Legendärer Club Bar 25: Abschied mit Lebkuchenherz

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Mit seinen ausufernden Kostümpartys machte sich der Berliner Club Bar 25 weltweit einen Namen. Doch 2010 war Schluss mit lustig. Jetzt erinnert der Kinofilm "Bar 25 - Tage außerhalb der Zeit" an das Feier-Paradies. Klar, dass die Premierensause am Originalschauplatz stattfand - samt Wodkarutsche und Konfettiregen.

Movienet

Die Johannesburg 24 steht noch. Wie eine Geste des Protests ragt die übrig gebliebene Bar auf dem ehemaligen Areal des Berliner Clubs Bar 25 mit reichlich Schieflage in den Himmel. Das Gebilde aus rostigen Blechteilen, Autoreifen und anderem Schrott wurde während der südafrikanischen Fußball-WM 2010 zu einer kompletten Township-Etage oberhalb des Tresens aufgetürmt. Es erinnert mit seiner eigenwilligen Architektur an die hysterischen Tage des Clubs an der Spree, der im September 2010 endgültig schließen musste. An der Stelle, an der sich früher das eigentliche Feier-Paradies samt Holzhüttenlandschaft im Stil eines Westerndorfs erstreckte, klafft jetzt eine Grube.

Traurig sieht das Gelände aus. Grauer Sandboden, ein paar verstreute Bäume. Selbst der rote Teppich, der auf dem Boden ausgerollt ist, kann daran wenig ändern. Der Anlass ist dabei würdig genug: Zu feiern ist die Premiere des Films "Bar 25 - Tage außerhalb der Zeit" von Britta Mischer und Nana Yuriko, für die man am Vorabend des 1. Mai noch einmal an den Originalschauplatz zurückgekehrt ist.

Seit er 2004 zum ersten Mal seine Holztore öffnete, musste der Club Bar 25, der lediglich zur Zwischenmiete geduldet war, von Jahr zu Jahr um seinen Fortbestand bangen. Mit seinen ausufernden Kostümpartys im Konfettiregen machte sich der Club zwar auf der ganzen Welt einen Namen, doch 2010 wurde den Betreibern endgültig gekündigt. Von den sieben heftigen Jahren der Party-Idylle erzählt der Film aus nächster Nähe - die Filmemacherinnen begleiteten die Geschichte der Bar 25 von Anfang an mit ihren Videokameras. Am Ende hatten sie über 700 Stunden Material.

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Bar 25: Kunterbunte Schlammpartys
Zur Premiere haben sich eine Reihe von Fans und ehemaligen Wegbegleitern eingefunden, manche tragen Kostüme, viele haben den haustypischen Glitzer im Gesicht. Die Macher von einst, die jetzt zum Teil am gegenüberliegenden Spreeufer den Club Kater Holzig betreiben, haben es bei der Gestaltung des Abends an Nostalgie nicht fehlen lassen. So animieren sie die Besucher per Megafon zur "Wodkarutsche", die zum festen Bestand der Bar 25 zählte: Über einen abschüssigen Eisblock, in den zwei Bahnen geschabt sind, wird empfangsbereiten Gästen Alkohol eingeflößt. Zum Abschluss des Rituals müssen sich die Gäste küssen.

Füße in H-Milch

Ein paar Schritte weiter hat man Gelegenheit, auf einem mannshohen Thron Platz zu nehmen, um eine "Fußwaschung" mit H-Milch zu empfangen. An diesem Abend wirken die Relikte des Freiluft-Tempels ein wenig verloren, auch wenn der eine oder die andere sich der Schuhe entledigt, um die Fußsohlen in Milch zu baden.

Fantasie, Inszenierung und ein guter Teil Ersatzreligion spielten in der Bar 25 eine große Rolle, wie der Film ausgiebig bestätigt. Zu sehen sind psychedelisch anmutende Bilder von Feiernden, die Oblaten mit aufgemalter roter 25 wie LSD-Hostien verabreicht bekommen, man deklamiert das Gebet "Bar 25" im Stile des Vaterunser, und zur Gedenkfeier nach dem Abriss tragen Fans ein ganzes Lichtermeer von Grabkerzen auf dem Boden des "Tempels" zusammen.

"Bar 25 - Tage außerhalb der Zeit" erzählt jedoch vor allem von der rastlosen Hingabe der Clubbetreiber, die sogar auf dem Grundstück in Bauwagen und Holzhütten wohnten. Neben dem Club entstanden nach und nach ein Restaurant, ein Wellnessbereich und ein Hostel. Der Filmtitel bringt den Parallelweltcharakter dieses Alltagsrefugiums knapp auf den Punkt: Wer sich in der Bar 25 engagierte, bewegte sich in einer Ordnung jenseits der Arbeits- und Freizeitrhythmen der restlichen Gesellschaft. Gefeiert wurde von Donnerstag bis Montag oder Dienstag - der Exzess, dem sich die Clubbesucher wahlweise zu Techno-Beats oder Rock-Rhythmen hemmungslos hingaben, hatte mitunter etwas bewusstseinserweitert Weltfremdes.

Zu wenig Distanz

Dass die Kommune um das Team von Organisator Christoph Klenzendorf, DJ Danny Faber, Türsteherin Steffi Lotta und Restaurant-Koch Juval Dieziger bei aller Verbundenheit durch die gemeinsame Sache durchaus einiges an Spannungen zu ertragen hatte, deuten die Regisseurinnen vereinzelt an. Insgesamt vermittelt das "Dokumärchen", dessen Rohschnitt mit rund 26.000 Euro durch Crowdfunding gefördert wurde, aber das Bild einer gelebten Utopie, die an stadtplanerischen Realitäten zerbrach. Hier wären ein wenig Distanz mitunter hilfreich gewesen.

Die Binnenperspektive, die der Film wählt, liefert andererseits haufenweise euphorische Bilder, zum Teil mit versteckter Kamera gedreht, von den überschäumenden Festen in dem "Wunderland" - seien es die schlammbedeckten Tänzer, die anschließend mit Konfetti dekoriert werden, oder das pompöse - illegale - Feuerwerk am Ende der letzten Party.

Mit Feuerwerk und Konfetti wurde dann auch die Premiere beschlossen, bevor es mit der Party weiterging, wohlgemerkt auf der anderen Seite des Flusses im Kater Holzig. Am Ausgang konnte man sich zum Abschied bei einem Lebkuchenherz bedienen, dessen Inschrift verkündete: "Ich bin ein Barliner".

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insgesamt 14 Beiträge
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1. ..........
janne2109 01.05.2012
scharfer Club gewesen, dennoch ..........Ein paar Schritte weiter hat man Gelegenheit, auf einem mannshohen Thron Platz zu nehmen, um eine "Fußwaschung" mit H-Milch zu empfangen...... ist einfach dämlich. Auch wenn wir alle im Überfluss leben würden, keine Arche notwendig wäre, wäre es einfach nur dämlich.
2.
nilsrocke@gmx.de 01.05.2012
Unheimlich viele fertige Leute mit faustdicken Drogen-Problemen, die sich für etwas Besonderes halten.
3. Keine Traene fuer die Bar 25
niela 01.05.2012
Ich erinnere mich da eher and linksalternatives Spiessertum. (kann es nicht anders beschreiben) Von wegen offener Raum. Ich habe mehrfach miterlebt wie leute an der Tuer abgewiesen wurden, weil sie scheinbar nicht in die Bunte Welt der "Anderen" reingepasst haben. In der Bar selbst hatte ich fast immer das Gefuehl von Arroganz und Unfreundlichkeit umgeben zu sein. Der Film passt genau in dieses Schema und in mein Bild von Berlin. Ein Zirkel von Leuten die sich hauptsaechlich damit ihr Ego erhalten, indem sie einen staendigen Kreislauf der Selbstzelebrierung erschaffen. Ein geschlossenes System das von allen bewundert werden will oder wenn nicht bewundert dann doch zumindest gehasst so dass man sich absetzen kann. Ich werde der Bar 25 keine Traene nachweinen...
4. Utopie
ach 01.05.2012
Zitat von sysopdas Bild einer gelebten Utopie, die an stadtplanerischen Realitäten zerbrach Legendärer Club Bar 25: Abschied mit Lebkuchenherz - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,830751,00.html)
Die stadtplanerischen Realitäten waren/sind eigentlich auch nur Utopien, allerdings von Leuten, die nur mit Legosteinen aus dem Basissatz operieren können. Utopien, die nur deswegen in Berlin wirksam sein können, weil demokratische Planungsprozesse seit gut 20 Jahren nicht mehr üblich sind und weil diverse Fördergeldtöpfe unkontolliert für private Planunsgvorstellungen mißbraucht werden.
5. "Money rules" (2te Version)
Demokrator2007 01.05.2012
Zitat von achDie stadtplanerischen Realitäten waren/sind eigentlich auch nur Utopien, allerdings von Leuten, die nur mit Legosteinen aus dem Basissatz operieren können. Utopien, die nur deswegen in Berlin wirksam sein können, weil demokratische Planungsprozesse seit gut 20 Jahren nicht mehr üblich sind und weil diverse Fördergeldtöpfe unkontolliert für private Planunsgvorstellungen mißbraucht werden.
Ich würde ihnen gerne uneingeschränkt zustimmen wollen, kann es aber nicht, weil ich feststelle das die Planungen aus Utopien von Machteliten stammen die weit mehr zur Verfügung zu haben scheinen als den Basissatz. Im Gegenteil sie mißbrauchen diese (demokratische?) Mitbestimmungsmöglichkeit, indem sie prassen und TROTZDEM in die Fördertöpfe langen. Darüber hat sich sogar einer der führenden Architekten des Potsdamer Platzes (Renzo Piano) folgendermaßen beklagt: "Wenn ich es nicht mache, macht es ein anderer" Also ein weiterer Betrag zum Thema "Money rules..." Ciao DerDemokrator
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