Porno-Romanze Der Zauber der Penetration

Romantische Komödie im Gewand eines Sexfilmchens: Kevin Smith gelingt mit seiner Loser-Komödie "Zack & Miri Make A Porno" das große Kunststück, zwischen Schmutz und Sperma zärtliche Gefühle erwachen zu lassen.

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In Philadelphia durften keine Werbeplakate zu "Zack & Miri Make A Porno" aufgehängt werden. Das Wort Porno im Filmtitel, so die Argumentation der Verantwortlichen, könnte Minderjährige zutiefst verstören. Eine sonderbare Besorgnis, wenn man bedenkt, dass jeder Hardcore-Streifen im Internet für schweißige Jungshände nur einen Mausklick entfernt ist.

Noch unangemessener erscheint die Aufregung aber, wenn man den skandalisierten Film bis zum Ende angeschaut hat: Gut möglich, dass "Zack & Miri Make A Porno" die romantischste Komödie ist, die überhaupt je gedreht wurde.

An der Titelheldin und dem Titelhelden perlt jedenfalls auf zauberhafte Weise jede Art von Schmutz und Sperma ab, während ihre Umwelt in Körpersäften aller Art versinkt. Und das ist es doch, worum es in einer jeden romantischen Komödie im Prinzip geht: sauber zu bleiben und auf ein moralisch einwandfreies Happy End zuzusteuern in einem Umfeld, das von Versuchung, Verderbtheit und Verrohung bestimmt wird.

Wobei Regisseur Kevin Smith in Pornografie per se natürlich nichts Verdammenswertes sehen dürfte. Im Gegenteil, es ist davon auszugehen, dass der 39-jährige Dauer-Slacker, der mit Komödien wie "Clerks" oder "Chasing Amy" die popkulturellen Kompensationsbeschäftigungen sexuell unterversorgter Jungs wie kein anderer ins Visier genommen hat, ein durchaus inniges Verhältnis zum XXX-Home-Entertainment pflegt. Wahrscheinlich entstaubt er seine Pornosammlung unterm Bett genauso liebevoll wie die "Star Wars"-Figuren in der Schrankwand.

So gesehen darf man den Helden Zack (Seth Rogen, "Beim ersten Mal") in seinem jüngsten Film durchaus als sein Alter Ego sehen. Denn was macht der abgebrannte Dauerjobber, als er mit seiner ebenso abgebrannten WG-Genossin Miri (Elizabeth Banks) die leeren Kassen durch den Dreh eines Amateurpornos füllen will? Er formuliert erst einmal eine Reihe von Filmtiteln, in denen er so kunstvoll wie kenntnisreich die eigenen popkulturellen Vorlieben mit amtlichem Porno-Sprech verbindet. Das Texten ist für so einen wichtiger als die Tat.

Es ist deshalb anzuraten, Smith' Porno-Romanze möglichst im Original anzuschauen. Mag man für Zack und Miris angedachtes Filmprojekt "Star Whores" noch eine griffige deutsche Übersetzung finden, wird es bei "Swallow My Cock-ucinno" schon schwieriger.

Der Witz von "Zack & Miri" liegt im Detail; die Story selbst haut einen nicht vom Hocker. Muss sie ja auch nicht. Sie ist eben so vorhersehbar wie sie das nun mal sein muss in einer romantischen Komödie - oder in einem Porno. Der romantische Vollzug wird in dem einen Genre so schnörkellos vorangetrieben wie der sexuelle im anderen; es gibt wohl keine zwei anderen Filmfächer, die derart geheimnislos daherkommen.

So sind auch in "Zack & Miri" nicht die Handlungswendungen interessant, sondern die Dialoge. Gekonnt wird zum Beispiel Komik entfaltet, wenn Miri auf einem Ehemaligentreffen an der Highschool ihren Ex-Schwarm zu einem One-Night-Stand zu überreden versucht, während der ihr auf sanfte Weise klarmachen will, dass er inzwischen ein Star in Schwulenpornos geworden ist - und in diesen eben auch deshalb mitspielt, weil sie seiner sexuellen Orientierung entsprechen.

Immerhin nehmen Miri und Zack aus dem gescheiterten Aufriss die Inspiration für ihre neue Geschäftsidee mit. Schnell rekrutieren sie eine Gruppe von Jobbern, darunter auch die realen Porno-Veteraninnen Traci Lords oder Katie Morgan, die der einschlägig interessierte Filmliebhaber möglicherweise aus Produktionen wie "Open Up Traci" oder "Desperately Horny Housewives" kennt.

Anrührend, wie hier eine Gruppe freundlicher Freaks bei der Verwirklichung einer unabhängigen Projekts zusammenwächst. Noch anrührender, wie in all diesem ungehemmt enthusiastischen Treiben Zack und Miri auf einmal ihre Zuneigung für einander erkennen.

Wie von Zauberhand fällt jede Penetrationsübung der beiden mit den anderen Semi-Profis ins Wasser, bis Zack und Miri schließlich zum gemeinsamen Shoot auf unbequemer Polsterung zur Action kommen - und Regisseur Smith die Kamera vom streng funktionalen Porno-Close-Up zärtlich-züchtig an die Decke schweben zu lassen scheint. Beinahe schon spießig, dieser monogame Schlussakt.

Aber was heißt hier schon Unzucht? Eigentlich deuten bereits die ersten bizarren Verrenkungen aufs herzige Finale hin. Selbst Traci Lords, die große alte Dame des Achtziger-Jahre-Pornos, setzt ihren Körper ganz im Sinne des romantischen Zwangsvollzugs ein: In ihrer ersten Szene lässt sie Seifenblasen aus der Vagina aufsteigen.

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