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Prinzessin Mononoke: Greenpeace-Krieger zwischen Marx und Mythologie

Von Oliver Hüttmann

Das klingt kitschig: Junger Held rettet beherzt den Wald, versöhnt Menschen und Tiere und findet die Liebe. Doch hinter Hayao Miyazakis monumentalem Zeichentrickwerk "Prinzessin Mononoke", dem erfolgreichsten japanischen Film aller Zeiten, steckt eine kluge und komplexe Botschaft.

Wildes Waisenmädchen: Prinzessin Mononoke kämpft gegen den Raubbau an der Natur
Buena Vista

Wildes Waisenmädchen: Prinzessin Mononoke kämpft gegen den Raubbau an der Natur

In kaum einem anderen Land sind die Konflikte zwischen Tradition und Moderne eine so bizarre Symbiose eingegangen wie in Japan. Trotz enormer technologischer Fortschritte, die Japan einst zur weltweit überlegenen und selbst von Amerika gefürchteten Nation gemacht hatten, lebt die Bevölkerung noch immer nach Jahrtausende alten, strengen Ritualen.

In den überfüllten Metropolen wohnen sie in Apartments wie Hamster in Schuhkartons. Die Firmen werden von dekadenten Managern wie Samuraifürsten geführt, die Belegschaft ist hierarchisch gestaffelt und den Prinzipien von Ehre und Loyalität unterworfen, Frauen haben weiterhin wenig zu sagen, und Umweltschutz ist kaum ein Thema. Japans Gesellschaft wirkte auf Europäer immer wie ein futuristischer Entwurf, faszinierend und abstoßend zugleich, dem nicht zufällig Ridley Scotts "Blade Runner" ähnelte. Zeitweise galt das japanische Ameisensystem sogar westlichen Unternehmen als Vorbild. Heute kaufen sie ihre fernöstlichen Konkurrenten auf.

Der Ursprung des Bösen

Von all dem erzählt auch der Zeichentrickfilm "Prinzessin Mononoke", angelegt als Sage über den Kampf zwischen uralten Tiergottheiten und Menschen in der Phase des industriellen Aufbruchs um 1470. Hauptfigur ist Ashitaka, ein junger Krieger, der zu Beginn sein Dorf vor einer Katastrophe bewahrt. Ein gewaltiger Keiler ist zum Dämon mutiert und zieht eine Schneise der Verwüstung durchs ganze Land.

Altertümliche Greenpeace-Krieger: Mononoke und ihre Ziehmutter Moro, die weiße Wolfsgöttin
Buena Vista

Altertümliche Greenpeace-Krieger: Mononoke und ihre Ziehmutter Moro, die weiße Wolfsgöttin

Ashitaka kann die Furie stoppen, wird beim Kampf jedoch am Arm verletzt. Damit, sagt eine alte weise Frau, hat sich auf ihn ein Fluch übertragen, an dem er unweigerlich sterben wird. Denn das Untier war der eigentlich gutmütige Wildschweingott Tatari Gami, in dessen Leib eine Kugel steckt, die ihn offenbar vor Zorn und Schmerz zur Raserei getrieben hat. Um den Ursprung des Bösen und damit die Ursache für sein eigenes Schicksal zu ergründen, verfolgt Ashitaka der Spur von Tatari Gami zurück bis weit in den Westen.

Die Wolfsgöttin und das Waisenmädchen

Dort trifft er schließlich auf Lady Eboshi, eine kluge Person und knallharte Geschäftsfrau, die am Fuße eines heiligen Berges die florierende Eisenhütte Tatara Babe leitet. Für den Abbau des Erzes holzen ihre Leute einen riesigen, dichten Wald ab. Große Teile davon sind bereits gerodet, bestehen nur noch aus Baumstümpfen und verbrannter Erde und sehen aus wie ein Schlachtfeld. Gegen diesen Raubbau an ihrem Lebensraum führen die Tiere und vor allem die Wildschweine unerbittlich einen aussichtslosen Krieg. So bekennt Eboshi freimütig, mit ihrer Muskete auf Tatari Gami geschossen zu haben, als dieser ihre Festung angegriffen hatte. Ihre ärgsten Feinde aber geben nicht auf: Die mannshohe, weiße Wolfsgöttin Moro, ihre zwei Söhne und das wilde Waisenmädchen San - Prinzessin Mononoke genannt - reiten immer wieder Attacken gegen die Frevler.

Düsteres Öko-Szenario

Um das Missverhältnis zwischen Mensch und Natur geht es hier also. Aber das düstere Öko-Szenario ist nur die vordergründige Botschaft dieser Allegorie, die Egoismus und Rivalität beklagt, Harmonie und Versöhnung einfordert. Der Zeichner und Regisseur Hayao Miyazaki, mittlerweile 50 Jahre alt, graubärtig und mit der gütlichen Aura eines Märchenonkels gesegnet, hatte mal von dem marxistischen Gleichheitsideal geträumt. Von dieser Utopie hat er sich längst abgewandt, dennoch ist sein monumentales Meisterwerk von einem tiefen Humanismus und freiheitlichen Geist geprägt. Und da er weiß, dass die Wirklichkeit komplexer ist als Theorien und Vorurteile, zieht er keine scharfe Trennlinie zwischen Gut und Böse, Profitmachern und Naturfreunden.

Heilender Waldgott

Kämpft ums Überleben und verliebt sich in Mononoke: Krieger Ashitaki
Buena Vista

Kämpft ums Überleben und verliebt sich in Mononoke: Krieger Ashitaki

Lady Eboshi steht zwar für die Selbstherrlichkeit der Menschen, die Natur beherrschen zu wollen, hat aber auch ein Herz für Aussätzige und Prostituierte, denen sie mit der Arbeit in der Eisenhütte ein besseres Leben und folglich eine Zukunft verschafft. Dass sie diese auf Kosten ihrer Umwelt wiederum gefährden, ist ein typisches Dilemma im menschlichen Streben nach Glück.

San dagegen hasst die Menschen, seit sie als Baby ausgesetzt und von Moro großgezogen worden ist, verliebt sich aber zögerlich in Ashitaki. Als er von Eboshis Leuten verwundet wird, bringt ihn die Natur-Prinzessin zu einer Quelle, wo ihn auf Sans Bitten hin der Waldgott heilt. Dessen mythische Kraft und in den Himmel ragende Gestalt, die lichtdurchflutet wie eine Ader pulsiert, symbolisiert die Seele unseres Planeten. Jenem Waldgott will Eboshi den Kopf abschlagen lassen, weil mit ihm der Wald stürbe und damit auch der Widerstand der Tiere. Ashitaki aber rettet sowohl San als auch Eboshi das Leben. Er ist ein ausgleichendes Pendel, das gute Gewissen und zudem ja auch ein Opfer dieses Wahnsinns, der im Angesicht des eigenen Todes beherzt für ein bisschen Hoffnung ringt.

Putzige Baumgeister und drastische Schlachtszenen

Illustriert werden diese großen Gesten, die nie pathetisch wirken, von fabelhaften Kreationen aus üppigen Pflanzen, poetischen Naturwundern, atemberaubenden Verwandlungen und putzigen Baumgeistern. Neben der meditativen Schönheit aber hat Miyazaki auch drastische Schlachtszenen gezeichnet, die einen manchmal vergessen lassen, dass es sich hier um einen Zeichentrickfilm handelt. Amerikanische Kollegen schwärmen seit langem von Miyazaki, für die "Mulan"-Macher ist er gar "so etwas wie ein Gott", und "Toy Story"-Regisseur John Lasseter nennt ihn "als größte Inspiration". Miyazaki selbst fühlt sich beeinflusst von europäischen Klassikern wie "Die Schneekönigin" und "Der König und der Vogel".

Von "Heidi" zu "Mononoke"

Bislang hatten japanische Zeichentrickfilme, die Animes heißen und auf dem Stil der in Japan populären Manga-Comics basieren, im Westen kaum eine Chance. Dabei weiß kaum jemand, das schon TV-Serien wie "Biene Maja", "Wicki", Kimba" und "Captain Future" von japanischen Zeichnern stammen. Miyazaki hatte Anfang der siebziger Jahre mit "Heidi" sogar einen der größten Erfolge beigesteuert.

Doch auch für die niedlich entworfenen, aber oft brutalen, vor postapokalyptischem Hintergrund spielenden Animes hat sich bei uns inzwischen eine ansehnliche Gemeinde versammelt. Der Disney-Konzern, der sich auf dem japanischen Markt nur schwer durchsetzen kann, kooperiert deshalb schon seit Jahren mit den Ghibili-Studios, die "Prinzessin Mononoke" 1997 produziert haben. Solange hat es nun gedauert, bis der Disney-Verleih Buena Vista den Film herausgebracht hat, der in Japan mit 13 Millionen Zuschauern immerhin sogar "Titanic" verdrängte. Vielleicht hat man ihm den Erfolg in Europa nicht zugetraut ­ oder auch nur die eigenen Produkte schützen wollen. Jedenfalls sollte man ihn sich jetzt ansehen. Dann versteht man vielleicht auch Japan etwas besser.

"Prinzessin Mononoke" ("Mononoke Hime"), Japan 1997; Regie: Hayao Miyazaki; Drehbuch: Hayao Miyazaki; Deutsche Stimmen: Alexander Brem, Stefanie Beba, Marietta Meade, Jochen Striebeck; Länge: 135 Minuten; Verleih: Buena Vista; Start: 19. April 2001

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