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15. Februar 2013, 12:47 Uhr

BRD-Epos "Quellen des Lebens"

Happy End im Spießer-Land

Von Oliver Kaever

Wo ist die Wut? Oskar Roehler hat seine besten Filme stets über seine exzentrische Familie gemacht. Mit "Quellen des Lebens" erzählt er deren Geschichte nun mit epischer Geste - und schlägt irritierend versöhnliche Töne an. Selbst dem Nazi-Opa kann er nicht recht böse sein.

Ein Häuflein Mensch mit verrotteten Zähnen und verschimmelten Lumpen am schlotternden Leib schlägt sich immer wieder in die Büsche. Es leidet an der Ruhr. In einer Kleinstadt in Franken bleibt es schließlich erschöpft vor einer Wohnung stehen. Frühling 1945. Erich Freytag (Jürgen Vogel) hat den Krieg überlebt und kehrt nach Hause zurück. Freundliche Aufnahme findet er nicht. Frau Elisabeth (Meret Becker) und seine Schwester, die scheinbar eine Liebesbeziehung haben, lachen ihn aus. Ein Glas Wasser hat verheerende Wirkung auf Erichs angegriffenen Verdauungsapparat. Er flüchtet und verbringt die Nacht auf einer Parkbank.

"Quellen des Lebens" heißt der neue Film von Oskar Roehler, und wer den Regisseur so aufregender und bizarrer Gesellschaftspanoramen wie "Die Unberührbare" oder "Der alte Affe Angst" kennt, der weiß, dass dieser pathetische Titel zugleich ironisch und ernst gemeint ist; und dass besagte Quellen nur vergiftete sein können.

Sein im Herbst 2011 erschienenes Romandebüt, auf dem das Drehbuch basiert, war mit "Herkunft" schlichter betitelt. Beide Titel aber machen klar, wovon die Geschichte handelt: von Roehlers eigener Kindheit und Jugend. Im Film wird daraus eine knapp dreistündige Tour de Force durch die Geschichte der Bundesrepublik der Sechziger und Siebziger, ein Familienepos über drei Generationen.

Filmemachen war für Roehler immer eine Form der Selbsttherapie. Schon in "Die Unberührbare" (2000) hatte Roehler sich mit dem Verhältnis zu seiner Mutter Gisela Elsner beschäftigt, einer damals bekannten Schriftstellerin. Diese Selbstbezogenheit wurde ihm oft zum Vorwurf gemacht. Dabei ist Roehler bei der Nabelschau am besten. Seine letzten Filme - "Elementarteilchen", "Lulu & Jimi" und "Jud Süß - Film ohne Gewissen" - verbanden brisante gesellschaftspolitische Themen mit bizarren Stilisierungen, wirkten aber trotzdem seltsam leer und unpersönlich. Man musste schon befürchten, einer der größten deutschen Filmemacher habe endgültig den Faden verloren. Mit "Quellen des Lebens" findet er immerhin zurück zu seinem ergiebigsten Thema - sich selbst.

Schlammschlacht zum Schmachtsong

So erzählt Roehler - im Film heißt er Robert Freytag - also die Geschichte seiner an Egomanen und Exzentrikern nicht gerade armen Familie. Alt-Nazi Erich wappnet sich mit einem Gebiss aus Stahl und baut eine Gartenzwergfabrik auf. Sohn Klaus (Moritz Bleibtreu) scheitert als Schriftsteller, wird Lektor und sieht seine einzige Erziehungsaufgabe darin, Sprössling Robert täglich zu einem Glas warmer Milch zu zwingen. Mutter Gisela (Lavinia Wilson) macht Karriere und verwandelt sich in ein Alien mit Sonnenbrille und Perücken-Ungetüm. Ihre reichen, reaktionären Eltern (Margarita Broich, Thomas Heinze) liefern sich einen gnadenlosen Ehekrieg. Vom Vater nur widerwillig geduldet und von der Mutter völlig verstoßen, wird Robert hin- und hergereicht und schließlich in ein Internat abgeschoben. Dort entwickelt er sich zu einem rebellierenden Hippie und bandelt mit der Nachbarstochter seiner fränkischen Großeltern an.

Stilistisch traut sich Roehler immer noch mehr zu als andere deutsche Regisseure. In "Quellen des Lebens" experimentiert er mit künstlicher Beleuchtung und arbeitet mit minutiös gestalteten, artifiziellen Sets, die das Geschehen ähnlich pointieren wie in den Melodramen von Douglas Sirk ("Was der Himmel erlaubt"). Auch dramaturgisch versucht er Neues. So hält er die Erzählung einmal an und zeigt minutenlang, wie sich Robert und seine Freundin im Wald ausgiebig mit Schlamm beschmieren, unterlegt von dem Schmachtsong "Dust In The Wind".

Vor allem in der zweiten Hälfte wirkt die Dramaturgie aber redundant, tritt auf der Stelle. Das Erzählgerüst bleibt überraschend konservativ und reiht die Geschichte brav von Anfang bis Ende auf. Das mag damit zusammenhängen, dass Roehlers Film auch als Zweiteiler in der ARD laufen soll. Da ist bekanntermaßen eine gewisse Starrheit in der Konstruktion vorgegeben.

Leerstellen und Mehrdeutigkeiten - sie sind hier nicht erlaubt. Auch fehlen die Wut, die Unsicherheit, der Rotz von Roehlers besten Arbeiten. Sein Durchbruch "Die Unberührbare" (2000) zeigte ihn selbst als unbeholfenen Neurotiker, der seiner dominanten Mutter Drogen besorgt. "Agnes und seine Brüder" (2004) war von geradezu monströser Bösartigkeit, fegte aber mit seinen absurden Erzählsalti und seinem Figurenpersonal aus verbissenen Politikern, Sexsüchtigen und Transsexuellen das deutsche Konsenskino mit einem Handstreich beiseite und warf grelle Schlaglichter auf die bundesrepublikanische Wirklichkeit.

"Quellen des Lebens" wirkt dagegen sanfter - und leider auch wolkiger. Roehler scheint seinem Robert unbedingt ein zumindest angedeutetes Happy End schenken zu wollen. Auf dem Weg dorthin wird viel gelitten, gespuckt und geschrien, aber zu leicht lösen sich die Konflikte auf oder werden ausgeblendet. So dreht Roehler nun das Kräfteverhältnis zwischen Mutter und Sohn um: Robert darf beim späten Wiedersehen der Stärkere sein, seine endlos monologisierende Mutter mitleidvoll ansehen und mit seiner Freundin in ein neues Leben starten.

Alt-Nazi Erich und seine Elisabeth zeigt er gar als vorbildliches Paar, das seine Konflikte beilegt. Einen genaueren Blick auf ihre Beziehung wirft er dabei nicht. Aber die verbrämte Spießer-Idylle provoziert ohnehin nicht, dazu fehlt ihr die politische Dimension. Schließlich, so hat Roehler in Interviews erzählt, hat er seinen Opa eben sehr gern gehabt. Gesellschaftlich relevanter Diskurs sieht anders aus.

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