Zum Tode Ray Harryhausens: Der Godzilla-Vater

Von Rolf Giesen

Ray Harryhausen: Der Monster-Macher Fotos
ddp images/pwe

Er gilt als Geburtshelfer von Godzilla, "Herr der Ringe"-Regisseur Peter Jackson und "Star Wars"-Schöpfer George Lucas verehren ihn. Mit rund 40 Zentimeter kleinen Monster-Modellen schrieb Ray Harryhausen Kinogeschichte. Abschied von einem großen Animator und einsamen Alchemisten.

Sein Oeuvre war nicht groß, gerade mal 16 Kinofilme, dazu einige Kurzfilme. Aber seine Kreaturen - seine Zyklopen, Zentauren, Homunkuli und Dinosaurier - haben sich in die Träume und Alpträume von Cineasten weltweit eingegraben. So war Ray Harryhausen etwa der Geburtshelfer des japanischen "Godzilla"; für "The Beast from 20,000 Fathoms" ("Panik in New York", 1953) schuf er den ersten radioaktiv geweckten Dino der Kinogeschichte. Den Nachmacher aus Fernost verachtete er übrigens.

Gut zwanzig Jahre lang waren Harryhausens Geschöpfe in Deutschland ausgestellt, der Heimat seiner Vorfahren, die im 19. Jahrhundert aus der Gegend von Hannover nach Amerika ausgewandert waren. Seine Schöpfungen bestanden aus Schaumgummi mit einem soliden Skelett, einer Stahlarmatur aus Kugelgelenken, sie waren um die 40 Zentimeter groß und wurden Phase für Phase vor einer Einzelbildkamera animiert (24 Bilder = 1 Sekunde Film).

Und im ehemaligen Bavaria Filmpark Bottrop-Kirchhellen, im Filmpark Babelsberg und im Museum für Film und Fernsehen Berlin wirkten sie wie langsam zerbröselnde Relikte aus einer anderen Fantasy- und Science-Fiction-Ära: "Sindbads siebente Reise", "Die geheimnisvolle Insel", "Eine Million Jahre vor unserer Zeit", "Sindbads gefährliche Abenteuer".

"1933 habe ich 'King Kong' gesehen", erinnerte sich Harryhausen einmal, der am 29. Juni 1920 in Los Angeles geboren worden war. "Unschuldig bin ich ins Grauman's Chinese Theatre in Hollywood gegangen, und seitdem bin ich nicht mehr derselbe." Im Do-it-yourself-Verfahren brachte er sich, mit einer Schmalfilmkamera bewaffnet, die Technik der Stop-Motion-Aufnahme bei.

Ein einsamer Alchemist

Während des Krieges fand er eine Anstellung im Army Signal Corps, danach gab ihm Willis O'Brien, der technische Schöpfer von "King Kong", eine Chance, als Animator bei "Mighty Joe Young" ("Panik um King Kong", 1949) mitzuwirken. Und so wie O'Brien ihn, so hat Harryhausen eine ganze Generation junger Filmemacher inspiriert: Steven Spielberg, George Lucas, Dennis Muren, John Landis, James Cameron, Frank Darabont, Terry Gilliam und Peter Jackson.

Zum 90. Geburtstag des großen Stop-Motion-Künstlers präsentierte Jackson, der eigens nach London gereist war, eine Hommage an Harryhausens sieben animierte Skelettkrieger aus "Jason und die Argonauten" (1963): Aufnahmen, die Jackson als Teenager zeigen, wie er, einen Säbel schwingend, auf imaginäre Gegner einhaut, die im Stopptrick zu visualisieren er nicht die Geduld aufbrachte. Und so musste Jackson bis zum "Herrn der Ringe" und bis zur Einführung der 3D-Computeranimation warten.

Heute ist Heerscharen von digitalen Animatoren scheinbar alles möglich. Der Pionier der kinematografischen Monstren, der die "Avatare" seiner Nachfolger und Epigonen mit ungläubigem Staunen und traurigem Amüsement wahrnahm, hatte sein einfaches Werkzeug schon vor Jahren beiseitelegen müssen. Er war nicht bereit, sich auf das neue Medienzeitalter einzulassen. Harryhausen war nicht bei Facebook oder Twitter registriert, er hatte keine E-Mail-Adresse, nicht mal einen Laptop. Das computergenerierte Remake seines letzten Films, "Kampf der Titanen" (1981/ 2010), das ausgerechnet zu seinem 90. Geburtstag herauskam, interessierte ihn nicht.

Dennoch wies Harryhausen, der einsame Alchemist aus der Dunkelkammer des Puppentricks, der für sein Lebenswerk mit einem Oscar und einem Stern auf dem Hollywood Boulevard geehrt wurde, den Weg in das virtuelle Zeitalter. Denn er schuf eine glaubwürdige Synthese aus Animation und Live-Action. Nur wurden seine Puppen (er bevorzugte den Begriff "Modelle") durch fotorealistisch animierte Computergeschöpfe ausgetauscht, durch naturalistische Saurier mit detailgenauer Textur.

Aber es gibt auch Filmemacher, die es sich noch leisten können, gelegentlich haptisch animieren zu lassen, an Filmschulen ebenso wie im Hollywood-Kino. Filme wie Tim Burtons "Frankenweenie" sind Liebeserklärungen an den ersten Special-Effects-Star der Filmgeschichte, der am 7. Mai im Alter von 92 Jahren in seiner Wahlheimat London starb.

Angeblich, so geht das Gerücht, gibt es in Schottland einen Banker, der von der Wirtschaftskrise so gestresst ist, dass er sich jeden Abend daheim "Jason und die Argonauten" auf DVD anschaut, um sich wieder als der unschuldige neunjährige Junge fühlen zu können, der er war, als er den Film zum ersten Mal sah. Womöglich spürt er dabei auch die kindliche, die totale Hingabe dieses großen Animators, der eins wurde mit seinen Geschöpfen.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Danke
tomkey 08.05.2013
Zitat von sysopEr gilt als Geburtshelfer von Godzilla, "Herr der Ringe"-Regisseur Peter Jackson und "Star Wars"-Schöpfer George Lucas verehren ihn. Mit rund 40 Zentimeter kleinen Monster-Modellen schrieb Ray Harryhausen Kinogeschichte. Abschied von einem großen Animator und einsamen Alchimisten. Ray Harryhausen: Nachruf auf den großen Trickfilm-Animator - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/ray-harryhausen-nachruf-auf-den-grossen-trickfilm-animator-a-898895.html)
Ich liebe seine Filme bzw. seine Tricks, vor allem die 3 Sindbad-Filme. Was standen wir stundenlang Schlange, als die Ende 70er Anfang 80er Jahre bei uns im Kino liefen. Und das mehr als einmal bei jedem Film. Thanks a lot, Mister Harryhausen! 1980 Sindbads gefährliche Abenteuer - erfolgreichster Film in der DDR 1979 Sindbads siebente Reise - erfolgreichster Film in der DDR
2. optional
Meskiagkasher 08.05.2013
Die Filme mit Stop-Motion sind alle purer Kitsch, aber zum Teil genial. Ray Harryhausens ist einer der ganz großen Namen.
3. Ein Tip für alle Fans
MarioDeMonti 08.05.2013
'The Harryhausen Chronicles', unbedingt anschauen: The Harryhausen Chronicles 1/6 - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=I4DnutvUv9g) The Harryhausen Chronicles 2/6 - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=vtFXn18J540) The Harryhausen Chronicles 3/6 - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=MLmGLM3Vx04) The Harryhausen Chronicles 4/6 - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=HQcY30da5Nk) The Harryhausen Chronicles 5/6 - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=esF_U-VV_Y8) The Harryhausen Chronicles 6/6 - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=wbTWUYN2JWI) Und alle Monsterfans können ja mal die Schöpfungen von Harryhausen und O'Brien mit anderen Filmmonstern vergleichen. Cinemassacre's Top 10 Giant Movie Monsters - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=NAXSHQUpzHs) Die Nummer 1 bitte nicht so ernst nehmen ;-)
4. Damals
Yohimbin 08.05.2013
Harryhausen hat Unmögliches möglich gemacht, aber leider blieb er in seiner Entwicklung irgendwann einfach stehen. Die Wesen, die er erschuf, sind nur in der Erinnerung an die eigene Kindheit aufregend. Seine sich auch auf DVD oder Blueray nur ruckelig bewegenden Fabelwesen sind heute einfach nur doof und albern. Jedes Computerspiel stellt sie in den Schatten. Aber in einer Zeit, in der es keine Computer gab, war er ein König der Fantasie.
5. Ray Harryhausen
LJA 08.05.2013
war wirklich ein einmaliger Pionier auf dem Gebiet der Tricktechnik. Allerdings würde ich ihn nicht unbedingt als "Geburtshelfer" der Godzilla-Filme bezeichnen. Zwar ist es wohl richtig, dass einige seiner Werke die Japaner zu ihren eigenen Arbeiten animiert haben, aber das war es dann schon. Mitgewirkt hat Harryhausen zumindest an keiner der Toho-Produktionen. In Japan wurde übrigens auch nie die Stop-Motion Technik angewandt. Dort steckte man noch bis Anfang des 21. Jahrhunderts Schauspieler in Plastikanzüge. Das machte die Sache dann schneller, aber dafür mussten die Kulissen auch entsprechend größer dimensioniert werden. Das Ray Harryhausen mit der heute üblichen Computeranimation nichts anzufangen wusste, kann man irgenwie verstehen. Dadurch werden neue Filme mehr oder weniger austauschbar. Egal woher sie kommen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Kino
RSS
alles zum Thema Hollywood
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 19 Kommentare
  • Zur Startseite