Racheschocker "Geständnisse" Dekoratives Elend

Ein ungewöhnlicher pädagogischer Ansatz: Im japanischen Kassenerfolg "Geständnisse" will eine Lehrerin jugendliche Kindsmörder zur Strafe mit HIV infizieren. Harter Stoff, aber auch ein fein gesponnenes Geflecht kaputter Beziehungen.

Von Andreas Banaski


Lehrerin Moriguchi, eine junge Grazie mit eher sprödem Verhältnis zu ihrer Klasse, verblüfft die pubertierenden Rotznasen mit einer intimen Beichte und Anklage: Vater ihrer Tochter ist ein von ihren Schülern als Hipster verehrter Lehrerkollege, der sich wegen seiner geheim gehaltenen Aids-Erkrankung aber nicht zu dem Kind bekennen wollte. Und der Tod ihrer vierjährigen Tochter im Schulschwimmbad war kein Unfall - tatsächlich wurde sie von zwei besonders verhaltensgestörten Schülern ertränkt. Deren Namen nennt Moriguchi (Takako Matsu) nicht. Aber da die 13-Jährigen vom Gesetz noch nicht belangt werden können, hat sie den beiden nun HIV-positives Blut in die gerade getrunkene Schulmilch gemischt.

Mit diesem kühl vorgetragenen Racheplan, der eine Spirale aus Mobbing, Mord und Wahnsinn in Gang setzt, beginnt der bittere Psychothriller "Geständnisse", der 2010 wochenlang die japanischen Kinocharts anführte und dieses Jahr die wichtigsten japanischen Filmpreise gewann.

Regisseur Tetsuya Nakashima, ein 52-jähriger ehemaliger Werbefilmer, der sich gerne mit kauzigen Hüten fotografieren lässt und neben seinen Jungdarstellern wie ein onkelhafter Oberlehrer aussieht, hatte sich bereits vorher eine begeisterte Fanschar verschafft - mit zwei Spektakeln, die am treffendsten mit den beiden Unworten "schrill" und "Kult" umschrieben sind: "Kamikaze Girls" von 2004, die Außenseiterfreundschaft einer Rebellin und einer Lolita mit Rokoko-Faible, und "Memories of Matsuko" von 2006, ein grelles Popart-Musical-Melodram.

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Rachethriller „Geständnisse“: Dekoratives Elend
Seinen Hang zur aufdringlichen Stilisierung hat Nakashima mittlerweile besser unter Kontrolle, auch wenn ihm einige Passagen wieder sehr dekorativ geraten sind und "Geständnisse" zeitweise wie ein überdesigntes Trance-Indierock-Video aussieht, durch das leitmotivisch immer wieder Radioheads elegisches "Last Flowers" perlt. Das passt dann aber doch ganz gut zu der erlesenen Tristesse eines aus mehreren Perspektiven erzählten Sozialdramas, in dem es keine Unschuldigen und keine Erlösung gibt und die ganze japanische Gesellschaft wie eine psychisch und sozial verkorkste Masse wirkt.

Kubrick-Vergleiche

Denn nach der Einführung geht das Elend erst richtig los. Nach ihrem Rachecoup kehrt Lehrerin Moriguchi nicht mehr in die Klasse zurück, hat aber ihren Nachfolger - einen übereifrigen Verständnispädagogen mit dem bescheuerten Künstlernamen Werther - für ihre Zwecke instrumentalisiert. Der eine Kindsmörder, ein Muttersöhnchen, hat sich zu Hause verwahrlost in die innere Emigration zurückgezogen und wartet auf die unausweichliche familiäre Katastrophe. Der andere Täter, als Scheidungskind pervers geworden und nun von den Klassenkameraden geächtet und gefürchtet, gewinnt unerwartet das Mitleid einer verhuschten Mitschülerin, weil auch die einen Draht zum Entsetzlichen hat.

Sozialisations-, Erziehungs- und Beziehungsschäden haben im ostasiatischen Kino Tradition. Im Vergleich zu Kinji Fukasakus etwa zehn Jahre altem Schocker "Battle Royale", in dem Takeshi Kitano als Lehrer seine Schüler aufeinander hetzt, wirkt "Geständnisse" allerdings zahm und gekünstelt. Stilistisch näher steht Nakashima da schon der Rachetrilogie des Südkoreaners Park Chan-wook ("Oldboy"), wenn auch ohne dessen abgründigen Irrwitz.

Aber dafür zweifellos mit viel handwerklicher Könnerschaft. Das Echo unter Kennern war überwiegend euphorisch, bis hin zu Kubrick-Vergleichen. Und auch wenn "Geständnisse" geübte Fans von Asia-Bösartigkeit wahrscheinlich nicht mehr schrecken kann - für den normalen mitteleuropäischen Kunstkinogänger ist das noch ziemlich harter Stoff.


Geständnisse. Start: 28. Juli. Regie: Tetsuya Nakashima. Mit Takako Matsu.



insgesamt 9 Beiträge
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Bibliothekarin_MCT 28.07.2011
1. Wieder mal eine Falschdarstellung der Ansteckungsgefahr
Sie hat ihnen HIV-infiziertes Blut in die Milch gemischt? Solange die Jungs keine offenen Wunden im Mund oder Verdauungstrakt hatten, dürfte das ziemlich sinnlos gewesen sein.
A-Schindler, 28.07.2011
2. bla
Zitat von Bibliothekarin_MCTSie hat ihnen HIV-infiziertes Blut in die Milch gemischt? Solange die Jungs keine offenen Wunden im Mund oder Verdauungstrakt hatten, dürfte das ziemlich sinnlos gewesen sein.
Es ist ein Film... Genauso wie Ikigami-Der Todesbote, wo ein Staatliche Todesbote dir Mitteilt das du nur noch 24 Stunden zu Leben hast.
chunky 28.07.2011
3. "Nur" ein Film?
Zitat von A-SchindlerEs ist ein Film... Genauso wie Ikigami-Der Todesbote, wo ein Staatliche Todesbote dir Mitteilt das du nur noch 24 Stunden zu Leben hast.
Trotzdem wird hier eine falsche Botschaft transportiert. Für die Betroffenen, die seit Jahren gegen ihre Stigmatisierung kämpfen, ist sowas immer wieder ein Rückschlag. Und in Japan ist die Aufklärung über HIV noch viel schlechter als hierzulande. Naja, immerhin steht wohl nicht zu befürchten, dass der Film eine breite Masse erreichen wird...
old_spice 28.07.2011
4. Schade
man hätte HIV durch ein Gift ersetzen können ... oder Sie hätte ihre Schüler einfach zum Sex verführt, das wäre noch fieser gewesen.
titule 28.07.2011
5. 強制のタイトルを廃止することはできませんこれらのシスオペは何で&a
Zitat von chunkyTrotzdem wird hier eine falsche Botschaft transportiert. Für die Betroffenen, die seit Jahren gegen ihre Stigmatisierung kämpfen, ist sowas immer wieder ein Rückschlag. Und in Japan ist die Aufklärung über HIV noch viel schlechter als hierzulande. Naja, immerhin steht wohl nicht zu befürchten, dass der Film eine breite Masse erreichen wird...
Das ist doch schon geschehen: [QUOTE=artikel] der bittere Psychothriller "Geständnisse", der 2010 wochenlang die japanischen Kinocharts anführte und dieses Jahr die wichtigsten japanischen Filmpreise gewann.[/QUOZE] Oder wie breit soll die Masse nun sein? Die japanische Kultur und Mentalität ist mir so fremd als käme sie von einem anderen Stern. Ich kann sie nur aus dem subjektiven Blickwinkel meiner eigenen Kultur betrachten und damit enden Kritik und Einschätzung japanischer Kulturgüter fast immer bei dem unsinnigen Vergleich des westeuropäischen Wertesystems mit dem japanischem. Aber beide Systeme funktionieren, welches sollte besser sein? Um das mal einschätzen zu können, muss ich das Japanische besser verstehen und das geht leichter, wenn japanische Kultur einer breiteren Masse bekannt wird.
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