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Porno-Doku "9 to 5": Erst der Blowjob, dann das Baby

Von Jörg Böckem

Sexfilme sind Schmuddelkram? Und die Pornoindustrie eine Ausbeuterbranche? Der deutsche Regisseur Jens Hoffmann hat für seinen Dokumentarfilm "9 to 5" mal hinter solche Klischees und Vorurteile geblickt - und dabei ziemlich normale Menschen getroffen.

Wer noch nie einen Porno angeschaut hat, freiwillig und beabsichtigt, der sollte hier aufhören zu lesen.

Noch dabei?

Na ja, erfährt ja auch keiner, kein Problem. Ein öffentliches Bekenntnis zum Pornokonsum dagegen, so scheint es, fällt auch heute noch vielen schwer.

Kaum ein anderer Bereich der Unterhaltungsindustrie ist in der öffentlichen Diskussion so klischee- und vorurteilsbehaftet und löst im Privaten so schnell Befangenheit und Abwehr aus. Andererseits werden alleine im San Fernando Valley nahe Los Angeles jährlich mehr als 10.000 Pornofilme produziert, die reichlich Publikum finden.

Dazu kommt eine stetig steigende Zahl von Internetproduktionen - Pornoseiten gehören zu den meistfrequentierten im Netz. Porno ist Bestandteil der gesellschaftlichen Realität, der Popkultur. Für viele Menschen ist es auch ein Element ihres Privatlebens; eines, das möglicherweise nicht so recht in das Selbstbild passt.

Der deutsche Regisseur Jens Hoffmann hat sich bemüht, hinter die Klischees und Vorurteile zu blicken, auch die eigenen. Für seinen Dokumentarfilm "9 to 5 - Days in Porn" hat er zehn Akteure der Branche in einem Zeitraum von anderthalb Jahren immer wieder mit der Kamera begleitet, mitunter wochenlang. "Wir wollten Intensität und Authentizität herstellen", sagt Hoffmann, der sich mit Dokumentarfilmen über Extremsport einen Namen gemacht hat. "Uns ging es nicht in erster Linie um Porno, sondern um die Menschen, die in der Branche arbeiten."

Regelmäßigen oder auch nur sporadischen Porno-Konsumenten dürften einige dieser Menschen ein Begriff sein - Belladonna, Audrey Hollander, Otto Bauer, Sasha Grey oder Roxy Deville gehören zu den Stars im amerikanischen Mainstream-Porno.

Hoffmann hat, das ist eine große Stärke des Films, bewusst auf Wertungen und Kommentare verzichtet. Er zeigt seine Protagonisten bei der Arbeit, im Privaten, zwischen Blowjob und Babyfütterung, lässt sie in Interviews reden.

Hoffmann vermeidet erhobene Zeigefinger und stumpfen Voyerismus; er nähert sich allen mit Respekt und Neugier, führt niemanden vor. Und zeigt dabei echte Menschen mit ihren Motivationen, ihren Träumen und Erfolgen, ihren Niederlagen, Selbst- und Enttäuschungen. "Ich setze die Intelligenz der Zuschauer voraus", sagt Hoffmann. "Ich will ihnen nicht vorschreiben, was sie zu denken haben. Ich will nur, dass sie denken."

Seine intensiven und oft drastischen Porträts, ergänzt um Interviews mit Veteranen der Szene wie Dr. Sharon Mitchell, John Stagliano oder Nina Hartley, die den theoretischen Überbau liefern, fügen sich zu einem vielschichtigen, erhellenden Kaleidoskop der Pornobranche. Zu Recht wurde Hoffmann jüngst für den deutschen Kamerapreis nominiert.

Die gesellschaftlichen Vorbehalte gegen Porno hat er allerdings auch zu spüren bekommen: Co-Produzenten waren für sein Projekt nicht zu finden, ein potentieller Geldgeber sprang nach Intervention der Ehefrau wieder ab, und in Hamburg war kein Kino bereit, den Film in einer Pressevorführung zu zeigen.

Sogar die deutsche Musikszene zeigte Berührungsängste - einige Bands aus der Elektro- und Independent-Szene weigerten sich aus Sorge um ihr Image, Songs für den Soundtrack zur Verfügung zu stellen.

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Pornodoku "9to5": Blowjob und Baby füttern


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