Freddie-Mercury-Darsteller Rami Malek "Er explodierte auf der Bühne förmlich"

Er analysierte Songtexte und lernte, sich auf der Bühne wie ein Skifahrer zu bewegen: Schauspieler Rami Malek über seine Verwandlung in Queen-Sänger Freddie Mercury für den Film "Bohemian Rhapsody".

20th Century Fox

Ein Interview von


Zur Person
  • DPA
    Rami Malek, 1981 in Los Angeles geboren, stammt aus einer Familie koptisch-orthodoxer Einwanderer aus Ägypten. Aufsehen erregte er als Pharao Akhmenrah in den "Nachts im Museum"-Filmen, als Terrorist Al-Zacar in "24" und als junger Corporal im HBO-Kriegsdrama "The Pacific". Seit 2015 spielt er den Computer-Hacker Elliot Alderson in der TV-Serie "Mr. Robot", wofür er einen Emmy als bester Hauptdarsteller gewann.

SPIEGEL ONLINE: Herr Malek, im Film (Unsere Filmkritik zu "Bohemian Rhapsody" lesen Sie hier) porträtieren Sie auch einen schüchternen, sensiblen Freddie Mercury abseits der berühmten, extravagenten Bühnen-Persona. Wie genau fanden Sie diesen Zugang zu seinem Charakter?

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"Bohemian Rhapsody": The Show must go on...

Malek : Um seine Songs so wirkmächtig singen zu können wie er, habe ich mich so investigativ in seiner Songtexte vertieft wie sonst nur in ein Drehbuch. Für mich war es also kein normales, 125 Seiten langes Skript bei diesem Film, ich hatte eher um die 300 Seiten zu studieren, wenn man alle Lyrics hinzuzählt. Ich schreibe privat auch ein bisschen, und normalerweise kommt das alles geradewegs aus Dingen heraus, nach denen ich mich in meinem tiefsten Inneren sehne. Also ahnte ich: Der Schlüssel liegt in seinen eigenen Texten. Im Song "Bohemian Rhapsody" offenbart sich der ganze Konflikt seiner Identität: Der innige, direkt aus der Seele gesungene Wunsch, sich von Vorstellungen, die jemand von dir hat, oder Zuschreibungen von außen zu lösen. Das hat mich dem Menschen Freddie Mercury Schritt für Schritt nähergebracht. Ich hatte ihn bis dahin nur als diesen legendären, über alles erhabenen Frontmann einer Rockband wahrgenommen hatte.

SPIEGEL ONLINE: War es hilfreich, relativ unbefangen an Mercury und die Queen-Historie herangehen zu können?

Rami Malek
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Rami Malek

Malek: Ich kannte Queen, ich kannte einige Songs und die Bilder. Aber ich hatte zum Beispiel keine Ahnung von der glitzernden Glamrock-Version aus den Siebzigern. Es hat mich ein bisschen geschockt, das zu sehen, wenn ich ehrlich bin. Ich fühlte mich wie ein Schwamm, der das alles aufsaugt, ich wurde zu einer Art Forscher, der nach Informationen gräbt: Alles war interessant und hilfreich, jeder kleine Fitzel: Als ich mit Video-Aufnahmen durch war, fing ich an, Mercurys Radio-Interviews zu hören. Seine Stimme und Stimmungen veränderten sich andauernd! In einem Moment konnte er der charmante Gentleman sein (Malek imitiert einen näselnden, britischen Akzent): "Darling, would you bring me a cup tea, please?", dann patzte er den Moderator an: "What kind of an arsehole question is that!" Er barg viele unterschiedliche Persönlichkeiten in sich und nutzte das zu seinem Vorteil. Bei ihm wusstest du nie, welchen Freddie du gerade kriegen würdest. Das wollte ich versuchen, im Film zu zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Was war, abseits der künstlichen Vorderzähne, die größte Schwierigkeit dabei, sich in Freddie Mercury zu verwandeln?

Malek: Was ich unbedingt erreichen wollte, war, mich zu jeder Zeit, in der jeder einzelnen Szene des Films exakt wie er zu bewegen, mühelos, "im Handumdrehen", wie Freddie sagen würde (schnippt leichtfertig mit dem Finger). Ich brauchte also jemanden, der mir dabei helfen würde, seine einzigartige Körpersprache nicht nur nachzuahmen, sondern auch zu verstehen, was er mit ihr artikulieren wollte. Er explodierte ja auf der Bühne förmlich. Alles war spontan, nichts vorbereitet. Wenn es geprobt ist, ist es langweilig, war sein Motto. Und nichts an diesem Mann war langweilig.

SPIEGEL ONLINE: Wer oder was half Ihnen?

Malek: Ich hatte mich mit Choreografen getroffen und natürlich Fotos, Videos und alles, was sonst noch greifbar war, studiert und recherchiert. Aber letztlich war es mein Bewegungscoach Polly Bennett, die den Durchbruch brachte. Während einer unserer Sessions sagte sie zu mir: Warum läufst du nicht einfach mal wie auf Skiern durch den Raum? Ich wusste zuerst nicht, was sie meinte. Aber dann verstand ich, dass sie mir damit eine für Mercury spezifische Art des Bewegungsablaufs übersetzen wollte. Richtig einschüchternd wurde es dann bei den Aufnahmen für das Live-Aid-Konzert, die wir gleich am allerersten Drehtag machen mussten. Ich wusste bis dahin nicht, ob es mir gelingen würde, diese spezielle Bühnen-Spontaneität von Freddie tatsächlich nachzuempfinden zu können.

SPIEGEL ONLINE: Und?

Malek: Aber mit der Band im Rücken, auf der Bühne durch diese Songs gehend, spürte ich dann tatsächlich das Adrenalin und bekam ein Gefühl dafür, meinen Körper auf die gleiche Weise in Bewegungen zu manipulieren, wie er es einst getan hat.

SPIEGEL ONLINE: Die Live-Inszenierungen im Film sind toll, alles andere kommt einem jedoch sehr zahm und brav vor, gemessen am ausschweifenden Leben Mercurys, finden Sie nicht?

Malek: Man hätte diesen expliziteren Film, den Sie meinen, sicherlich machen können. Ich habe zu Beginn der Dreharbeiten viel darüber nachgedacht, wie tief wir in die Dunkelheit und in die Abgründe gehen sollen. Aber dann wurde mir klar: Wenn man sich dort zu lange aufhält, feiert man vielleicht zu wenig, was Freddie in Wahrheit war: ein Lebemann, der das Leben in vollsten Zügen genossen und gefeiert hat. Wir wollten nicht, dass der Zuschauer diese Schönheit und seine Fähigkeit zur Freude aus dem Blick verliert. Natürlich hat er gesagt: "Mein liebstes Hobby ist Sex", natürlich hatte er zahllose Lover, davor schreckt der Film ja nicht zurück. Er geht nicht furchtbar tief hinein, aber er gibt, wie ich finde sehr elegant, die richtige Dosis, um dich nicht von der Essenz seiner Menschlichkeit abzulenken.

SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie die beschreiben?

"Bohemian Rhapsody" - Filmtrailer ansehen:

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Malek: Freddie Mercurys Geschichte ist deswegen so wirkungsvoll, weil er an irgendeinem Punkt einfach aufgehört hat, sich Gedanken darüber zu machen, was Leute von ihm denken. Er hatte seine Identität gefunden und verweigerte, in Schubladen gesteckt zu werden: Ich kann sein, wer ich bin, ihr könnt sein, wer ihr seid, und wir alle können zusammen "We Are the Champions singen", das war seine revolutionäre Idee von Inklusion. Wenn wir den Film düsterer, exploitativer oder schlüpfriger gemacht hätten,…...

SPIEGEL ONLINE: …...und damit eine Altersbeschränkung an der Kinokasse riskiert hätten...?

Malek: ...dann hätten wir vor allem jüngeren Zuschauern die Möglichkeit genommen, das alles zu sehen. Und damit hätten wir sehr vielen Menschen keinen Gefallen getan, die so eine Stimme - Freddie Mercurys Stimme - gerade dringend benötigen.

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
mopsfidel 03.11.2018
1. Schade, dass der Film nicht mehr Tiefgang hat
Rami Malek ist ein ausgezeichneter Charakterdarsteller. Und er hätte speziell die "dunklen" Seiten von Freddie Mercury wunderbar spielen können. Da bin ich mir seit "Mr. Robot" absolut sicher. "Bohemian Rhapsody" mag ein perfekt gemachter Film sein. Doch es wurde ganz sicher viel Potential verschenkt.
jens1975 03.11.2018
2. Habe mir den Film angesehen...
...und muss als eingefleischter Queen-Fan leider sagen: Das war nix! Malik wirkt irgendwie verkrampft, weil er zu nah am Original sein will. Die übrigen Bandmitglieder bleiben mehr als blass. Die zeitliche Abfolge kommt zeitweise komplett durcheinander (Stichwort: Love of my Life, Rock in Rio 1985, wird im Erzählstrang Mitte der 70er eingebaut). Dazu kommen Wiederholungen: So wird drei Mal gezeigt wie im Studio ein Song entstehen - wirklich interessante Episoden wie die Zusammenarbeit mit Michael Jackson und David Bowie bleiben dagegen außen vor. Und zum guten Schluss wird vor dem Konzert noch bei Mama und Papa bei Tee und Gebäck der neue Freund vorgestellt. Das passt in einen Film mit Julia Roberts, in einem Film über Mercury komplett deplatziert. Das hat er nicht verdient, unsän Fred!
WAZ 03.11.2018
3. Großartiger Film
Die Zuschauer des Films haben stehend applaudiert. Das kommt sehr selten vor.
Brandolino 03.11.2018
4. Die Zuschauer blieben sitzen, das sagt sehr viel.
Mich als großen Queen-Fan hat der Film berührt, weil man der Band so nah sein konnte, wie nie zuvor. Als Freddie starb, gab es noch kein Internet und Handys für alle. Fan-Informationen gab es nur in den Printmedien. Die Queen-Fanclub-Zeitschrift erschien gerade mal alle 3 Monate... Mir gefiel der subtile Umgang mit Freddies Sexualität, wohltuend in einer Zeit, in der ansonsten die Kamera immer dabei ist. Tipp: Auf Englisch kommt der britische Humor (und davon gibt es viel im Film) besser rüber.
mankannnurstaunen 03.11.2018
5. habe den Film gesehen
und fand ihn sehr sehenswert, werde ihn mir ein weiteres mal anschauen. Rami Malek zeigte seine große Schauspielkunst, jedoch wird es niemandem gelingen, Freddie Mercury in seiner ganzen Extravaganz, in seinem ganzen Tiefgang je zu 100% authentisch darzustellen. Dieser Mensch hatte ein Charisma, das einzigartig war. Es ändert aber nichts an der Tatsache, dass der Film sehr gut gemacht ist. Um einen Zeitraum von 15 Jahren im Film darzustellen, muss man einfach Dinge gerafft zeigen, es waren auch ein paar chronologische Unregelmäßigkeiten dabei, die aber zu verzeihen sind. Im übrigen wurde von Anfang an darauf hingewiesen, dass der Film die Zeit bis 1985, dem legendären Live Aid Auftritt nachzeichnet...Freddie Mercurys Krankheit spielte erst danach eine größere, traurige Rolle und es war daher folgerichtig, dies im Film nicht groß zu thematisieren. Und dass seine Münchener Zeiten oder auch die in New York nicht zur Schau gestellt wurden in diesem Biopic, ist ebenso richtig, Freddie Mercury war abseits der Bühne ein sehr privater Mensch und deshalb geht das auch heute niemandem wirklich etwas an. Was bleibt, sind seine unübertroffene Bühnenpräsenz, sein musikalisches Genie, seine Niemals-Aufgeben-Mentalität, sein Freigeist und seine unbedingte Loyalität seinen Freunden gegenüber, die er teilweise leider umgekehrt nicht erhalten hat. Dies wurde im Film treffend wiedergegeben. Rami Malek hat es gewagt, ihn zu spielen und er hat dabei viel gewonnen.
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