Rassismusdrama "The Help" Bonbonbunt und doch schwarzweiß

Als Feel-Good-Movie ein Triumph, als politisches Werk ein Reinfall: Kein Film wurde in den USA 2011 so kontrovers diskutiert wie "The Help". Das bewegende Rassismusdrama hat zwar ein Oscar-reifes Ensemble, interessiert sich aber für die US-Bürgerrechtsbewegung nur da, wo Weiße betroffen sind.

Von Tobias Nagl


"Es geht nicht um mich. Es spielt keine Rolle, wie ich mich fühle", insistiert die 23-jährige weiße College-Absolventin. Sie heißt Skeeter (Emma Stone), ist angehende Journalistin und führt ihr erstes Interview mit einem afroamerikanischen Kindermädchen. Aus Stones heiserer Lauren-Bacall-Stimme klingt Überzeugung und das Pathos der Gerechten. Es ist ein Kinosatz, wie ihn Drehbuchautoren in Hollywood lieben - und zugleich eine dreiste Unehrlichkeit. Denn zu diesem Zeitpunkt haben wir längst gemerkt: Wenn es in Tate Taylors kontrovers diskutiertem Kinohit "The Help" um irgendetwas geht, dann um Skeeter und darum, wie sie sich fühlt.

Wir befinden uns in Jackson, Mississippi, im Jahre 1963. Die Bürgerrechtsbewegung ist kurz davor, sich zu einem landesweiten Buschfeuer auszuweiten. Doch davon merken die weißen Bewohner von Mississippi noch wenig.

An den gesellschaftlichen Strukturen hat sich in Jackson seit dem Ende der Sklaverei kaum etwas geändert. Die Macht liegt bei den alten Pflanzerfamilien. Die körperliche Arbeit wird von schlecht bezahlten schwarzen Gärtnern, Köchinnen und Nannys verrichtet. Von den jungen weißen "Southern Belles" erwartet man, dass sie so schnell wie möglich heiraten, Kinder gebären und danach ihr Äußeres und den Schein ehelichen Glücks pflegen.

Fotostrecke

9  Bilder
Rassismusdrama "The Help": Weiße Heime, schwarze Hilfen

Nach ihrem Studium an der University of Mississippi kehrt die unverdorbene Skeeter in diese versteinerte Welt zurück. Anders als ihre Freundinnen ist sie noch ledig und strebt eine berufliche Karriere an. Auch sonst eckt sie mit ihren liberalen Ansichten an: Schon mit ihren frei umherwirbelnden Korkenzieher-Locken wirkt sie wie die leibhaftige Antithese zu den anderen Frauen der Stadt, die ihre Haare mit Tonnen von Haarspray zu Frisurpanzern auftürmen, als wollten sie jeden Anflug von Lebendigkeit ersticken.

17 weiße Kinder hat Aibileen in ihrem Leben großgezogen

Skeeter übernimmt bei der Lokalzeitung eine Haushaltskolumne. Auf der Plantage ihrer Eltern stellt sie enttäuscht fest, dass ihr geliebtes Kindermädchen Constantine verschwunden ist. Um sich professionelle Putztipps zu besorgen und dem Verbleib ihrer schwarzen Nanny auf die Spur zu kommen, freundet sich Skeeter mit Aibileen (Viola Davis) und später mit Minny (Octavia Spencer) an, die für Skeeters rassistische High-Society-Freundinnen arbeiten.

Die Begegnung mit Aibileen und Minny öffnet Skeeter die Augen über die alltäglichen Demütigungen, denen schwarze Haushaltshilfen ausgesetzt sind. Aus den Gesprächen der drei Frauen werden schließlich Interviews, die im Mississippi der frühen 1960er Jahre nur konspirativ stattfinden können: Jedes einvernehmliche Zusammensein von Schwarz und Weiß würde sofort Misstrauen erregen.

Aibileen wurde auf einer Plantage geboren, ihre Mutter war schon Kindermädchen, ihre Großmutter eine Haussklavin. Aibileen hat 17 weiße Kinder großgezogen. Anders als sie hält die gewitzte Minny mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg. Sie widerspricht - was sich in der hermetischen Welt von Jackson sofort rächt: Die einzige Stelle, die sie danach findet, ist bei der blonden Sexbombe Celia (Jessica Chastain), die selbst eine Außenseiterin ist.

Plumpsklos für die schwarzen Nannys

Die Geschichten von Aibileen und Minny erinnern an die andere Seite der Rassentrennung: die jahrhundertelange Intimität zwischen Weiß und Schwarz. Frauen wie Aibileen und Minny waren oft Putzfrau, Mutterersatz und beste Freundin in einem - für 95 Cents pro Stunde. Kindermädchen wie sie haben die Frauen von Jackson großgezogen. Doch die Liebe, die diese Mädchen für ihre Nannys einst empfanden, weicht im Erwachsenenalter der Verachtung. Die weißen Frauen haben nun selbst Kinder, die sie über Bridge und Tee vernachlässigen und die nun von denselben Nannys versorgt werden.

Die schlimmste dieser Frauen ist die dominante Hilly (Bryce Dallas Howard). Sie organisiert Wohlfahrtsveranstaltungen für hungernde Kinder in Afrika - und hat zugleich eine Gesetzesinitiative gestartet, die es schwarzen Haushaltshilfen verbieten will, dieselbe Toilette zu benutzen wie ihre weißen Arbeitgeberinnen. Aber in einem Film wie "The Help" können wir sicher sein, dass Hilly ihre gerechte Strafe ereilen wird.

Als bonbonfarbenes Feel-Good-Movie lebt "The Help" von seinen Schauspielerinnen (großartig: Octavia Spencer als Minny) und bunten Details: dem facettenreichen Südstaaten-Dialekt mit seinen langgezogenen Vokalen, den Sixties-Frisuren, bedruckten Seidenkleidern und häuslichen Alltagsbeobachtungen. Dabei funktioniert "The Help" wie eine nostalgische Mischung aus "Die Frauen", "Wer die Nachtigall stört", "Mad Men" und "Grüne Tomaten".

Trotz der zweieinhalb Stunden Laufzeit entwickelt der Film einen beachtlichen erzählerischen Sog, der nicht zuletzt Regisseur Taylors gekonntem Einsatz von melodramatischen Genrekonventionen geschuldet ist: Die Trennlinie zwischen Gut und Böse ist klar gezogen, und selbst die billigsten Pointen sind gut platziert ("Eines Tages werden Wissenschaftler herausfinden, dass Rauchen gesundheitsschädlich ist!").

Aufrichtig, aber eindimensional

Am Schluss des Films kann sich Skeeter mit ihrer krebskranken, opportunistischen Mutter versöhnen, weil diese endlich Zivilcourage zeigt; und sie hat ihre Interviews zu einem erfolgreichen Buch verarbeitet, das den Titel "The Help" trägt.

Als Film über Rassismus und die unsichtbaren Privilegien des Weißseins vergeudet "The Help" jedoch sein Potential. Die Verfilmung des gleichnamigem Bestellers der in Jackson aufgewachsenen Journalistin Kathryn Stockett geriet in den USA bereits Anfang des Jahres in die Schlagzeilen. Ableene Cooper, eine schwarze Haushaltshilfe der Stockett-Familie, verklagte die Autorin, ihren Namen und Charakter für das Buch gestohlen zu haben. Auf ähnlich paternalistische Weise beutet der Film die amerikanische Civil-Rights-Bewegung aus: Die Charaktere von Aibileen und Minny bleiben moralisch aufrichtige, aber eindimensionale Klischeefiguren, die als passive Stichwortgeber fungieren.

Sie sind Katalysatoren für die Transformation der schillernden weißen Hauptfiguren, denen Taylors eigentliches Interesse gilt. Der Kampf um volle Bürgerrechte in den Südstaaten ist letztlich kaum mehr als Teil der historischen Ausstattung: Einmal zeigt der Film kurz Fernsehbilder von der Ermordung des Aktivisten Medgar Evers, ein anderes Mal sehen wir, wie weiße Polizisten einer Haushaltshilfe unsanft Handschellen anlegen.

Wenn Skeeter am Ende etwas gelernt haben dürfte, dann dass ein liberaler Antirassismus, so lange er keine Konsequenzen fordert, sogar der Karriere zuträglich sein kann. Seit dem Erfolg der Verfilmung bewirbt der Buchverlag Penguin "The Help" in Nordamerika mit den Worten "Change begins with a whisper", Wandel beginnt mit einem Geflüster.

Hätte sich die Bürgerrechtsbewegung auf Unterstützer wie Skeeter verlassen, wäre es vielleicht dabei geblieben: beim Geflüster.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
unterländer 07.12.2011
1.
Zitat von sysopAls Feelgood-Movie ein Triumph, als politisches Werk ein Reinfall: Kein Film wurde in den USA 2011 so kontrovers diskutiert wie "The Help". Das bewegende Rassismusdrama hat*zwar ein Oscar-reifes Ensemble, interessiert sich aber für die US-Bürgerrechtsbewegung nur da, wo Weiße betroffen sind. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,801809,00.html
War das jetzt eine Kritik an der Politik und Gesellschaft der USA in den Sechzigern des letzten Jahrhunderts oder eine Filmkritik? Der Drehbuchschreiber und der Regisseur haben sich eine weibliche weiße Hauptfigur ausgesucht. Dass der Film dann häufig die Sicht der weißen Rassismuskritikerin darstellt, ist nur folgerichtig. Man könnte den Filmemachern natürlich vorwerfen, dass sie als Hauptfigur keine schwarze Frau und deren Leben im Rassismus beleuchtet haben. Und genau das macht diese angebliche Filmkritik, die nicht den Film selbst beleuchtet, sondern unterschwellig anhand der Auswahl der Hauptfigur/Geschichte vermeintlichen Rassismus anprangern will. Erfolglos, wie ich meine.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.