Promi-Drama "Somewhere" Lustlos im Luxushotel

Ganz schön öde, so ein Leben als Star! In ihrem Film "Somewhere" erzählt Sofia Coppola von der grenzenlosen Langeweile einer Promi-Existenz in einem glamourösen Hollywood-Hotel. Erneut verarbeitet die Regisseurin ihre eigene Biografie für ein so entlarvendes wie rührendes Stück Kino-Melancholie.

Focus Features

Von


Neulich beim Zappen hängengeblieben, auf Vox, beim Tratschmagazin "Prominent" mit Constanze Rick, die immer ganz professionell hinter ihrem Laptop hockt und mit der Aura der Insiderin News-Häppchen aus der Welt der Reichen und Berühmten präsentiert. Was da los ist! Was die so alles treiben! Wahnsinn, wie viele Galas, Dinner, Charitys besucht, wie viele Skandälchen produziert werden müssen, um die Promi-Maschine aus Dutzenden TV-Formaten und Zeitschriftentiteln am Laufen zu halten. Wie aufregend! Was für ein Stress aber auch, so ein Celebrity-Leben! Gut, dass die eigene Existenz so schnöde ist, denkt man nach so einer Sandmännchen-Sendung für Erwachsene - und sinkt beruhigt in den Schlaf.

Aber was ist, wenn das alles gar nicht glitzert, wenn es keine Aufregung gibt, keinen Stress, kein Hetzen von Foto-Call zu Benefiz-Soirée und dann gleich zur nächsten Poolparty? Oder besser gesagt: Was passiert eigentlich einem Promi in der Zeit zwischen all diesen Pflichtterminen? Was macht ein Star, wenn keine Kamera auf ihn gerichtet ist? Schaut man sich den öden Alltag von Johnny Marco an, der Hauptfigur in Sofia Coppolas Film "Somewhere", dann kann die Antwort nur lauten: Er langweilt sich. Und fragt sich, was das eigentlich alles soll, all der Glitter und Flitter, all that Jazz?

Die schönste Szene von "Somewhere" kommt gleich am Anfang: Ein Ferrari fährt in der Wüste im Kreis, minutenlang. So lange, dass man als Zuschauer schon unruhig wird. Irgendwann hält der Sportwagen an, ein Mann steigt aus, Johnny Marco, wie sich später herausstellt, und fragt sich: "Wo bin ich?" Das Leben eines Stars, sein luxuriöses, aber zielloses Kreiseln durch die große Leere - alles in einer einzigen Einstellung auf den Punkt gebracht.

Wie Dorothy im Wunderland Oz - nur langweiliger

Marco, ein erfolgreicher Actionstar in Hollywood, lebt im exklusiven Hotel Chateau Marmont, einem real existierenden, nahezu mythisch verklärten Hort des Hollywood-Glamours am Sunset Boulevard in Los Angeles. Marco ist ein "resident", ein Dauergast, der das Hotel zur Heimstätte gemacht hat. Weil er sich am Set seines letzten Films verletzt hat, hängt er herum und lässt sich Stripperinnen aufs Zimmer kommen, wenn er nicht gerade mit dem Ferrari umhergurkt. Die Mädels, langhaarige blonde Zwillinge, die in der Hollywood-Nomenklatur als "Bimbos" durchgehen dürften, bringen ihre ausklappbaren Stangen fürs Pole Dancing gleich selbst mit - und lächeln milde darüber hinweg, wenn Marco während ihrer erotisch gemeinten Synchron-Darbietung einfach wegdämmert.

Manchmal steht Johnny draußen auf dem Balkon seiner Suite und raucht, manchmal hat er Foto-Termine mit Filmpartnerinnen, die größer als er sind und die ihn leise zischend als treulosen Lover beschimpfen, während er auf einer kleinen Kiste steht, um größer zu wirken. Manchmal trifft er Benicio Del Toro im Fahrstuhl und plaudert ein paar Worte, manchmal hat er spontanen Sex mit seiner unbekannten Zimmernachbarin, und manchmal kommt seine elfjährige Tochter Cleo vorbei und bleibt ein paar Tage - wie Dorothy im Wunderland Oz, nur dass es hier wahrscheinlich noch langweiliger ist als in Kansas.

Cleo (Elle Fanning) ist das emotionale Zentrum des Films. Selbstsicher navigiert das Kind durch die Flure der Promi-Absteige, schäkert mit den Angestellten, bereitet Frühstück zu oder spielt mit zufällig reingeschneiten Showbiz-Kumpels ihres Vaters "Guitar-Hero" auf der Playstation, während Daddy noch in den Federn liegt. Durch ihre Anwesenheit bekommt die Handlung eine gewisse Tiefe, nur eine leise Andeutung, dass es doch noch etwas geben könnte, das wichtig und relevant ist in der Schwerelosigkeit eines Lebens, das sich nur um Oberflächlichkeiten dreht. Fast unnötig zu erwähnen, dass Cleo vernünftiger und erwachsener wirkt als alle Erwachsenen, die das Hotel bevölkern.

Doch Coppola macht nicht den Fehler, anhand der verkrachten Familienkiste eine moralisierende Erbauungsgeschichte erzählen zu wollen. Die Hintergründe der Trennung zwischen Johnny und Cleos Mutter bleiben genauso unerforscht wie die näheren Umstände von Johnnys Berühmtheit. Ohne dramatisch zuzuspitzen, treibt der Film wie ein träger Fluss in der fahlen Sonne Kaliforniens dahin. "Somewhere" bildet keinen signifikanten Moment im Leben Marcos ab, er wirft nur einen streifenden Blick auf seine Existenz, wie sie schon lange ist und wahrscheinlich immer bleiben wird. Wo genau er sich gerade befindet, ist egal. Irgendwo halt. Somewhere.

Entwurzelte auf der Suche nach Erdung

Wie schon in ihren letzten beiden Filmen "Lost In Translation" und "Marie Antoinette" greift Sofia Coppola auch hier auf ihre persönlichen Erfahrungen zurück, um das Seelenleben prominenter Menschen zu erforschen. Das Park-Hyatt-Hotel in Tokio, das Schloss von Versailles und nun das Chateau Marmont, immer wieder sind es Hotels oder Örtlichkeiten, die Fremdheit suggerieren, mit denen Coppola die Unbehaustheit und Verlorenheit von Figuren symbolisiert, die mit sich und ihrem Ruhm hadern. Prominente, ob nun Filmstars oder Royals, das sind für sie moderne Vagabunden, Entwurzelte auf der Suche nach Erdung.

Wie Cleo im Chateau Marmont ging es ihr vermutlich selbst oft, als Kind am Set von "Apocalypse Now", wo ihr Vater Francis Ford Coppola einen Nervenzusammenbruch erlitt. Oder später bei den Dreharbeiten zu "Der Pate III", wo sie unvorbereitet vor die Kamera und ins Rampenlicht geschubst wurde. Auch heute führt die mit dem Sänger der französischen Popband Phoenix verheiratete Filmemacherin eines dieser privilegiertes Jet-Set-Leben. Johnny Marcos Schicksal ist auch Teil ihres eigenen Alltags, driftend, der Realität entrückt, schwankend zwischen maximaler Action und extremer Entschleunigung. Selbst als Normalbürger kennt man dieses seltsame Gefühl zwischen Erhabenheit und Heimatlosigkeit, das längere Hotel-Aufenthalte zu einer prickelnden, aber ambivalenten Angelegenheit macht. Ein ganzes Leben in diesem Schwebezustand? Grauenhaft.

Dass diese Erzählung, die eigentlich nichts erzählt, so gut funktioniert, liegt nicht nur an den grandios komponierten Bildern des Kameramanns Harris Savides ("Zodiac") und den behutsamen Schnitten von Coppolas Stamm-Cutterin Sarah Flack, die zur somnambulen Grundstimmung des Films elementare Zutaten liefern. Es liegt vor allem an der Glaubwürdigkeit der Schauspieler, neben Elle Fanning (kleine Schwester von Dakota Fanning) vor allem Hauptdarsteller Stephen Dorff, der verblüffend unprätentiös seine eigene Rolle als Celebrity bespiegelt. Coppola holt aus dem schon immer als überaus talentiert geltenden B-Darsteller ("Blade") die bisher überzeugendste und authentischste Leistung heraus. Längere Dialoge stehen ihm dafür nicht zur Verfügung, er muss mit Mimik und Gestik glänzen, manchmal auch nur mit einer Körperhaltung oder Handbewegung.

"Somewhere" wurde bei den Filmfestspielen in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet, den Jury-Vorsitz hatte Quentin Tarantino. Dass ein Amerikaner einer Amerikanerin, noch dazu einer Kollegin, den Hauptpreis eines europäischen Festivals zuerkennt, wurde vielfach bemäkelt, wie es die Gesetze des Tratschs und Klatschs nun mal vorschreiben. Zudem sei der Film doch eine eitle Luftnummer, kaum mehr als ein amüsantes Selbstgespräch der Regisseurin.

Stimmt ja. Aber genau für ihre sehr persönliche, aber dennoch entlarvende Art, Geschichten zu erzählen, hat Sofia Coppola jeden Preis verdient. Der Glitzerwelt, die Fernseh-Illustrierte wie "Prominent" für uns als Projektionsfläche der Sehnsucht inszenieren, hält sie mit ihrem unaufdringlichen und äußerst humorvollen Film eine simple Wahrheit entgegen: Hinter Pomp, Glanz und Gloria verbergen sich doch nur Menschen wie du und ich, die nach ihrem Platz im Leben suchen.



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
neon18 24.11.2010
1. Einfach nur schlecht.
Bei Somewhere lohnt sich noch nicht einmal die detaillierte Aufarbeitung. Oder will man wirklich die zehnte Meta-Reflektionsebene bemühen, um diesem peinlichen Nichts etwas abzugewinnen? Es wäre schön, wenn SPON auch mal so klar sein könnte. Dass "die Erzählung... so gut funktioniert" ist einfach Unsinn. Und dafür, dass sich "Hinter Pomp, Glanz und Gloria ... doch nur Menschen wie du und ich (verbergen), die nach ihrem Platz im Leben suchen", braucht man nun wirklich keine durch Medien-Hype gepushte Filme. Eine Warnung hätte ich hingegen wirklich zu schätzen gewusst. Schade.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.