Regisseur Andreas Goldstein Der frühreife Spätentwickler

Mit 54 Jahren legt Andreas Goldstein plötzlich zwei Filme vor: einen Dokumentarfilm über seinen Vater, den DDR-Funktionär Klaus Gysi, und eine Ingo-Schulze-Verfilmung. Ein Treffen mit dem außergewöhnlichen Debütanten.

Andreas Goldstein
Simon Bierwald/ Duisburger Filmwoche

Andreas Goldstein


Den Förderpreis der letztjährigen Duisburger Filmwoche gewann ein Mann von 54 Jahren. Für Andreas Goldstein war das keineswegs ehrenrührig. Er hat ja tatsächlich gerade erst mit dem Filmemachen angefangen. Oder besser gesagt: Mit dem Filme fertigmachen. Nun sind es auch gleich zwei geworden, der dokumentarische Essay "Der Funktionär" über seinen Vater Klaus Gysi, der in Duisburg ausgezeichnet wurde. Und der Spielfilm "Adam und Evelyn", der in Venedig Premiere feierte und diese Woche ins Kino kommt. Ein doppeltes Debüt, sozusagen.

Die Frage, warum er so lange dafür gebraucht hat, begegnet Goldstein nun häufiger. Er selbst nennt sich mit Sinn für Humor einen "frühreifen Spätentwickler": "Die Leute mochten mich immer - ich war scheu und schüchtern, hatte die Sache aber gut verstanden."

Mit den Leuten gemeint ist etwa der Dokumentarfilmemacher und Brecht-Schüler Peter Voigt. Für Voigt begann Goldstein zu arbeiten, als er nach einem Studium der Kulturwissenschaften an der Berliner Humboldt-Universität 1991 an die Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg wechselte. Eine eigenwillige Erfahrung: "So schlimm hab ich die DDR nie kennengelernt wie an der Filmhochschule", sagt Goldstein, "provinziell und autoritär wie die Unteroffiziere in der Technikausgabe, die dich angeschnauzt haben, wenn noch drei Grashalme am Schutz vom Ton-Mikrofon steckten."

Die Neunziger: nebelhaft

Später war Goldstein für den Filmproduzenten Laurens Straub tätig. "Da konnte ich machen, was ich wollte, hab' gelernt, wie man Kalkulationen schreibt, und fand die Branche angenehmer als die Filmhochschule." Babelsberg war für Goldstein schlicht der falsche Ort: "Ich wusste damals noch gar nicht, was ich machen will, war auf der Suche, und um auf der Suche zu sein, sind Filmhochschulen schlechte Orte. Weil es da schon immer darum geht, möglichst erfolgreich Filme zu machen."

Dass Goldstein erst jetzt mit seinen Filmen herausgekommen ist, hat aber noch einen anderen Grund. "Aus der DDR kommend waren die Neunziger nebelhafte Jahre. Ich glaube, dass ich jetzt erst in der Gegenwart angekommen bin, ich hatte keinen Bezug zu meiner Zeit." Das klingt nur auf den ersten Blick komisch, wenn man bedenkt, dass sowohl "Der Funktionär" als auch "Adam und Evelyn" von Geschichte handeln. Aber vom Gestern lässt sich eben nur erzählen, wenn man im Heute lebt.

"Der Funktionär"
DOK Leipzig

"Der Funktionär"

Beide Filme sind zudem keine abgedichteten Ausflüge in eine Vergangenheit; sie öffnen das, was war, vielmehr für die Jetztzeit. In "Der Funktionär" (der Film soll im Frühjahr ebenfalls ins Kino kommen) beschreibt Goldstein am Beispiel seines Vaters das lange, starre Scheitern des sozialistischen Deutschlands. Das Setting ist karg: Goldsteins Text wird gesprochen zu Fotos aus den "windstillen Jahren" des DDR-Niedergangs und Footage-Material vom Vater, der Leiter des Aufbau-Verlags war, unter Ulbricht Minister, Botschafter in Rom und am Ende Sekretär für Kirchenfragen. (Und ja, auch Vater von Gregor Gysi)

Goldstein ist streng mit dem Vater; in den besten Szenen kommentiert er wie ein Theaterkritiker, wie der Genosse Minister sich windet in Fernsehsendungen. Wie etwas nicht von der Stelle kommt, wie die DDR immer nur zu ihrem Gründungsmythos zurückkehrt als Legitimation ihrer selbst - das ist selten so anschaulich geworden wie in dem in Schönheit und Präzision vor sich hinmäandernden Filmtext. "37 Jahre alt zu sein bei Staatsgründung", sagt der Filmemacher über den Vater, "da ist ja alles durch, da ändert man sich ja nicht mehr."

Aus der Perspektive von "Der Funktionär" ist die Hoffnung auf eine bessere DDR mit Ulbricht gestorben. Die Honecker-Zeit erscheint Goldstein folglich als Kapitulation vor dem Versuch, eine vom Kapital befreite Gesellschaft aufzubauen - "dass man das Volk bestochen hat mit Konsumgütern, die man sich damals schon nicht leisten konnte."

Kein Jubel über den Mauerfall

Anders als in der dominanten westdeutschen Filmproduktion über diese Zeit sind die letzten zwei Jahrzehnte der DDR Goldstein zufolge vom Rückzug ins Private gekennzeichnet: "Man hat deutlich gespürt, dass es keine Politik mehr gibt, dass die Regierung nicht mehr handelt, nachdem alle sozialdemokratischen Ziele erfüllt waren: günstige Wohnungen und Lebensmittel, kostenlose Gesundheitsversorgung, Kindergärten."

Diese Wahrnehmung kann erklären, warum sich Goldstein für Ingo Schulzes Sommerroman "Adam und Evelyn" interessiert hat. Es ist, wie so häufig bei Schulze, eine Geschichte des Übergangs in die neue Zeit und kein Jubel über den Mauerfall, der alle angestauten Probleme löst. "Mit der Wende verliert Adam seine Freiheit", sagt Goldstein über seinen von Florian Teichtmeister stoisch gespielten Protagonisten.

Florian Teichtmeister und Anne Karis in "Adam und Evelyn"
Neue Visionen

Florian Teichtmeister und Anne Karis in "Adam und Evelyn"

Adam ist so eine Gestalt, die sich in einem privaten Paradies eingerichtet hat - ein Damenschneider, der die Wünsche verwirklicht, die von der Planwirtschaft nicht erfüllt werden, und mit seinen Kundinnen zudem amouröse Affären hat. Deshalb flieht Evelyn (Anne Kanis) vor ihm in den Urlaub nach Ungarn im Sommer 1989. Adam reist ihr nach, schließlich landen sie im Westen, der hier denkbar unerotisch aussieht: Reihenhäuser, Einbauküchen.

Den gesprächigen Schulze-Roman hat er mit seiner Co-Autorin, Kamerafrau und Cutterin Jakobine Motz streng reduziert. So ist "Adam und Evelyn" ein stiller, bühnenhafter Film geworden, der die "DDR" nicht aus dem Fundus hervorzaubern will, sondern eher als eine Landschaft begreift, eine Mentalität.

Die Verweigerung gewisser Konventionen ist verständlich, sie verleiht dem Film aber auch etwas Defensives. "Ich verstehe den Einwand", sagt Goldstein, "der Film ist sehr verletzlich und zurückhaltend." Goldstein führt das auf seine Herkunft, seine Prägungen zurück; im Studium begeisterte er sich für die strengen, brechtianisch informierten Arbeiten des Regieduos Straub-Huillet: "Deutscher Theaterfilm, das sind halt die Wurzeln, das wird man nicht los. Ich kann jetzt nicht so tun, als ob ich ein Franzose wäre und diese Leichtigkeit behaupten."

Im Video: Die Rezension zu "Adam und Evelyn"

Neue Visionen

Französische Leichtigkeit vielleicht nicht, aber doch eine spezifische deutsche Schelmenhaftigkeit. Nach dem Förderpreis von Duisburg zeigte sich Goldstein jedenfalls Witzen über weitere mögliche Auszeichnungen aufgeschlossen. Ein Erfolg bei den First-Steps-Awards - das müsste doch drin sein.

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