Quentin Tarantinos "Kill Bill" Rausch aus Blut und Bildern

Willkommen im Tarantinoverse: Mit dem Racheepos "Kill Bill", einer kongenial überdrehten Hommage an Martial-Arts-Filme und Spaghetti-Western, feiert Kultregisseur Quentin Tarantino ein bildgewaltiges Comeback.

Von Oliver Hüttmann


Racheengel: "Die Braut" (Uma Thurman) ist Tarantinos namenlose Revolverheldin
DDP

Racheengel: "Die Braut" (Uma Thurman) ist Tarantinos namenlose Revolverheldin

Der vierte Film von Quentin Tarantino. Groß, in roten, geschwungenen Lettern steht der Satz da. Er füllt fast die ganze Leinwand, gleich nach der fiebrigen Auftaktsequenz: Schwarzweiße Momentaufnahmen mit langen Auf- und Abblenden, die Uma Thurman zeigen. Sie liegt am Boden. Ihre Augen flackern. Jemand, der ominöse Bill, hält eine Pistole an ihren Kopf - und drückt ab. "Bang Bang (My Baby Shot Me Down)". Nancy Sinatras Stimme leitet über zu jenen sechs Worten, die mehr bedeuten als der Beginn eines Kinofilms. The 4th film by Quentin Tarantino. Es ist wie eine Verheißung. Eine Drohung.

Bei keinem anderen Regisseur weckt ein solcher Satz mehr Assoziationen. Kein anderer hätte ihn überhaupt in den Vorspann montiert. Sein vierter Film in zwölf Jahren, sieht man mal von der letzten Episode in "Four Rooms" ab, von "From Dusk Till Dawn", der ihm fälschlich ständig zugeschrieben wird, und von dem schwarzweißen, nie veröffentlichten Geburtstagsstreifen Ende der Achtziger. Sein vierter Film, sechs Jahre nach "Jackie Brown". Mit jedem Jahr haben ihn immer mehr abgeschrieben, das Wunderkind, den Wilden, der 1994 mit "Pulp Fiction" den einflussreichsten Film des vergangenen Jahrzehnts gedreht hatte, was Neider, Spötter und Verächter noch mehr ärgerte. Sie, die Tarantino nie mochten, fühlten sich darin bestätigt, dass dem kinosüchtigen Autodidakten bald nichts mehr einfallen werde. Und nun ist er wieder da.

Nach "Kill Bill" dürften die Spekulation weitergehen. Denn der Film ist nicht weniger als sein opus magnum, sein "Spiel mir das Lied vom Tod". Ein wahnwitziges Werk in einem Jahr der schalen Sequels. Wobei er in Zeiten von "Matrix: Reloaded" und "Revolutions" oder "Der Herr der Ringe"-Trilogie kurioserweise ebenfalls mit einem Zweiteiler kommt, der an einem Stück gedreht wurde. "Vol. 1" und "Vol. 2" (Kinostart im Februar) hat Tarantino "Kill Bill" betitelt. Zweimal 100 Minuten, die Kino wieder aufregend machen und für die übliche Aufregung sorgen. Der Film verherrliche Gewalt, sei kaltes, leeres Design, ohne Inhalt und Gefühl. Vorwürfe, die notorische Nörgler ihm genau so immer schon gemacht haben. Man kann sich also auf Tarantino verlassen. Alles beim Alten. Und doch nicht ganz.

Wie bei Sergio Leones Italo-Western mit seinen namenlosen Revolverhelden lässt sich die Story von "Kill Bill" zunächst zur dürren Synopsis raffen. Uma Thurman wird während ihrer Hochzeit niedergeschossen. Sie fällt ins Koma, erwacht vier Jahre später und hat nur einen Gedanken: Bill und seine vier Killer müssen sterben. Und doch entfaltet Tarantino daraus einen Reigen an Referenzen und Rückblenden, einen Rausch aus Blut und Bildern, die unvergleichlich und unnachahmlich sind. Fünf Akte, die um die ganze Welt führen, an sechs internationalen Sets entstanden und dennoch an einem Ort bleiben: dem Tarantinoverse, einem Zettelkasten, in den das gesamte Universum des Kinos passt. El Paso, Pasadena, Tokio sehen so artifiziell aus, als habe Tarantino die Lagerhalle von "Reservoir Dogs" nie verlassen oder - wie Stanley Kubrick - immer im selben Studio gedreht.

Anime-Episode in "Kill Bill": Makabere Poesie
Buena Vista

Anime-Episode in "Kill Bill": Makabere Poesie

Nach den kurzen Anfangsszenen sieht man einen trocken murmelnden, alten Sheriff (Michael Parks) an einer abgelegenen Kirche bei El Paso vorfahren, in der die Braut Uma Thurman und die toten Gäste ihrer Hochzeit liegen. Die Farben sind ausgeblichen und staubig wie bei Spaghetti-Western, und hierhin wird der Film am Ende von "Vol. 2" wohl auch zurückkehren. Es ist einer jener simplen, aber ungemein effektiven Sprünge auf der Zeitachse, wie Tarantino sie schon in "Pulp Fiction" angewandt hatte, nur dass sein Racheepos einige mehr davon enthält.

Der nächste folgt bereits im Anschluss. Thurman hält an einem Einfamilienhaus. Im Garten liegt allerlei Spielzeug. Sie klingelt. Vernita Green (Vivica A. Fox) öffnet ihr die Tür, spricht erstaunt deren Namen aus, den ein Piepton überdeckt, und nach ein paar Sekunden beginnen sie mit Faustschlägen, Tritten und Messern einen mörderischen Zweikampf. Plötzlich kehrt Greens kleine Tochter mit dem Schulbus zurück. Es ist ein aberwitziger Moment, der nur noch vom Ende dieses Duells überboten wird. Danach streicht Thurman, die den ganzen Films über nur "die Braut" heißt, Green von einer Liste. Tatsächlich ist sie das zweite Opfer der Braut. Ganz oben auf dem Zettel, den sie erst in der Schlussszene schreiben wird, steht bereits abgehakt O-Ren Ishii. Den Kampf mit ihr hat Tarantino für den zweiten Akt aufgespart, als Showdown von "Vol. 1", ein Gemetzel wie in Sam Peckinpahs "The Wild Bunch", bei dem er mit einem faszinierenden Furor das asiatische Martial-Arts-Kino aus den Angeln hebt und mit der westlichen Popkultur fusioniert.

Mörderisch: O-Ren Ishiis Assistentinnen Sofie Fatale (Julia Dreyfuß, M.) und Go Go (Chiaki Kuriyama, r.)
Buena Vista

Mörderisch: O-Ren Ishiis Assistentinnen Sofie Fatale (Julia Dreyfuß, M.) und Go Go (Chiaki Kuriyama, r.)

Zwischendurch erwacht "die Braut" aus dem Koma und fasst sich an den Bauch, weil sie ihr Baby offenbar verloren hat. Sie erledigt einen perversen Pfleger ("My name is Buck and I need a fuck") und fliegt nach Okinawa zu dem legendären Schwertschmied Hattori Hanzo, der von dem ebenso legendären Samurai-Schauspieler Sonny Chiba dargestellt wird. Seiner zeremoniellen Übergabe der Klinge an die Braut folgt ein mehrere Minuten langer Zeichentrickfilm, ein japanischer Anime, der die Vorgeschichte von O-Ren Ishii schildert und drastisch auf das Finale einstimmt. Gliedmaßen werden abgesäbelt, Köpfe rollen, Fontänen von Blut spritzen entsprechend dem späteren Kampf Thurmans mit O-Ren Ishii und ihren Bodyguards. Die makabere Poesie, wie das Blut im Comic durch eine Matratze sickert und aufs Gesicht des vor Grimm zitternden Mädchens tröpfelt, kann Tarantino nicht in den realen Szenen zelebrieren. Obwohl es für Japan eine härtere Schnittfassung geben soll.

In einem schwarz gestreiften gelben Trainingsanzug wie einst Bruce Lee bei "Mein letzter Kampf" tritt "die Braut" zum Showdown an. Lucy Liu sieht als O-Ren Ishii in einem weißen Kimono wie ein Manga-Mädchen aus, ihre Leute tragen Augenmasken wie Bruce Lees Partner in der TV-Serie "Die grüne Hornisse", deren Titelscore von Al Hirt hier ebenfalls erklingt. Als "die Braut" den Kampf eröffnet, indem sie O-Ren Ishiis Assistentin Sofie Fatale (Julie Dreyfuß) den linken Arm abschlägt, und die Kamera langsam in Höhe steigt und das ganze Szenario einfängt, schwillt die "Django"-Melodie von Luis Bacalov an. So wird alles eins, das Teehaus, Mittelpunkt jedes Eastern, zum Saloon, und in den Samuraischwertern spiegelt sich Jean-Pierre Melvilles "Le Samurai" wider, der mit dem eiskalten Engel Alain Delon in einem Pariser Nachtclub beschließt. Tarantino ist wie ein DJ, der von verschiedenen Platten eine Soundschicht über die andere legt und daraus einen ganz eigenen Klang kreiert, der über das bloße Zitat hinaus geht.

Manga-Mädchen: Lucy Liu als Killerin O-Ren Ishii
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Manga-Mädchen: Lucy Liu als Killerin O-Ren Ishii

Umringt von O-Rens Yakuza-Bande, den "Crazy 88", steht "die Braut" eine kunstvolle Stunt-Show durch, die Neos Kampf gegen die 100 digitalen Agenten Smith in "Matrix: Reloaded" als hohlen Effektezauber entlarvt. Die Physis und Pointen dieses Blutballetts, das früher allein John Woo im Actionfilm beherrschte, wird so leicht kein späterer Film erreichen. Die Raffinesse dabei entsteht nicht nur in der ausgeklügelten Choreographie, sondern vor allem in dem Schnitten und Kameraeinstellungen. Während der mehr als 20 Minuten wechselt Tarantino mehrmals die Ästhetik. Der größte und blutigste Abschnitt erscheint wieder in Schwarzweiß, und als das Licht gelöscht wird, sieht man die Kämpfer als Schatten vor einer blauen Papierwand. Disco, Baby!

Ja, "Kill Bill" ist gewalttätig. Aber man muss nicht entschuldigend anführen, dass es sich hier um Comic handelt. Vielmehr ist es Pulp, Trash, B-Movie und letztlich nicht grausamer als die Bibel, Shakespeare oder Homers im Versmaß vorgetragenen Gräueltaten. An meisten zuckt sicher jeder zusammen, wenn Uma Thurman dem Pfleger Buck mit einem Schnitt die Achillesszene durchtrennt und seinen Kopf drei, vier Mal zwischen Tür und Rahmen einklemmt. Da ist Tarantino noch mal bei dem Realismus von "Reservoir Dogs", als Michael Madsen einem Cop das Ohr abschneidet. Aber hat jemand Martin Scorsese zu der Gewalt in "Good Fellas" oder "Casino" befragt? Über die blutige Schneeschlacht in "Gangs Of New York" regte sich keiner auf, weil der Rest des Films gelangweilt hat. Man muss "Kill Bill" nicht sehen. Aber es ist brillantes Entertainment. Eine andere Welt. Das Tarantinoverse.


"Kill Bill, Vol. 1"
USA 2003. Regie/Drehbuch: Quentin Tarantino. Darsteller: Uma Thurman, Lucy Liu, Vivica A. Fox, Daryl Hannah, Sonny Chiba, Julie Dreyfuß, David Carradine, Michael Madsen. Produktion: A Band Apart, Miramax. Verleih: Buena Vista. Länge: 100 Minuten. Start: 16. Oktober 2003



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