Psychothriller "Mother" Als Mutti das Morden lernte

Sohnemann soll ein Mörder sein, Mama tut alles, um ihn zu schützen: In düster-poetischen Bildern erzählt "Mother" von einer zerstörerischen Mutter-Sohn Beziehung. Der koreanische Regisseur Bong Joon-ho hat einen großartigen Psychothriller vorgelegt, der alle Genregrenzen sprengt.

MFA / FilmDistribution

Von Jörg Böckem


Eine Frau wandert durch eine kniehoch bewachsene Wiese, in der Ferne hängt Morgennebel in der klaren Luft. Sie hält inne und beginnt zu tanzen, als folge sie einer inneren Melodie. Eine idyllische Szene, so scheint es. Aber da ist keine Freude in ihren Bewegungen, in ihrem Gesicht. Sie tanzt aus Trauer, Einsamkeit und Verzweiflung.

Die Frau (Kim Hye-ja) ist alleinerziehende Mutter eines geistig zurückgebliebenen jungen Mannes (Won Bin), der des Mordes an einem Schulmädchen angeklagt ist. Im Bemühen, die Unschuld ihres Sohnes zu beweisen, hat sie einen alten Mann erschlagen und dessen Behausung angezündet. Später wird sie unter Tränen zusehen, wie ein Unschuldiger bestraft wird. Am Ende, als der Sohn wieder zu Hause ist, tanzt sie wieder, ausgelassen jetzt, in einem vollbesetzten Bus zusammen mit anderen alten Menschen.

Der südkoreanische Regisseur Bong Joon-ho, der mit dem gesellschaftskritischen Monsterfilm "The Host" vor einigen Jahren den teuersten und erfolgreichsten Film seines Landes vorlegte, hat mit "Mother" einen einzigartigen Psychothriller mit düster-poetischen Bildern inszeniert, der alle Genregrenzen sprengt.

Abgründige Gesellschaftskritik

Bong, eingetragenes Mitglied der linken "Demokratischen Arbeiterpartei" und seit seiner Jugend von Hollywood und asiatischen Kinoklassikern gleichermaßen beeinflusst, erzählt von den Abgründen der koreanischen Gesellschaft im Spannungsverhältnis zwischen Demokratisierung und Hochtechnologie auf der einen Seite und der Tradition und dem immer noch präsenten Erbe der Diktatur auf der anderen.

Er erzählt vom Zerfall der Familien und der Unfähigkeit der Behörden - ein Schulmädchen verkauft sich an Klassenkameraden und Geschäftsmänner, den Sex hält sie mit ihrer Handykamera fest. Ihre Großmutter, bei der sie lebt, sorgt sich nur um die nächste Flasche Reiswein. Als das Mädchen stirbt, sind viele verdächtig. Aber die Polizei ist unwillig zu ermitteln und verhaftet den Erstbesten. Der teure, zynischer Anwalt kassiert nur ab. Also recherchiert die Mutter des Verdächtigten selbst. Was sie findet, ist ein Sumpf aus Gewalt, Prostitution, Eigennutz und Gier.

"Mother", laut Aussage des Regisseurs unter anderem inspiriert von Hitchcocks "Psycho", erzählt vor allem von einer zerstörerischen Mutter-Sohn Beziehung mit inzestuösen Zügen, von Schuld und dem Ringen um Macht und Kontrolle. "Koreanische Mütter sind bekannt für ihre enge und oft obsessive Beziehung zu ihren Söhnen, ich habe diese Beziehung nur auf die Spitze getrieben," sagt der Regisseur. Es sei ihm darum gegangen, die Mutter als dunkle und destruktive Figur darzustellen. Trotzdem sollten die Zuschauer sich mit ihr identifizieren können. Das ihm das gelungen ist, liegt nicht zuletzt auch an der beeindruckenden Hauptdarstellerin Kim Hye-ja.

Im vergangenen Monat ist "Mother", der schon in Cannes glänzende Kritiken eingefahren hatte, auf dem Filmfest München verdient als bester ausländischer Film ausgezeichnet worden.


"Mother". Kinostart: 5.8. Regie: Bong Joon-Ho mit Kim Hye-ja, Won Bin



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