Provinzgroteske im Kino Sippe auf der Kippe

Der belgische Regisseur Felix van Groeningen erzählt in seiner Literaturverfilmung "Die Beschissenheit der Dinge" bitter, wüst und komisch von familiärem Elend.

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Von Jörg Böckem


"Ich wohnte an einem seltsamen Ort", beginnt Gunther Strobbe die Erinnerung an seine Jugend. Strobbe will Schriftsteller werden, aber außer einem Gedichtband, der von Kritik und Käufern ignoriert wurde, hat er noch nichts veröffentlicht.

Der Ort heißt Reetverdeegem, ein gottverlassenes flämisches Kaff, in dem "schöne Dinge entweder zerstört werden oder das Dorf verlassen". Ein Ort, in dem die Männer einmal im Jahr Frauenkleidung tragen, durch die Straßen ziehen und sich besinnungslos saufen. In dem die Dorfkneipe das kulturelle und soziale Zentrum darstellt und der Wirt Nacktfahrradrennen oder einen Weltrekordversuch im Dauerbiertrinken veranstaltet.

Der seltsame Ort, an dem der 13-jährige Gunther aufwächst, ist auch das Haus seiner Großmutter, in dem er zusammen mit seinem Vater und dessen drei Brüdern, allesamt im Leben gescheitert, wohnt. Ein Haus mit türlosem Plumpsklo im Hinterhof, der Fernseher vom Gerichtsvollzieher gepfändet.

Gunthers Mutter lebt mit ihrem neuen Freund zusammen, von ihrem Sohn will sie nichts wissen. Sein jüngster Onkel ist ein Kleinganove, der, wenn er nicht im Knast sitzt oder sich prügelt, die Dorfschönheiten im Schlafzimmer flachlegt, das er sich mit dem Jungen, den er liebevoll "kleiner Bruder" nennt, teilt.

Onkel Koen schafft es auf die Titelseite der Lokalzeitung, weil er im Vollrausch mit dem Auto zufällig das Fluchtauto einer Verbrecherbande rammt. Gunthers Vater, Postbote von Beruf, ist Alkoholiker, im Suff verliert er schon mal die Kontrolle und geht auf seinen Sohn los. Erwachsenwerden im Kampftrinkermilieu.

Dem Leben Spaß abringen

Kein Wunder, dass Gunther in der Schule auffällig wird und schließlich der Schulverweis droht. Trotz allem empfindet der Junge eine seltsame Zuneigung für seine Sippschaft, für die ordinären, wüsten Strobbe-Brüder, die sich mit kindlich-ausgelassener Freude für Roy Orbison begeistern und inmitten all des Elends trotzig bemüht sind, es sich gutgehen zu lassen.

Gunther landet schließlich im Internat, wo ein Lehrer seine literarischen Ambitionen fördert, aber in gewisser Weise bleibt er ein Strobbe: Er hasse nur zwei Menschen, sagt der erwachsene Gunther - seine Mutter, die ihn geboren habe, und die Frau, die sein Kind erwarte. Er muss "Arbeiten annehmen, die ich nicht wollte, um für ein Kind aufzukommen, das ich nicht wollte". Seine Frustration entlädt sich in Gewalt. Schließlich verlässt er Frau und Kind. "Man ist doch immer ein bisschen das Arschloch, wenn man eine Frau mit Kind sitzen lässt, aber das kommt, weil man viel zu wenig Arschloch war, als man der Frau noch kein Kind angehängt hatte und sie nicht damals verließ", erkennt er.

Der belgische Regisseur Felix van Groeningen hat für seine Verfilmung einen eindringlichen Ton gefunden, angesiedelt zwischen dem alkoholgeschwängerten Realismus Charles Bukowskis, der Verliererpoesie Aki Kaurismäkis und dem derben, anarchischen Humor der niederländischen Prollkomödie "Die Flodders".

Er nähert sich seinen Figuren, die zwischen Komik, Tragik und Ekel changieren, angenehm unironisch, mit gnadenlosem und doch liebevollem Blick. "Die Beschissenheit der Dinge" ist dabei kein mitleidtriefendes Sozialdrama und trotz aller Groteske keine sensationsgierige Freakshow. Van Groeningen zeigt seine Protagonisten ungeschönt - ohne sie auszustellen.


"Die Beschissenheit der Dinge". Start 20.05.
Regie: Felix van Groeningen; Drehbuch: Christoph Dirickx und Felix van Groeningen, nach einem Buch von Dimitri Verhulst; mit: Kenneth Vanbaeden, Valentin Dhaenens, Koen De Graeve.



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