Fassbinder zum 70. Geburtstag Liebes Rainerchen

Zum 70. Geburtstag von Rainer Werner Fassbinder läuft der Kulturbetrieb zur ganz großen Würdigung auf: Sowohl ein Kinoporträt, zwei Bücher als auch eine große Ausstellung im Berliner Gropius-Bau sind dem legendären Regisseur gewidmet.

Real Fiction

Von Frank Arnold


Siebzig Jahre alt geworden wäre er am 31. Mai, der Filmemacher Rainer Werner Fassbinder, einst eines der Aushängeschilder des Neuen Deutschen Films. Aber es fällt schwer, sich ihn als Siebzigjährigen vorzustellen. Wäre er da immer noch so rastlos wie damals, als er in nur 14 Jahren 44 Film- und Fernsehproduktionen, darunter den fast vierzehnstündigen "Berlin Alexanderplatz", drehte?

Ein berechtigter Anlass ihn zu feiern, ist das Datum allemal, die wichtigere Frage ist jedoch, was bleibt von seinem Werk, 33 Jahre nach seinem frühen Tod mit nur 37 Jahren.

An diesem Donnerstag bereits kommt der Dokumentarfilm "Fassbinder" von Annekatrin Hendel in die Kinos, am 5. Mai wird im Berliner Gropiusbau eine große Fassbinder-Ausstellung eröffnet: zwei - trotz einiger Gemeinsamkeiten - sehr unterschiedliche Wege, sich Fassbinder zu nähern.

Für ihren Dokumentarfilm "Fassbinder" hat Annekatrin Hendel (die mit "Vaterlandsverräter" und "Anderson" zwei eindrucksvolle Dokumentarfilme über DDR-Literaten und ihre Spitzeltätigkeit vorlegte) insgesamt zwölf Weggefährten vor die Kamera geholt und befragt. Wenn sie sich Zeit nimmt, dann kommt dabei auch etwas heraus, so in den Äußerungen von Harry Baer und Margit Carstensen, die zum Teil außerordentlich freimütig sind, was darauf schließen lässt, dass ihnen ausführliche, vertrauensbildende Gespräche vorausgingen.

Sind Leben und Filme wirklich eins?

Manchmal allerdings begnügt sich der Film auch damit, Anekdoten abzurufen, die die Gesprächspartner schon an anderer Stelle erzählt haben. Besonders ärgerlich ist das im Falle des damaligen WDR-Fernsehspielchefs Günter Rohrbach, der noch einmal im Plauderton kundtut, wie Fassbinder bei der ersten Begegnung in seinem Büro auf die Frage nach einem Getränk einen Whisky verlangte.

Dabei hätte man doch lieber gehört, wie Rohrbach heute denkt über die vorzeitige Absetzung der Fernsehserie "Acht Stunden sind kein Tag" (bei der die letzten beiden Folgen nicht mehr gedreht werden durften) oder über den Rückzieher, den der WDR machte bei der geplanten Verfilmung von Gustav Freytags "Soll und Haben" (begründet mit dem Antisemitismus der Vorlage).

Da scheint in dem Film etwas Harmoniesüchtiges auf, das womöglich auch darin begründet ist, dass Fassbinders letzte Lebensgefährtin Juliane Lorenz den Film initiiert hat. Lorenz ist Präsidentin der Rainer Werner Fassbinder Foundation sowie Verwalterin seines Erbes und in beiden Funktionen durchaus umstritten, da sich Weggefährten wie Ingrid Caven von ihr ausgeschlossen fühlen. Das aber ist natürlich nicht das Thema dieses Films.

Das zweite große Manko des Films ist seine Gleichsetzung von Film und Leben. Dass es da Zusammenhänge gibt, wird niemand bestreiten, aber Fassbinders Äußerung "Was ich bin, sind meine Filme" derart zu verkürzen, dass das tragische Ende einer seiner Beziehungen mit Szenen aus einem Film illustriert wird, hat etwas Spekulatives.

Schnelldurchlauf durch ein Leben

So ist dieser etwas atemlos geratene chronologische Schnelldurchlauf durch Fassbinders Leben, trotz einer Reihe von neuen Details, insgesamt eine Enttäuschung, zumal wenn man den sehr viel persönlicheren Dokumentarfilm des dänischen Fassbinder-Kenners und -Freundes Christian Braad Thomsen gesehen hat, der vor drei Monaten bei der Berlinale Premiere hatte.

Der immerhin gehört zum Rahmenprogramm der Ausstellung im Martin-Gropius-Bau. Die trägt den programmatischen Titel "Fassbinder JETZT" und bietet einige Antworten auf die Frage nach der Aktualität Fassbinders - in Gestalt der Installationen von acht Videokünstlern (Laufzeit insgesamt zweieinhalb Stunden), denen Szenen aus Fassbinders Filmen gegenübergestellt werden, die das 'Anti-Illusionistische' seiner Inszenierungen, die Brechungen durch Spiegel oder das verfremdend-theatralische Spiel der Darsteller hervorheben.

Das Zusammenwirken von Fassbinders Themen der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen unter bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen einerseits und der Bezug auf seine ästhetischen Mittel andererseits seien ausschlaggebend gewesen für die Auswahl, so die Kuratorin Anna Fricke, die gemeinsam mit Hans-Peter Reichmann, dem Sammlungsleiter des Deutschen Filminstituts/Deutsches Filmmuseum in Frankfurt, die Ausstellung konzipiert hat. Für Fassbinder-Interessenten, deren Blick sich bisher aufs Kino verengte, ist das eine wirklich anregende Erfahrung, die sich durch die Lektüre des Katalogs noch vertiefen lässt.

Dort wird auch sein Einfluss auf Filmemacher wie Pedro Almodóvar, Todd Haynes, Wong Kar-wai und François Ozon dargestellt, während seine Präsenz auf den Bühnen durch einen Fassbinder-Fokus beim diesjährigen Berliner Theatertreffen unterstrichen wird.

Reinhören ins Drehbuchdiktat

Die Ausstellung war 2013 zwar schon in Frankfurt zu sehen, aber wo man sich dort mit 400 m² Ausstellungsfläche begnügen musste, bietet der Gropiusbau mit 1200 m² dreimal so viel. So gibt es hier auch einen eigenen Raum, der mit 20 Exponaten die Arbeit von Fassbinders langjähriger Kostümbildnerin Barbara Baum würdigt.

Während die Räume mit den Videoinstallationen rechts vom Eingangsraum abgehen, findet sich links davon vor dem Kostümraum ein großer, der Fassbinder selber gewidmet ist. Zum monumentalen Drehplan für "Berlin Alexanderplatz" kann man an drei Audiostationen hören, wie Fassbinder selber das Drehbuch diktiert - und in einer Vitrine den Brief seiner Mutter lesen, die am 7.3.78 um 0.15 Uhr schreibt, dass sie gerade die 19. Kassettenseite transkribiert hat und damit bei 367 Manuskriptseiten angelangt sei und im Übrigen das "liebe Rainerchen" (so die Anrede) ermahnt, sich doch endlich um fehlende Unterlagen zu kümmern, damit sie die Steuererklärung ausfüllen könne.

Dieser Werkstattraum ist mit neuester Technik ausgestattet, so können die Ausstellungsbesucher auf Tablets im Archiv "blättern", u.a. in Fassbinders Arbeitsdrehbuch zu "Lilli Marleen" (im Format A6). Einen hübschen Kontrast dazu bietet der Einblick in Fassbinders Sammlung von frühen Fernsehmitschnitten auf Video: viel von Hitchcock und Buñuel, aber auch Loriot. Und wer wusste schon, dass er sich beim Dreh von "Berlin Alexanderplatz" in der Stadt mit einem Rennrad fortbewegte? Auf einer Sitzgruppe aus braunem Leder darf der Ausstellungsbesucher sogar selber Platz nehmen. So verbinden sich gerade in diesem Raum Ausstellungsobjekte und eigene Lektüre zu einem vielschichtigen Gesamteindruck.

Film und Ausstellung sind nicht die einzigen Würdigungen zu Fassbinders Siebzgstem. Zwei neue Bücher sind angekündigt, das eine, ein Ost-West-Dialog über Fassbinder, zwischen Antje Vollmer und Hans-Peter Wenzel, betitelt "Hinter den Bildern die Welt", soll im Mai erscheinen, das andere, ein Bildband mit Werkfotos, zusammengestellt von Juliane Lorenz, im August.

In Berlin wird man zur Ausstellung im Kino Arsenal zwischen Anfang Juli und Mitte August zwölf Fassbinder-Filme in restaurierten und digitalisierten Kopien sehen können, Arte strahlt bereits am 27. Mai den Dokumentarfilm von Annekatrin Hendel aus. Dass die deutschen Fernsehanstalten das Jubiläum aber weder zum Anlass nehmen, die von ihnen zu Lebzeiten Fassbinders produzierten Dokumentationen über ihn noch seine relativ selten gezeigten TV-Arbeiten wie "Bremer Freiheit" oder "Frauen in New York" wieder einmal ins Programm zu nehmen, ist schon eine Schande.


Film: "Fassbinder" von Annekathrin Hendel, ab 30. April im Kino, am 27. Mai um 22.10 Uhr auf Arte

Ausstellung: "Fassbinder JETZT" ab 6. Mai im Martin-Gropius-Bau, Berlin

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
exHotelmanager 01.05.2015
1.
Als regelmäßiger Gastgeber hätte ich mir gewünscht, dass RWF sich wenigstens ein wenig der eigenen Körperpflege gewidmet hätte. MitarbeiterInnen haben sich regelmäßig geweigert, in seine Nähe zu gehen. Ich äußere mich sonst nicht in dieser Weise über Gäste, aber RWF war Folter.
mpitt 01.05.2015
2. Bärendienst
Fassbinder hat dem deutschen Film allenfalls einen Bärendienst erwiesen. Er gehört wohl zu den überschätztesten Persönlichkeiten der deutschen Nachkriegskultur. Wenn man einigen seiner Filme das Attribut verstörend verleihen würde, wäre das noch etwas Positives, die meisten waren schlicht und ergreifend langweilig. Fassbinder war der Inbegriff eines introvertierten Kulturbegriffs, der sich um das Publikum, für das Kultur eigentlich entstehen soll, einen Dreck scherte. Zusammenfassend wäre zu sagen, daß sich der deutsche Film von dem Schlag, den ihm der Nationalsozialismus versetzt hat, erst lange nach Fassbinders Tod erholt hat. Fassbinder hat zu dieser Erholung nichts wesentliches beigetragen.
Khaled 01.05.2015
3. Strunzlangweilig
sind die Filme von "RWF", hysterisch, plakativ, schablonenhaft, effektheischend. Er war auch gar kein Linker, sondern nur ungehobelt & ungepflegt, was man natürlich mit "links" zu assoziieren pflegt. Natürlich muss man seinen Kunstmüll im Kontext der damaligen 68er Jahre sehen, aber ich wüsste spontan nicht was uns diese Werke heute noch zu sagen haben sollten...
Aloysius Pankburn 01.05.2015
4. Legendär ist seine Rolle
"zwei Bücher als auch eine große Ausstellung im Berliner Gropius-Bau sind dem legendären Regisseur gewidmet" in "Deutschland im Herbst", in der er sich eine Stunde lang am Schw**z herum spielt. Ganz großes Kino :-)
Pfaffenwinkel 01.05.2015
5.
war nicht lieb, sondern mitunter ein Kotzbrocken. Aber er war ein genialer Filmemacher. Und das bleibt.
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