Primaten-Drama im Kino Empört euch, ihr Affen!

Schimpansen sind doch die besseren Menschen: Im Kinoklassiker-Prequel "Planet der Affen: Prevolution" müssen sich die klugen Viecher gegen den überforderten Homo sapiens erheben. Eine wunderbare Kinoüberraschung - und einer der besten Science-Fiction-Filme der letzten zehn Jahre.

Von

20th Century Fox

Immerhin das Irren bleibt exklusiv menschlich: Im Vorfeld dachte man unweigerlich, dass ein erneuter Aufguss der "Planet der Affen"-Saga wohl nicht viel mehr als ein Indiz der Ideenflaute Hollywoods sein kann. Was sollte denn auch aus der alten Primatenparabel noch an narrativem Mehrwert gezogen werden, das nicht bereits im dystopischen Klassiker "Planet of the Apes" (1968) oder den damaligen, charmant-alarmistischen Fortsetzungen zu finden war?

Auch die Tatsache, dass Tim Burtons erschreckend uninspiriertes Remake aus dem Jahr 2001 allenfalls angehende Maskenbildner begeistern konnte, nahm nicht gerade für das Projekt ein. Und obendrein noch ein dermaßen bemühtes Wortspiel im deutschen Titel, das vor allem nach schlimmer Brainstorming-Flaute in der Werbeagentur klingt. Nein, hier erwartete man keine Überraschungen, schon gar keine positiven.

Umso erstaunlicher die Erkenntnis, dass "Planet der Affen: Prevolution" - oder "Rise of the Planet of the Apes" - entgegen aller Vorbehalte zu den überzeugendsten Science-Fiction-Filmen der letzten Jahre zählt. Seit Charlton Hestons Kniefall vor der zerstörten Freiheitsstatue im Jahr 1968 wurde das Grundthema der Reihe nicht so spannend, stringent und, ja, originell variiert. Dieses Ergebnis war sicher unverhofft - doch umso deutlicher lässt sich im Nachhinein festmachen, wie der Film von Rupert Wyatt zu seiner Brillanz gelangt ist.

Ganz wesentlich etwa die Entscheidung, statt der vertrauten Untergangsvision der Menschheit die Emanzipationsgeschichte der Affen in den Mittelpunkt zu rücken. Und das nicht in Form einer ausladenden Evolutionsmär, sondern mittels einer ebenso intimen wie effektiven Familienaufstellung.

Affenhilfe gegen Alzheimer

Denn über weite Strecken ist Wyatts Film ein privates, häusliches Drama. Selbiges beginnt mit dem Wissenschaftler Will Rodman (James Franco, "127 Hours"), der in San Francisco für einen Pharmakonzern nach einer auf Viren basierenden Therapie gegen Alzheimer forscht. Antrieb für seine ehrgeizige Arbeit findet Rodman tagtäglich im Wohnzimmer: Sein Vater Charles (John Lithgow) leidet zusehends unter der erbarmungslosen Krankheit, die Gedächtnis, Persönlichkeit und in letzter Konsequenz das ganze Leben verzehrt.

Als eine zunächst vielversprechende Testreihe mit Menschenaffen tragisch endet und die Konzernleitung daraufhin das Projekt terminieren sowie die Versuchstiere töten will, rettet Rodman ein verwaistes Schimpansenbaby, dessen Mutter mit dem Versuchsvirus behandelt wurde. Unbemerkt nimmt er das Junge mit nach Hause, wo Vater Charles in seiner Leidenschaft für Shakespeare auch gleich einen passenden Namen für den Kleinen findet: Caesar.

Alsbald demonstriert Caesar eindrucksvoll, dass er die schon sensationellen kognitiven Fähigkeiten seiner verstorbenen Mutter bei weitem übertrifft: Er eignet sich eine komplexe Zeichensprache an, spielt vortrefflich Schach und enteilt in seiner Entwicklung Menschenkindern im vergleichbaren Alter. Angespornt von Caesars überwältigender Intelligenz und ungeachtet medizinethischer Bedenken beschließt Will, seinen Vater mit dem Virus zu behandeln. Tatsächlich regeneriert sich Charles' Gehirn unter Einwirkung der Medikation nicht nur, das Virus steigert sogar seine ursprüngliche Leistungsfähigkeit.

Während Will damit eine Wiederaufnahme seiner Forschungen durchsetzen kann, durchläuft Caesar schmerzhafte Phasen einer Bewusstwerdung. So fürsorglich seine Ersatzfamilie auch ist, führen ihm Reaktionen der Umwelt und die fortwährende Beschränkung seiner Freiheit doch die eigene Andersartigkeit vor Augen. Bis hin zu dem erschütternden Moment, in welchem er erstmals begreift, dass er nicht das Kind der von ihm geliebten Menschen ist.

Der Schimpanse spielt besser als der Mensch

Mit Hilfe der Primatenforscherin Caroline (Freida Pinto) versucht Will, der zunehmenden Frustration des heranwachsenden Caesar zu begegnen. Doch auch Ausflüge zu den imposanten Redwood-Trees können nicht verhindern, dass Caesar die Gängelung immer schwerer erträgt. Schließlich führt die zugleich empathische wie instinktive Reaktion Caesars auf einen Streit zwischen Charles und einem Nachbarn zur Katastrophe: Will wird von der Justiz gezwungen, Caesar in ein privates Affengehege abzugeben.

Hinter tierlieber Fassade herrschen dort Betreiber Landon (Brian Cox) und sein Sohn Dodge (Tom Felton) mit kalter Willkür über die eingepferchten Tiere. Will, der mittlerweile die Gefährlichkeit des Virus erkannt hat, sucht nach Wegen, die fortlaufenden Testreihen im Labor zu verhindern und Caesar zurückzubekommen. Doch der hat sich unter dem Eindruck des eigenen Leids und als Zeuge des Martyriums seiner Artgenossen zu eigenen, radikalen Schritten entschlossen.

Garant für die unbedingte Identifikation der Zuschauer mit dem Existenzkampf der Unterdrückten ist neben einer perfekt eingesetzten Motion-Capture-Technologie die darstellerische Leistung von Andy Serkis als Caesar. Serkis, berühmt für seine intuitive Verkörperung des Gollum in Peter Jacksons "Herr der Ringe"-Trilogie, spricht hier mit Körper und Mimik wahre Bände: Nuancierter und herzzerreißender kann das Werden eines Charakters kaum illustriert werden, und in keinem Moment stellt sich die Frage, wer der Hauptdarsteller dieses Films ist.

Obschon virtuos, rückt die Tricktechnik somit im Gegensatz zu den früheren "Planet der Affen"-Filmen in den Hintergrund. Diese Selbstverständlichkeit des Szenarios, das sich auch bei den Schauplätzen und -werten klug bescheidet, macht den apokalyptischen Ausblick umso zwingender. Nicht das große Spektakel, sondern der konsequente Perspektivenwechsel beeindruckt hier: Mit Caesar blickt das Publikum auf die menschliche Hybris und macht sich die Sache der Affen weit über die genreübliche, moralische Lektion hinaus zu eigen.

Wider Erwarten ist es also wirklich ein Film mit den Worten "Planet der Affen" im Titel, der im Jahr 2011 für smarte Science Fiction steht. Hier wird mit dem Licht der Erkenntnis das Feuer der Revolution entfacht.



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insgesamt 61 Beiträge
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Seite 1
hauptkommissartauber 11.08.2011
1. Was ich mich schon lange frage:
Warum werden manche Filme immer wieder gedreht? Und oft wird es schlechter. Ich mag jetzt diesen Film hier nicht beurteilen, aber es ist so, dass "Remakes" von erfolgreichen Filmen oft schwächer sind. Das kann die Feuerzangenbowle sein, das kann Solaris sein, aber auch Psycho. Planet der Affen wurde auch schon 2001 erneut aufgelegt, mit mäßigem Erfolg.
taxbacher 11.08.2011
2. Die klugen Affen und die Menschen
Zitat von sysopSchimpansen*sind doch die besseren Menschen: Im Kinoklassiker-Prequel*"Planet der Affen - Prevolution" müssen sich die klugen Viecher gegen den überforderten Homo sapiens erheben. Eine wunderbare Kinoüberraschung - und einer der besten Science-Fiction-Filme der letzten zehn Jahre. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,779447,00.html
Angeblich stammt die Menschheit vom Affen ab, nur, die Affen haben sich weiter entwickelt und die Menschheit ist leider verblödet!
danielw13 11.08.2011
3. Kein Remake
Zitat von hauptkommissartauberWarum werden manche Filme immer wieder gedreht? Und oft wird es schlechter. Ich mag jetzt diesen Film hier nicht beurteilen, aber es ist so, dass "Remakes" von erfolgreichen Filmen oft schwächer sind. Das kann die Feuerzangenbowle sein, das kann Solaris sein, aber auch Psycho. Planet der Affen wurde auch schon 2001 erneut aufgelegt, mit mäßigem Erfolg.
Hier handelt es sich aber um einen neuen Film, der die Vorgeschichte von "Planet der Affen" erzählt. Das kann man originell finden oder nicht, ein Remake ist es jedenfalls nicht.
Neurovore 11.08.2011
4. ...
Zitat von danielw13Hier handelt es sich aber um einen neuen Film, der die Vorgeschichte von "Planet der Affen" erzählt. Das kann man originell finden oder nicht, ein Remake ist es jedenfalls nicht.
Doch: Eroberung vom Planet der Affen (http://de.wikipedia.org/wiki/Eroberung_vom_Planet_der_Affen)...
Trondesson 11.08.2011
5. .
Zitat von hauptkommissartauberWarum werden manche Filme immer wieder gedreht? Und oft wird es schlechter. Ich mag jetzt diesen Film hier nicht beurteilen, aber es ist so, dass "Remakes" von erfolgreichen Filmen oft schwächer sind. Das kann die Feuerzangenbowle sein, das kann Solaris sein, aber auch Psycho. Planet der Affen wurde auch schon 2001 erneut aufgelegt, mit mäßigem Erfolg.
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