Rache-Drama "Old Boy" Auge um Auge

Schreien, Stöhnen, Stolpern: In seinem Film "Old Boy" zieht der südkoreanische Regisseur Chan-wook Park alle Register cineastischer Stilistik, um eine verstörend brutale Geschichte um Rache und Seelenqual zu erzählen.

Von Oliver Hüttmann


Szene aus "Old Boy" (mit Min-sik Choi): 15 Jahre in Isolation
3 L / Central

Szene aus "Old Boy" (mit Min-sik Choi): 15 Jahre in Isolation

Der Tintenfisch zuckt, als der Mann in ihn hinein beißt. Dann würgt er das glibberige Tier gierig am Stück herunter. Stumm und mit fasziniertem Entsetzen starrt ihn dabei ein Mädchen hinter dem Tresen der Sushi-Bar an. Er wolle, hatte er zuvor gesagt, endlich mal wieder "etwas Lebendiges spüren". Ein gräulicher Krakenarm baumelt noch aus seinem Mund, als er ohnmächtig zusammenbricht und sein Kopf auf den Tisch knallt.

Vier lebende Oktopusse will Hauptdarsteller Min-sik Choi für diese Szene verschlungen haben. Ob das so stimmt, ist nicht relevant. Denn bevor jetzt jemand aufschreit, ob man so etwas zeigen müsse und was überhaupt der Tierschutz davon halte, sei als Fazit vorweg genommen: Lebendigeres Kino als Chan-wook Parks Film "Old Boy" kann man zurzeit nicht erleben. Und das bei einer völlig aberwitzigen, albtraumhaften Geschichte, die von Vergeltung, Seelenqualen, Selbstverstümmelung, Inzest, Suizid und Verdammnis handelt.

In seinem siebten Film verdichtet der südkoreanische Regisseur Extreme zu einer filmischen Tortur auf und wirft die Frage auf, ob das Leben nicht manchmal schlimmer sein kann als der Tod. Dae-su (Min-sik Choi) wird in einer verregneten Nacht entführt. Der Grund wird ihm nicht mitgeteilt. Zwar sieht man ihn zuvor noch beim Verhör auf einer Polizeiwache, weil er betrunken Frauen belästigt hat, doch eigentlich ist er ein ganz gewöhnlicher Familienvater.

Nach seiner Entführung findet Dae-su sich in einem Raum wieder. Es gibt ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl, eine Dusche, ein TV-Gerät und eine Kuckucksuhr. Essen erhält er durch eine Klappe am Fuße einer Stahltür. Das einzige Fenster ist aufgemalt und zeigt im Hintergrund eine Windmühle. Er sitzt nicht nur in einem wahrlich surrealen Kerker, er ist gefangen im Unbegreiflichen: Wo bin ich? Warum bin ich hier? Was geht hier vor? Dae-su schreit, schimpft und schlägt sich die Fäuste an den Mauern wund. Aber er bleibt mit seinen quälenden Fragen alleine, bis er von Wahnvorstellungen geplagt wird und Ameisen sieht, die aus seinen Adern krabbeln. Bald ist der Boden blutverschmiert von seinen Selbstmordversuchen.

Kampfszene aus "Old Boy": Schreien, Stolpern, Stöhnen
3 L / Central

Kampfszene aus "Old Boy": Schreien, Stolpern, Stöhnen

15 Jahre verlebt Dae-su in dieser Isolation, dann wird er frei gelassen. "Wie fühlt man sich in einem größeren Gefängnis?" Mit dieser sarkastischen Frage meldet sich bei ihm jener Mann, der ihn entführen ließ. Er heißt Lee (Ji-tae Yoo) und ist ein hochgewachsener, schöner Jüngling mit herablassendem Lächeln und einer Kühle, an der jede Furcht vor dem Tod abzuprallen scheint. Er bremst Dae-sus Rachegelüste aus, indem er ihn mit weiteren Fragen martert: "Rache ist gut. Aber was kommt danach? Willst du die Wahrheit wissen? Die Frage ist nicht, warum ich dich einsperren ließ, sondern warum ich dich wieder raus gelassen habe." Wenn Dae-su ihn umbringe, sagt Lee, werde er nie den Grund für seine Entführung erfahren. Dann wäre sein Leiden umsonst gewesen.

Der Gemarterte futtert sich durch hunderte Restaurants, um die Küche aufzuspüren, in der die Entführer sein Essen zubereiten ließen. "Empfehlung an den Koch: Er sollte mit weniger Knoblauch würzen", sagt er schließlich zu dem Lieferjungen, der ihn ahnungslos zu Lees Schergen führt. Was dann folgt ist eine Schlägerei, wie es sie brutaler und verzweifelter im Kino noch nicht gegeben hat, eine Orgie aus Schreien, Stöhnen und Stolpern.

Chan-wook Park inszeniert die Brutalität wie einen Taumel, unterlegt mit rasenden Elektroklängen. Die physische Wucht indes, mit der diese Momente auf die Leinwand krachen, spürt Dae-su nicht. Der körperliche Schmerz verblasst vor der seelischen Folter, mit der Lee sein Opfer in einem quälenden Psycho-Puzzle Stück für Stück zu einer schrecklichen Erkenntnis führt.

Auch Lee, so stellt sich heraus, ist auf Rache aus. Er ist ebenfalls ein Gefangener, der Dae-su auferlegt, was ihn in ähnlicher Form seit Jahren peinigt und verfolgt. Ein Blick und ein unbedachtes Wort von Dae-su hatten einst ein Trauma und eine Tragödie ausgelöst. Nun löscht Lee langsam dessen Existenz aus. Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Entführter Dae-su (Min-sik Choi): Quälendes Psycho-Puzzle
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Entführter Dae-su (Min-sik Choi): Quälendes Psycho-Puzzle

An diesem klassischen Gleichnis entlang spinnt Park seinen doppelbödigen Plot, der Motive und Handlungen virtuos wiederholt oder gegeneinander setzt. Die Perspektive der Eröffnungssequenz etwa ist identisch mit einer Szene aus dem Schlussakt. Dae-su wird zu Beginn auf dem Dach eines maroden Hochhauses ausgesetzt, Lee wohnt im Loft des höchsten Gebäudes der Stadt. Ein Fahrstuhl bringt den Freigelassenen am Anfang herunter zur Straße, am Ende fährt er mit einem Lift zu Lee hinauf. Während der Gefangenschaft flucht Dae-su über seinen schlechten Haarschnitt, später gibt ihm eine Friseuse einen wichtigen Hinweis.

So ist "Old Boy" ein kunstvoll konstruierter, kühner und kompromissloser Psycho-Thriller, der beinahe alle Stilmittel einsetzt, die am Kino faszinieren. Chan-wook Park schlägt narrative Haken und dreht visuelle Pirouetten, geschickt pendelt er zwischen Derbheit und Eleganz, zügellosem Schrecken und hypnotischer Schönheit.

Bei den Filmfestspielen von Cannes wurde "Old Boy" im Frühjahr immerhin mit dem Großen Preis der Jury prämiert. Die Goldene Palme indes ging an Michael Moores Polit-Doku "Fahrenheit 9/11", die den US-Präsidenten George W. Bush der Lüge zu überführen versucht. Ein wenig als politisch motivierte Notlüge erscheint indes auch die Begründung des Jury-Vorsitzenden Quentin Tarantino, er habe mit Moores Anti-Bush-Propaganda den besten Film des Festivals gesehen - vor allem wenn man dessen Vorliebe für asiatische Filme bedenkt.


Old Boy


Südkorea 2004. Regie: Chan-wook Park. Drehbuch: Jo-yun Hwang, Jun-hyeong Lim, Chan-wook Park. Darsteller: Min-sik Choi, Ji-tae Yoo, Hye-jung Gang. Produktion: Show East. Verleih: 3L. Länge: 118 Minuten. Start: 2. September 2004



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