Film-Quotenverein gegründet "Talent ist gleich auf Alle verteilt"

Unter dem neuen Namen Pro Quote Film engagieren sich Frauen aus der Filmbranche für mehr Gerechtigkeit. Sie wollen endlich sichtbar sein.

Jasmin Tabatabai
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Jasmin Tabatabai

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Fürs Gruppenfoto rufen am Schluss alle zusammen "Revolution!". Das könnte klappen: Die Frauen, die sich im Berliner Kino International vor den roten Vorhang stellen, haben einen neuen Film-Lobbyverein gegründet - und er könnte wirklich etwas bewegen.

Die Regisseurinnen, die seit 2014 als Pro Quote Regie für Gleichberechtigung in der Branche kämpfen, haben ihre Reihen nun erweitert: Unter Pro Quote Film sind nun neun Gewerke von Kamera über Schnitt bis Kostümbild vertreten.

Dieser Schritt war überfällig. Und er spiegelt ein Selbstverständnis, das zu einer veränderten gesellschaftliche Debatte passt: Als sich der Verein vor dreieinhalb Jahren gründete, habe es nicht einmal nach Geschlechtern aufgeschlüsselte Statistiken in der Branche gegeben, so Regisseurin und Vorstandsmitglied Barbara Rohm. Da sei man heute weiter: "Niemand sucht mehr die Schuld bei den Frauen, sondern im System und in der Branche."

Viele hielten die Forderung nach 50 Prozent Beteiligung für "maßlos" - jedoch stellten Frauen nun einmal die Hälfte der Bevölkerung. Und: "Talent ist gleich auf Alle verteilt".

Schauspielerinnen als Aktivistinnen

So geht es an diesem Tag vor allem um Sichtbarkeit. Für ihre Gewerke sitzen auf dem Podium die Filmkomponistin Annette Focks, Kostümbildnerin Stefanie Bicker, Kamerafrau Eeva Fleig, Szenenbildnerin Beatrice Schultz, Regisseurin Connie Walther, Cutterin Gesa Marten, die Produzentinnen Kerstin Ramcke und Janine Jackowski (die Maren Ades "Toni Erdmann" betreute) und die Drehbuchautorin Dorothee Schön ("Kästner und der kleine Dienstag", "Charité").

Dazu kommen die Schauspielerinnen Jasmin Tabatabai ("Vier Minuten", "Letzte Spur Berlin", "Bandits") und Nina Kronjäger ("Abgeschminkt"). Sie sind hier, weil sie nicht nur ihren Beruf ausüben wollen. Sie sind Aktivistinnen geworden. Als hätten sie erkannt: Irgendjemand muss es ja machen. Ihre Wut und die Ungeduld sind unüberhörbar.

Nina Kronjäger sagt: "Wir haben ein System, das auf Macht basiert und Seilschaften begünstigt. Dieses System kann nur von der Quote beseitigt werden." Und Jasmin Tabatabai ruft in den Raum: "Wie sollen Frauen ihre Qualität unter Beweis stellen, wenn sie nicht vorkommen? Her mit dem Wettbewerb!"

Dieses neue Bündnis kann in der Tat endlich einen umfassenden Wandel bringen. Denn der bisherige Einsatz von Rohm und ihren Regie-Kolleginnen hat bereits etwas bewirkt: Redaktionen, Sender und Institutionen haben sich ein wenig von ihrem schon etwas fransig gesessenen Stammplatz wegbewegt.

Eine gesetzliche Verankerung der Quote fehlt

Laut neuem Filmfördergesetz müssen Auswahlgremien nun pari-pari besetzt sein; das ZDF hat einen "8-Punkte-Plan" entworfen, laut dem für Filmproduktionen künftig auch Regisseurinnen vorgeschlagen werden müssen. Die ARD und ihre Spielfilmtochter Degeto haben sich eine Regisseurinnen-Quote von immerhin 20 Prozent auferlegt.

Die Quotenkämpferinnen stießen eine Studie an, die untersuchte, wie Frauen und Männer in Fernsehen und Kino dargestellt werden. Und die Produktionsgruppe Studio Hamburg will 50 Prozent ihrer Filme mit Regisseurinnen besetzen - bei deren hauseigenem "Großstadtrevier" hatte seit 30 Jahren keine Frau diesen Job inne.

Klar, vieles davon Absichtserklärungen, weit vom eigentlichen Ziel entfernt, die Quote gesetzlich zu verankern. Und weil sich realer Fortschritt in Zahlen messen lässt: Die haben sich kaum geändert. Bei 19 Prozent aller Kinofilme im Jahr 2014 führten Frauen Regie - 2016 waren es 22 Prozent. Bei ARD-Produktionen stieg die Quote von 11,2 auf 19,3 Prozent, bei ZDF-Filmen von 8,4 auf 14,4 Prozent. Von den Fördermitteln, die der Deutsche Filmförderfonds verteilt, gingen 2007 11,8 Prozent an Frauen - neun Jahre später waren es nur 8,8 Prozent.

Dieser Slow-Motion-Modus mag in der Natur des Themas liegen: Anders als in der Medienbranche, wo eine ähnliche Lobbyorganisation für mehr Frauen in Spitzenfunktionen kämpft, ist Filmemachen nun einmal ein langwieriges Geschäft.

Von der Demaskierung Einzelner zur Demaskierung des Systems

Dass die Debatte rund um Frauenrollen, Stereotype und Gleichberechtigung auf allen Ebenen derzeit vor allem in der Filmbranche weitergeführt wird, von Weinstein bis Wedel, überrascht Rohm nicht: "In der Filmbranche dreht sich nun einmal alles um Öffentlichkeit, noch dazu dienen Filmfiguren vielen Menschen als Vorbilder".

Und damit geht es - wie immer, wenn es drauf ankommt - um die Darstellung von Macht, nach außen wie nach innen. In der Branche wird sie sichtbar in den Budgets für die einzelnen Abteilungen, in ungleichen Bezahlungen für Darsteller - und in Form der jahrelang vom Öffentlich-Rechtlichen geduldeten sexualisierten Gewalt von Regisseur Dieter Wedel.

Dass sich die Debatte nun auf einen fokussiert, dessen Zeit vorbei ist, greift für Rohm zu kurz: "Es ist wichtig, dass diese Geschichten ans Licht kommen", sagt sie, "aber wir müssen von der Demaskierung einer Person zur Demaskierung eines Systems kommen. Es geht nicht nur um Sexismus hinter der Kamera, sondern auch vor der Kamera." Sie wünsche sich mehr Solidarität - von Männern.

Auf der Bühne indes saßen bei der Veranstaltung lauter Frauen - und in den Kinosesseln ebenfalls. Solange unter den Filmschaffenden im Publikum nicht mehr Männer sitzen, stimmt dieses Bild allerdings nicht. Wer denkt, Diversität im Film ist ein Frauenthema, muss unter einem Stein leben.

Bei der am 15. Februar startenden Berlinale scheint es eher ein Felsbrocken zu sein. Derzeit stehen 23 der 24 Wettbewerbsfilme des Festivals fest. Bei 19 davon führten Männer Regie.


Offenlegung: Die Autorin ist Mitglied bei Pro Quote Medien.



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
phillyst 31.01.2018
1. Ich bin absolut für Gleichberechtigung...
... aber dieses "via Quote erzwingen" nervt gewaltig. Das sorgt nur für Unruhe, und zwar nicht nur bei Männern. Ich kenne auch einige Frauen, die sich da fragen würden, ob sie einen Job bekommen haben, weil sie besser waren als die Mitbewerber oder weil sie eine Frau sind? Würde mich auch nicht glücklich hinterlassen, dieser Zweifel. Auch als Arbeitgeber würde es mich aufregen, wenn ich nicht frei entscheiden kann, sondern das Geschlecht berücksichtigen muss. Zwei Personen sind niemals gleich gut für einen Job geeignet, zumindest wenn dieser auch eine Persönlichkeit und nicht nur Schulnoten voraussetzt.
friespeace 31.01.2018
2. Talent ist gleich auf alle verteilt?
Ist denn so? Gibt es darüber tatsächlich belastbare Untersuchungen? Davon abgesehen lernt jeder Sportler, dass Talent weit weniger Einfluss auf den Erfolg hat als Disziplin und harte Arbeit. Zuletzt noch die Frage: ist Talent überhaupt ein sinnvoller Indikator für Erfolg? Die Filmbranche ist doch hauptsächlich wirtschaftlich interessiert. Vielleicht kann man auch mit wenig Talent viel erwirtschaften? Fragen über Fragen.
Malto Cortese 31.01.2018
3.
"Talent ist gleich auf Alle verteilt" Vermutlich so wie blondes Haar, gute Augen und feste Fingernägel. Und ich dachte diese poststrukturalistischen Phantasien würden nun langsam abebben.
hansfrans79 31.01.2018
4. Einfache Antwort
Zitat von friespeaceIst denn so? Gibt es darüber tatsächlich belastbare Untersuchungen? Davon abgesehen lernt jeder Sportler, dass Talent weit weniger Einfluss auf den Erfolg hat als Disziplin und harte Arbeit. Zuletzt noch die Frage: ist Talent überhaupt ein sinnvoller Indikator für Erfolg? Die Filmbranche ist doch hauptsächlich wirtschaftlich interessiert. Vielleicht kann man auch mit wenig Talent viel erwirtschaften? Fragen über Fragen.
Dann braucht man das Talent, mit wenig Mitteln, viel zu erwirtschaften. Und das können Frauen rein kognitiv erwiesenermaßen nicht in dem Maße schlechter, in welchem sie unterrepräsentiert sind. Sie können es ebenso gut oder schlecht wie Männer.
ttvtt 31.01.2018
5. Genau! Mehr Solidarität!
Aber die Frauen bräuchten keine Solidarität von Männern! Sie sind doch selber genug! Wenn alle Frauen untereinander solidarisch wären, und somit für ihre ureigensten Interessen kämpfen würden, dann würden alle Räder stillstehen!
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