Popkultur-Phänomen Brüno Marketing im Leopardenhöschen

Nach "Borat" kommt "Brüno": Die Werbekampagne zur neuen Fake-Doku von Komiker Sacha Baron Cohen läuft auf Hochtouren. Der wohl mächtigste Mann der britischen Popkultur versteht es wie kein zweiter, Eigen-PR und gezielten Tabubruch aufeinander abzustimmen.

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Das war Präzisionsarbeit: Wie sich Sacha Baron Cohen vor kurzem bei den MTV Movie Awards mit fast entblößtem Gesäß direkt aufs Gesicht von Eminem abseilen ließ, zeugte wirklich von ausgesprochener Treffsicherheit. Wunderbar, wie der hartgesottene Rapper da um Luft und Fassung rang!


Auch wenn die Aktion, wie sich später herausstellte, eine inszenierte Angelegenheit war, mit der sich der als homophob verschriene Eminem über sich selbst lustig machte: was für ein grandioser Auftakt zur großen Werbekampagne von Cohens neuem Film "Brüno", der Anfang Juli weltweit in die Kinos kommt.

Kein Zweiter im Gewerbe versteht es, den gezielten Regelverstoß und die gezielte Selbstvermarktung so genau aufeinander abzustimmen wie der britische Radikalhumorist.

In seinem neuen Werk gibt er nun den schwulen österreichischen Modejournalisten Brüno, der von seiner Heimat in die Welt auszieht, um in bizarren Selbstversuchen die eigene Sexualität und fremde Kulturkreise zu erforschen. Wie in seiner Fake-Doku "Borat" holt sich Cohen in seiner Rolle als Brüno allerhand uneingeweihte Originale vor die Kamera, die er in seiner Verkleidung zur Selbstentblößung treibt: eine Investigativrecherche in Leopardenfell.

Natürlich fragte man sich, wie es gehen soll, dass sich Cohen nach einem Hit wie "Borat", der weltweit alleine an den Kinokassen rund 250 Millionen Euro eingespielt hat, unerkannt an seine "Opfer" heran macht. Doch auch hier hatte er einen exzellenten Plan: Als Vorbereitung zum Film gründete der Komiker insgesamt 29 Fake-Companies mit zum Teil teuer erstellten Internet-Auftritten; eines davon hieß zum Beispiel Deutsches Unterhaltungsfernsehen.

Aus diesem Parallelimperium heraus knüpfte er Kontakte zu prominenten und weniger prominenten Zeitgenossen, die er dann als in Leopardenfellslip und Latexhöschen gehüllter Alpen-Fashionista Brüno aus der Reserve lockte. Es gibt ja noch so viel Schwulenfeindlichkeit auf der Welt; man muss nur wissen, wo man hingehen muss.

Zum Beispiel auf die Jagd mit einer Gruppe von Hillbillies, die bei bloßer Erwähnung des Wortes "schwul" grimmig die Schrotflinten nachladen. Oder in den Mittleren Westen der USA, wo ein Betbruder dem Homoschäfchen seine sexuelle Orientierung mit Jesus auszutreiben versucht. Oder zum einstigen republikanischen Vorwahl-Bewerber Ron Paul nach Texas, der nach einem kleinen angedeuteten Strip Brünos aus dem Raum läuft.

Über den Film darf leider noch nichts Konkretes verlautbart werden. Wer ihn hierzulande Anfang der Woche in einer Pressevorführung sehen wollte, musste unterschreiben, mit Besprechungen bis kurz vor dem deutschen Kinostart am 8. Juli zu warten.

Auch das ist natürlich Teil einer ausgefuchsten Marketingkampagne, bei der der Darsteller komplett hinter der aktuellen Rolle verschwindet und die vom publicity-trächtigen MTV-Auftritt bis zum Nacktporträt auf dem Cover des amerikanischen Männermagazins "GQ" perfekt orchestriert ist.

Cohen posiert für das Heft mit kokettem Brüno-Blick - der wiederum mit kokettem Jennifer-Aniston-Blick posiert (sie war ein paar Ausgaben vorher ebenfalls kleidungslos auf die Frontseite gehoben worden). Bei Cohen kriegt nun mal jeder sein Fett weg. Ganz egal übrigens, ob persönliche Verbindung zu den Persiflierten existieren. In "Brüno" gibt es deshalb auch ein paar extrem böse Anspielungen auf die Adoptionssucht von Madonna, bei der Cohen ja schon als Ali G in einem ihrer Videos mitgemacht hat.

Schwachstelle der Kampagne: Lob von Schwulen

Denn für den 37-Jährigen, seit "Borat" die vielleicht einflussreichste Gestalt der britischen Popkultur, gilt es natürlich auch, sich für seine Arbeit von den Umarmungen seiner neuen Promi-Freunde freizumachen. Für einen kleinen Cameo-Auftritt in einem Cohen-Werk würde so mancher Popstar seinen Privatjet geben. Nur einmal ganz kurz lässt Cohen die versammelte Brit-Prominenz in "Brüno" für einen Song antreten; der größte schwule Popstar der Welt ist übrigens auch darunter.

So kommt denn auch bislang aus schwulen Kreisen wenig Kritik, obwohl in "Brüno" kein Homo-Stereotyp ausgelassen wird. Der Sprecher der Gay and Lesbian Alliance Against Defamation findet den Film zwar "an vielen Stellen problematisch und sogar beleidigend". Der Chefredakteur des queeren Zentralorgans "Out" indes lobt ausdrücklich den aufklärerischen Impuls des Radikalklamauks: "Das Multiplexpublikum würde sich doch sonst niemals auf eine Zweistunden-Vorlesung über Homophobie einlassen, aber genau das bietet dieser Film."

Nach den Protestwellen gegen "Borat", die dem Film ja erst seinen kommerziellen Ruhm beschert haben, müssen Cohen diese Worte allerdings echte Sorgen bereiten. Das jetzt schon so viel Freundliches zu einem geheim gehaltenen Film zu hören ist, der eigentlich provozieren will, läuft doch dem virtuos verspielten Negativmarketing entgegen.

Lob von Schwulen? Lob von denen, die Sacha Baron Cohen karikiert? Das ist lustigerweise die einzige Schwachstelle in der ansonsten perfekt organisierten Werbekampagne zu "Brüno".



insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
Zyklotron, 19.06.2009
1. "I still think it's retarded."
Für so einen Unsinn gebe ich kein Geld aus. Da gibt es genügend lustigere Filme, die die Moneten schon eher wert sind.
Moralinsäure 19.06.2009
2. Baukasten-Handys
---Zitat--- Lob von Schwulen? Lob von denen, die Sacha Baron Cohen karikiert? Das ist lustigerweise die einzige Schwachstelle in der ansonsten perfekt organisierten Werbekampagne zu "Brüno". ---Zitatende--- Und was soll daran so schlimm sein? Wäre es Herrn Buß lieber gewesen, die Schwulen hätten Protestmärsche organisiert, damit die Heten sich über die "wehleidigen Tunten" lustigmachen können? Der Film zieht Homophobie ins Lächerliche, nicht Homosexualität. Wie soll man auch eine sexuelle Ausrichtung ins Lächerliche ziehen?
tylerdurdenvolland 20.06.2009
3. ...
Zitat von sysopDie Werbekampagne zur neuen Fake-Doku "Brüno" von Komiker Sacha Baron Cohen läuft auf Hochtouren. Er versteht es wie kein zweiter, Eigen-PR und gezielten Tabubruch aufeinander abzustimmen. Ein Provokateur oder genialer Selbstvermarkter? Diskutieren Sie mit!
Ali G, Borat und Brüno...der Mann ist einfach ein intelligenter und brillianter Komiker, der damit natürlich die Massen der Comedy Konsumenten überfordert. In einer Demokratie sollte sowas per Mehtrheitsentscheidung verboten werden können! Wo soll das enden, wenn Leute von solchen Produkten leben können, und sich damit einfach weigern der Mehrheit in den Allerwertesten zu kriechen? Wie kann dieser Banause es wagen sich einem kreativen Künstler, wie Eminem, einfach halbnackt auf den Schoss zu setzen? Die Kultur des Abendlandes ist bedroht! Deutsche! Wehrt Euch! Besorgt und mfG, Tyler Durden
fred.lenkeit berlin 20.06.2009
4. Wie schön
Der Autor der sogenannten Filmkritiken muss die Klappe zum Inhalt halten. Danke Borat! Bitte auch in Zukunft! Filmkritik ist keine Schülerzeitungsnacherzählung, ok? Bin gespannt.
Mobat 20.06.2009
5. Der Mann hat Ideen
Provokateur - und kann über sich selbst lachen. Nach Borat habe ich gemeint, daß seine Rollen (u.a. Ali G) eh schon jeder kennt und das Borat wohl sein einziger Film bleiben werde. Weit gefehlt! Auch wenn der Humor manchmal unter die Gürtellinie zielt - hier kann noch mancher deutsche Komiker etwas lernen.
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