seinen Namen nun endlich in einem Atemzug mit Marlon Brando, Robert De Niro und Al Pacino nennen.

"Pollock". USA 2000. Regie: Ed Harris; Buch: Barbara Turner, Susan J. Emshwiller, Steven Naifeh (Pollock-Biografie "An American Saga"); Darsteller: Ed Harris, Marcia Gay Harden, Amy Madigan, Jennifer Connelly, Jeffrey Tambor; Produktion: Brant Allen, Fred Berner Films, Pollock Films, Zeke Productions; Verleih: Columbia TriStar; Länge: 110 Minuten; Start: 6. Juni 2002



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