Psychodrama "Über uns das All" Falsches Glück

Eine Frau verliert ihren Mann und gleichzeitig die Illusion von der gemeinsam erlebten Liebe. Regisseur Jan Schomburg präsentiert sich mit seinem Spielfilmdebüt "Über uns das All" als Zukunft des deutschen Kinos.

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Martha und Paul lieben sich, so viel ist klar. Ein nettes, junges Akademiker-Ehepaar in Köln, sie Lehrerin, er Mediziner vor seiner ersten Anstellung. Unendlich vertraut gehen sie miteinander um, machen ständig kleine Späße, auch beim Sex, und trotzdem haben sie sich die Leidenschaft bewahrt. Perfektes Glück.

Paul soll in Marseille als Arzt anfangen, Martha freut sich auf ein Leben im Süden. Er fährt vor, sie will eine Woche später nachkommen. Doch kurz nach seiner Abreise stehen zwei Polizistinnen vor ihrer Tür. Mit ein paar Worten nehmen sie Martha ihre Illusion vom gemeinsamen Glück. Paul ist nicht mehr da. Und so wie sie ihn kannte, gab es ihn nie.

Jan Schomburgs Spielfilmdebüt "Über uns das All" erzählt von einer Frau, der man den Boden unter den Füßen wegreißt, doch die hält sich mit aller Macht daran fest. Martha (Sandra Hüller, "Brownian Movement") versucht zunächst hilflos, die Wahrheit über Paul (Felix Knopp) herauszufinden, wer er wirklich war, warum er alle belogen hat. Aber als sie feststellt, dass es nichts bringt, dass ihn niemand kannte, beschließt sie, dass sich ihr Glück nicht einfach in Luft auflösen darf.

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Psychodrama "Über uns das All": Falsches Glück
Sie lernt einen anderen Mann kennen, den Dozenten Alexander (Georg Friedrich, "Mein bester Feind"), er wird die Leerstelle füllen. Er streicht sich die Haare aus dem Gesicht, wie es auch Paul immer gemacht hat. Er lacht über ihre Witze. Er könnte sich sogar vorstellen, nach Marseille zu gehen. Martha lebt ihren Traum vom Glück nahtlos weiter. Der neue Mann darf nur nicht erfahren, dass es einen alten gab.

Rätselhaft und offen

"Über uns das All" ist ein erstaunlicher Film. Als er in diesem Jahr auf der Berlinale in der Panorama-Sektion seine Premiere feierte, war auf dem Festival schnell von einem Geheimtipp die Rede, den man unbedingt gesehen haben muss. Tatsächlich hätte der Film eigentlich in den offiziellen Wettbewerb gehört. Es gab lange keinen deutschen Film, schon gar nicht von einem Debütanten, der seinem Publikum so viel zutraut, ohne es zu Tode zu langweilen.

Ein Autorenfilm, der die Figuren reden und sie dabei auch noch echt klingen lässt; der Tempo hat und - kaum zu glauben - sogar Humor; der in den Kopf will und sich für den Umweg über das Herz nicht zu schade ist. Schomburg erzählt eine traurige Geschichte, ohne sich im Elend zu suhlen und die unendliche Hoffnungs- und Sinnlosigkeit des Seins zu beschwören, wie das einige seiner Kollegen gerne tun.

Es hilft natürlich, eine Hauptdarstellerin wie Sandra Hüller zur Verfügung zu haben, die es immer versteht, das Innerste ihrer Figuren freizulegen. Und zwei Schauspieler wie Georg Friedrich und Felix Knopp, zwei völlig unterschiedliche Typen, die es trotzdem begreiflich machen, warum der eine der logische Nachfolger des anderen ist.

Ein spannender, bewegender Film, gleichzeitig rätselhaft und offen, mit einer seltsamen und seltenen Herzlichkeit. Ein kleines Wunder.


Über uns das All. Start: 15.9. Buch und Regie: Jan Schomburg. Mit Sandra Hüller, Georg Friedrich, Felix Knopp.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
wuschelabc 15.09.2011
1. ...
Dieser Film klingt so langweilig, dass ich ein kaltes Gefühl der Angst in meinem Magen verspüre, wenn das wirklich die Zukunft sein soll.
batemans-nightmare 15.09.2011
2. Spon
Zitat von wuschelabcDieser Film klingt so langweilig, dass ich ein kaltes Gefühl der Angst in meinem Magen verspüre, wenn das wirklich die Zukunft sein soll.
ich weiß nicht, ob der Film langweilig ist- aber seien Sie beruhigt- so weit man es bisher absehen kann, hat SPON nicht die alleinige Deutungshoheit, was die Zukunft des deutschen Kinos angeht. Ehrlich gesagt klingt der Film für mich auch eher nach ARTE um 21:45 (was nichts Schlechtes bedeuten soll) als nach großem Kino...
broro 15.09.2011
3. ?
Ist großes Kino jetzt also nur noch ... Je lauter, desto Wumm?
etiennen 15.09.2011
4. Wenn man
Zitat von broroIst großes Kino jetzt also nur noch ... Je lauter, desto Wumm?
... die Kinobesuche betrachtet, dann ja. Laut und Wumm macht einen Film ja auch nicht gut - die meisten Hollywood- Blockbuster der letzten Jahre waren Mist. Aber ein bisschen mehr Wumm würde ich mir für das deutsche Kino doch wünschen. "Wir sind die Nacht" hat mir in der Hinsicht ganz gut gefallen. Hat der Spezialeffekt doch noch seinen Weg nach Deutschland gefunden :D
wuschelabc 16.09.2011
5. ...
Zitat von broroIst großes Kino jetzt also nur noch ... Je lauter, desto Wumm?
Mir würde ein Film im Stil von Shutter Island schon reichen. Das Problem des deutschen Kinos ist, dass es immer entweder nur Dramen oder Komödien gibt. Wirklich gute Filme mit wendungsreicher Story (oder Filme wie die von Jodorowsky) gibt es hier nicht, was wirklich sehr schade ist.
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