Queen-Film "Bohemian Rhapsody" We will rock you! Aber nur ein bisschen

Freundliche Ikonenpflege: Das Kino-Biopic "Bohemian Rhapsody" erzählt die Geschichte der Rockband Queen so bieder und lau wie ein TV-Movie. Immerhin: Rami Malek begeistert als Freddie Mercury.

20th Century Fox

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Freddie Mercury hatte eine komplizierte Karriere, vielleicht musste deshalb auch bei der Verfilmung seiner Geschichte einiges schiefgehen. Dass "Bohemian Rhapsody" jetzt in die Kinos kommt, ist ein kleines Wunder. Zehn Jahre dauerte es, diesen Film über die britische Rockband Queen und ihren extravaganten Sänger zu realisieren. Das Ergebnis ist ein Kompromiss: Er zeigt Rock'n'Roll-Historie, aber er rockt nicht.

Das kam so: 2008 reichte der britische Drehbuchautor Peter Morgan ("The Queen") ein Treatment beim Produzenten Graham King ein, der sich daraufhin die Rechte an Freddie Mercurys Geschichte sicherte. Schon damals war klar, dass Gitarrist Brian May und Roger Taylor, Gralshüter des Queen-Erbes, der Produktion als Berater zur Seite stehen würden. Als dann später ein Drehbuch von Anthony McCarten ("Darkest Hour") vorlag, sorgten die Musiker nicht nur für Detailtreue, sie legten angeblich auch ihr Veto ein, als es hieß, Brachialkomiker Sacha Baron Cohen solle Mercury verkörpern.

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"Bohemian Rhapsody": The Show must go on...

Der "Borat"-Blödel, so heißt es, wollte zu tief hinein in die Abgründe aus sexueller Lust, Orgien und Allüren, die Mercury schon zu Lebzeiten so verrucht und faszinierend erschienen ließen. Er wollte es lüstern, schlüpfrig und geil, also: angemessen. May und Taylor waren aber eher an freundlicher Ikonenpflege als an schonungsloser Authentizität interessiert, außerdem wollten sie wohl, ebenso wie Produzent King, eine Altersbeschränkung des Films wegen zu expliziter Darstellungen vermeiden. "Bohemian Rhapsody" erhielt in Deutschland eine Freigabe ab sechs Jahren, und entsprechend präsentiert er sich: lau und bieder wie ein generisches Musiker-Biopic, das Sonntagnachmittags im TV läuft. Es fehlt die Laszivität von Genrevorgängern wie "Velvet Goldmine", die Intimität von "Walk The Line" oder die psychologische Tiefe von "Love & Mercy".

Das ist nicht die Schuld des Hauptdarstellers, der sich nach jahrelangem Hin und Her in Mercury verwandeln durfte. Rami Malek wurde bekannt als verhuschter "Mr. Robot" in der gleichnamigen TV-Serie; mit ähnlich sanfter Intensität spielt er nun auch den 1991 verstorbenen Sänger - von seinen schüchternen Anfängen als Farrokh Bulsara, einem Sohn indischer Einwanderer mit heftigem Überbiss und Siebzigerjahre-Pudelmähne, bis zum Rockstar-Leatherman mit Pornoschnäuzer. Einfühlsam porträtiert Malek Mercury als hochbegabten Freigeist, der sich abseits der Bühne sensibel und charmant gibt - und auf der Bühne zu grandioser Flamboyanz explodiert.

Wenn der Film am Ende dort wieder ankommt, wo er beginnt, 1985 beim Auftritt der Band beim Live-Aid-Festival in Londoner Wembley-Stadium, und Malek sich mit überzeugender Physis in die legendäre Greatest-Hits-Show wirft, hat man ihn schon lange als Mercury akzeptiert. Seine erste, noch dazu extrem herausfordernde Kinohauptrolle ist ein Triumph für den jungen US-Schauspieler.


Bohemian Rhapsody
UK/USA 2018

Regie: Bryan Singer
Drehbuch: Antony McCarten, Peter Morgan
Darsteller: Rami Malek, Lucy Boynton, Gwilym Lee, Ben Hardy, Joseph Mazzello, Aidan Gillen, Mike Myers
Produktion: GK Films, New Regency Pictures, Queen Films Ltd. u.a.
Verleih: 20th Century Fox
Länge: 134 Minuten
FSK: ab 6
Start: 2. November 2018


Das begeistert umso mehr, weil dem Film kurz vor Drehschluss Regisseur Bryan Singer ("X-Men") abhanden kam: Er gab vor, sich um einen Trauerfall in der Familie kümmern zu müssen und tauchte einfach nicht wieder auf. Inzwischen wird Singer sexueller Missbrauch an früheren Filmsets vorgeworfen. Dexter Fletcher ("Rocketman") führte den kollabierenden Dreh dann mit sicherer Hand zu Ende.

Um als Erfolg zu gelten, muss "Bohemian Rhapsody" vor allem bei Fans und Massenpublikum punkten, und das könnte sogar funktionieren. Man bekommt wirkungsvoll nachinszenierte Live-Performances von Hits wie "We Will Rock You" zu sehen. Dazu wird in zeitgenössischen Farben und Kostümen illustriert, wie Mercury (Malek) sich in die Modeverkäuferin Mary Austin (Lucy Boynton) verliebt, aber alsbald, auf Tournee, beim Stelldichein auf der Truckertoilette, feststellt, dass er für ein heterosexuelles Eheleben nicht taugt.

Mercurys Ringen und Kokettieren mit seiner Bi- oder Homosexualität in den Siebzigern, seine Hassliebe zu Lover/Assistent und Film-Buhmann Paul Prenter (Allen Leech), die Erkenntnis, sich mit HIV infiziert zu haben, die Spannungen in der Band - all das spart der Film nicht aus. Aber er traut sich in die Radikalität, in das tragisch Exzessive dieses Rock'n'Roller-Schicksals nicht hinein.

Im Video: Der Trailer zu "Bohemian Rhapsody"

20th Century Fox

Kontroverses wie die heftig umstrittenen Queen-Auftritte in Südafrikas Sun City kurz vor Live-Aid, kommt gar nicht erst vor. Und Mercurys existenziell verzweifelte Drogen- und Suffjahre zu Beginn der Achtzigerjahre in München gerinnen zur seifigen Beiläufigkeit. Die Schauspielerin Barbara Valentin, mit der er zu jener Zeit eine Affäre unterhielt, erzählte einmal, wie Mercury einst nackt auf dem Balkon eines Apartments stand und "We Are The Champions" sang. Einigen bayerischen Bauarbeitern unten auf der Straße rief er angeblich zu: "Wer immer den größten Schwanz hat, soll raufkommen!". Hätte man gerne gesehen, die Szene. Er habe für Sex gelebt, sagte Mercury kurz vor seinem Tod. Aber Sex hat dieser Film nicht.

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insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
kickmeto 31.10.2018
1. Ein Muss für Fans...
Dass so ein Film viel Potenzial hat es nicht allen recht machen zu können ist wohl klar. Man sollte also mit nicht zu großen Erwartungen dran gehen, dann passt das schon.
!!!Fovea!!! 31.10.2018
2. Ich frage mich,
wenn der Film so lau ist, warum der gedreht werden musste?! Geldmacherei? Immerhin gibt es genügend Live DVD`s zum Anschauen, um sich ein Bild des Musikers Mercury zu machen. Was sein Privatleben anbetrifft, hätte bei einer "richtiger" biographischen Verfilmung die FSK den Film wohl ab 18 Jahren freigegeben. Daher war es wohl logisch, dass der Film eher ein lahmer Aufguss von nachgestellten Liveauftritten ist. Vielleicht schafft man es in ca. 20 Jahren eine realistische Biographie zu verfilmen, wenn die Zeitzeugen keinen Einfluss nehmen können.
lexrab 31.10.2018
3. Ich werde mir den Film ansehen
Das exzentrische Sexleben von Freddie interessiert mich nicht die Bohne; mich interessiert die Musikalität dieses genialen Künstlers und die Songs der bisher besten Band der Welt. Was die in ihrem Privatleben gemacht haben ist mir Wurscht und muss m.E. in einem Film nicht unbedingt breitgetreten werden. Schade nur dass er so früh gehen musste (leider die Folge seines Privatlebens), aber das passiert andern Menschen auch.
mantrid 31.10.2018
4. Schwieriges Erbe
Einerseits möchte man Freddy Mercury nicht posthum in den Schmutz ziehen, anderseits bei dieser schillernden Persönlichkeit Authentizität wahren. Das dürften den ehemaligen Queen-Kollegen nicht einfach gefallen sein. Künstlerisch ist Mercury eine Ikone und zusammen mit Queen eine der innovativsten Gestalten der Musik-Geschichte. Privat dürfte er eine zerrissene Person gewesen sein. Zum Genie gehört auch immer eine Portion Wahnsinn.
spon-facebook-10000371014 31.10.2018
5. Eine neue Erfahrung.
Ich werde mir den Film schon anschauen. Irgendwie auch ein Indiz dafür, wie alt ich geworden bin, wenn über die Bands meiner Jugend schon Filme gedreht werden, in denen Schauspieler die tatsächlichen Musiker spielen und deren "Geschichte", oder das was dafür gehalten wird nachspielen.
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