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Entführungsdrama "Raum": Die Welt auf neun Quadratmetern

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Das zutiefst berührende Entführungsdrama "Raum", für das Hauptdarstellerin Brie Larson mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, führt einen direkt in das Gefängnis, in dem eine junge Frau mit ihrem Kind seit Jahren gefangen gehalten wird.

Eine junge Frau, ihr Kind und ein Zimmer von nur neun Quadratmetern. Aus dieser kleinstmöglichen Situation entwickeln Regisseur Lenny Abrahamson und sein Ensemble in "Raum" ein Kinodrama von ungeahnter Größe.

Zu Beginn sieht man Ma (Brie Larson) und ihren fünfjährigen Sohn Jack (Jacob Tremblay) in liebevoller Haushaltsroutine, und es braucht einen erschütternden Augenblick bevor der Betrachter merkt, dass sich ihr Alltag gravierend von dem anderer Mütter und Kinder unterscheidet. Denn den winzigen Raum, in dem Ma und Jack spielen, kochen, baden, ja sogar Sport treiben, können sie nicht verlassen: Vor sieben Jahren wurde Ma entführt und ist seitdem hier eingesperrt, und mit diesem Schicksal bezieht sich "Raum" ganz bewusst auf reale Kriminalfälle wie die Entführung Natascha Kampuschs und die Gefangenschaft der Tochter des Missbrauchstäters Josef Fritzl.

Jack kennt es nicht anders, er hat sein gesamtes Leben in dem kargen Raum mit dem unerreichbar hohen Deckenfenster, durch das manchmal fahles Licht fällt, verbracht. Was diese kleine Welt beseelt, sind die sinnstiftenden Geschichten seiner Mutter sowie seine eigene, schöpferische Fantasie. Ein jedes Ding hat darin sein kostbares Eigenleben, weshalb ein Schrank oder eine Toilette für Jack nicht nur Gebrauchsgegenstände sind, sondern vielmehr stumme Verwandte in einer eigentümlichen Familienaufstellung.

Für Jack (Jacob Tremblay) ist seine Mutter der einzige Mensch, den er kennt Zur Großansicht
Universal Pictures

Für Jack (Jacob Tremblay) ist seine Mutter der einzige Mensch, den er kennt

Drehbuchautorin Emma Donoghue, von der auch die Romanvorlage stammt, unterstreicht die Bedeutung von Jacks Wahrnehmung für die Erzählung: "Das Entscheidende ist, dass der Raum für Jack gar nicht klein ist. Als ich das Buch schrieb, war mein eigener Sohn vier Jahre alt. Und ich habe damals gemerkt, wie viel Vergnügen er aus vermeintlich langweiligen Dingen zieht. Klar, es ist schon beinahe ein Klischee, aber Kinder können tatsächlich in allen Dingen etwas Faszinierendes entdecken. Und sie lieben es, sich ständig in enge Umgebungen zu zwängen, sei es unter das Bett oder in eine Kommode."

Für Ma - sowie für die zunehmend mit ihr fiebernden Zuschauer - ist der Raum hingegen ein schreckliches Gefängnis. Durch Mas Augen gesehen, zeigt sich das Elendige, Klaustrophobe und wachsend Bedrohliche dieses Ortes, und ebenso subtil wie suggestiv wechseln Abrahamson und Kameramann Danny Cohen zwischen ihrer ernüchternden Sicht und Jacks Perspektive, die ein Universum spielerischer Möglichkeiten vor sich glaubt.

Was jenseits der Wände wartet

Allein eine aufopferungsvolle Selbstdisziplin und die unzerbrechliche Liebe zu Jack hindern Ma daran, ihre Scharade vom Kosmos im Kammerformat aufzugeben und sich ihrer Wut und Verzweiflung hinzugeben. Doch dann lassen dramatische Entwicklungen und ein unerträglicher Leidensdruck Ma den folgenschweren Entschluss fassen, die Flucht aus dem Raum zu wagen.

Doch dafür muss Ma zunächst eben jene Illusion zum Einsturz bringen, die sie selbst über Jahre hinweg zum Schutz Jacks aufgebaut hat. Dies geschieht im Film in einer atemberaubenden, komischen wie schonungslosen Sequenz, in der die energische Mutter ihrem mehr als skeptischem Kind den Teppich unter den Füßen wegzieht. Dabei offenbart sie, was der Raum wirklich ist, wie sie gegen ihren Willen dorthin kam, was jenseits der Wände wartet und warum sie und Jack entkommen müssen. Auch erfährt Jack, wie Ma eigentlich heißt und wer sie außerhalb des Raums war, bevor sie mit der Freiheit auch ihren Namen verlor.

Immer wieder erzählt Ma (Brie Larson) Jack davon, wie es ist, in einem in einer Hängematte zu liegen Zur Großansicht
Universal Pictures

Immer wieder erzählt Ma (Brie Larson) Jack davon, wie es ist, in einem in einer Hängematte zu liegen

Virtuos schnürt "Raum" seinem Publikum wiederholt die Kehlen zu und treibt ihm das Wasser in die Augen, ohne es zu manipulieren. Genauso gekonnt öffnet sich der Film im Folgenden für Motive eines Thrillers, der nie spekulativ wirkt. Das gelingt nicht zuletzt, weil die Zuneigung zwischen Jack und Ma in einer Geschichte voll Ungewissheiten und unterschiedlicher Perspektiven die eine, unverrückbare Wahrheit bleibt.

Was Emma Donoghue als Autorin sehr wichtig war: "Es ist eigentlich eine erstaunlich traditionelle Beziehung, denn Ma zieht Jack im Grunde so groß, wie sie selbst aufgezogen wurde. Außergewöhnlich ist dabei jedoch, dass die beiden es schaffen, diese Normalität in solch einem befremdlichen und düsteren Kontext aufrechtzuerhalten. Vielleicht würdigt meine Geschichte damit auch ganz nebenbei das alltägliche Heldentum von Eltern, die nicht ihre Nerven verlieren oder unter Stress anfangen, ihre Kinder anzuschreien."

Das charmanteste Gespann auf dem roten Teppich

Doch Donoghue sieht noch eine weitere, besondere Qualität im Verhältnis zwischen Jack und Ma: "Was für mich hier über die tröstliche und vertraute Mutter-Kind-Beziehung hinaus wesentlich hinzukommt, ist der Aspekt der Freundschaft. Ich habe Ma und Jack immer auch als verschworene, gleichberechtigte Kumpel gesehen, und in Teilen gehört der Film sicher zum Genre des buddy movie, vor allem wenn die beiden einen Fluchtweg finden müssen."

Und es ist schlicht überwältigend, wie Brie Larson und der mittlerweile neunjährige Jacob Tremblay dieser innigen Freundschaft eine Gestalt geben. Larson wurde soeben mit dem Oscar als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet. Doch das Zusammenspiel mit Tremblay ist derart eindringlich, berührend und selbstverständlich, dass man sofort für die Einführung eines Tandem-Oscars plädieren möchte. Ebenso wie Jack und Ma immer wieder aufeinander zurückgeworfen werden und sich aneinander aufrichten müssen, finden die Zuschauer emotionalen Halt in der außerordentlichen, wahrhaft solidarischen Darstellung von Larson und Tremblay. Völlig zu Recht gelten die beiden Schauspieler denn auch als das charmanteste und smarteste Gespann, das derzeit auf den roten Teppichen der Welt unterwegs ist.

Für Emma Donoghue, die momentan an einer Bühnenfassung des Stoffs arbeitet, gibt es viele legitime Lesarten ihrer Geschichte, doch ein Gedanke verbinde sie alle: "Man kann furchtbare Dinge überstehen, wenn man etwas Wahrhaftiges hat, an das man sich klammern kann." Etwa die unbedingte Liebe zwischen zwei Menschen, von der dieser wunderbare Film so unvergesslich, zärtlich und buchstäblich raumgreifend erzählt.

Im Video: Der Trailer zu "Raum"

Raum

Irland, Kanada 2015

Originaltitel: Room

Regie: Lenny Abrahamson

Drehbuch: Emma Donoghue

Darsteller: Brie Larson, Jacob Tremblay, Joan Allen, William H. Macy, Sean Bridgers, Amanda Brugel, Cas Anvar, Joe Pingue

Produktion: Film4, Irish Film Board, Element Pictures, No Trace Camping, A24

Verleih: Universal Pictures Germany

Länge: 118 Minuten

Start: 17. März 2016

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Neu im Kino: Tops und Flops
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insgesamt 2 Beiträge
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1.
anna cotty 15.03.2016
Den Film habe ich noch nicht gesehen, aber das Buch von Emma Donoghue ist grossartig. Trotz des ernsten Themas ist es eher aufbauend als niederdrueckend. Und da das Englisch in diesem Roman sehr einfach ist ( die ganze Geschichte wird aus der Sicht des Kindes erzaehlt) wuerde ich es auch empfehlen, es im Original zu versuchen.
2. Oscar???
rosarosen 16.03.2016
Ich habe den großartigen Film letzte Woche gesehen und was mich bis heute umtreibt: Der Oscar ging an die falsche Person. Nicht Brie Larson, sondern Jacob Tremblay hätte ihn bekommen müssen.
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