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Reaktionen auf Jesus-Film: "Normalerweise wird nicht nur ein Typ fertig gemacht"

Von Markus Brügge

Das Leiden Jesu als normales Kinoerlebnis: Die von der Kirche bereit gestellten Seelsorger hatten wenig zu tun, als Mel Gibsons "Die Passion Christi" gestern Abend in einem Hamburger Kino anlief. Viele der vorwiegend jungen Zuschauer konsumierten den brutalen Religionsfilm wie einen gewöhnlichen Horror-Schocker.

Mel Gibsons "Die Passion Christi" auf einer Kinoleinwand (in den USA): "Das ist einfach näher dran"
AP

Mel Gibsons "Die Passion Christi" auf einer Kinoleinwand (in den USA): "Das ist einfach näher dran"

Die holzgetäfelte Tür zu Kinosaal 1 fliegt auf und eine junge Frau, vielleicht Mitte 20, stürmt hinaus. Sie hat einen roten Mantel an und trägt eine Handtasche. Der Mantel bauscht sich weit um ihren Körper, so schnell läuft die Frau aus dem Kino, die Tasche fest an sich gepresst, als müsse sie sich vor etwas schützen. Wovor die Frau wegläuft, ist "Die Passion Christi".

Viel ist über Mel Gibsons Film diskutiert worden, quer durchs Land. Ist er antisemitisch? Wieso schwelgen Gibsons Bilder in einer Orgie aus Blut und Gewalt? Dass die "Bild"-Zeitung gestern kolportierte, dass Gibsons gekreuzigter Jesus zwischenzeitlich ein Roboter war, hat das Interesse vermutlich nur noch angeheizt.

Vor dem Kinosaal haben Ute Andresen und ihre Kollegen einen Stand aufgebaut. "Gott ist bei den Menschen" steht auf einem Schild. Was sich die Hamburger Pastorin erhofft, hier im Cinemaxx-Kino am Hamburger Dammtor-Bahnhof? "Ich habe keine Erwartungen", sagt Andresen und lächelt. Sie wolle einfach nur zeigen, dass die Kirche da ist, bereit fürs Gespräch und für die Fragen der Besucher.

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Mel Gibsons Jesus-Film: Die Kreuzigung als Special-Effect

Jetzt, gut zehn Minuten vor dem Filmstart, geht es für die meisten Kino-Besucher allerdings noch um ganz andere Fragen: Cola, Popcorn oder Nachos? Klein, mittel, groß? Stünden nicht die Pastoren, vier Radiosender, zwei Kamerateams und eine Handvoll schreibender Journalisten vor dem Saal, man könnte meinen, die Besucher strömten in gewöhnliche Blockbuster wie "Herr der Ringe" oder "Harry Potter". Kaum jemand ist älter als 30, die meisten sind in kleineren Gruppen gekommen - das Leiden Christi als ganz normales Kinoerlebnis.

Findet zumindest Kai, 17. Er ist mit Freunden im Cinemaxx und will "Die Passion Christi" sehen, "damit ich mitreden kann". Schließlich wird der Film in seiner Schule und im Freundeskreis heiß diskutiert. Weniger darüber, ob es bei Jesu Tod zu brutal zugeht - interessanter, sagt Kai, ist für die meisten die Frage, ob die Gewalt auch einen Sinn macht, dramaturgisch gesehen. Er jedenfalls findet es gut, dass es bei Gibson so drastisch zur Sache geht. "Das ist einfach näher dran."

Vermutlich kein Fall für Ute Andresens Seelsorge. Kai hat, ähnlich wie seine Freunde, das letzte Mal zur Konfirmation eine Kirche von innen gesehen. Aber die Pastorin aus Hamburg-Bramfeld macht sich kaum Illusionen. "Schließlich sind wir nicht in Amerika, wo die Kirchen gleich ganze Kinos gemietet haben und verstörte Christen nach dem Film aus dem Saal gelaufen kamen." Wenn sie gleich in den Saal geht, will sie sich von dem filmblutgetränkten Leidensweg nur so viel ansehen, dass sie hinterher mitreden kann. "Ich muss meiner Seele nicht alles antun", sagt die Pastorin und schaut ernst.

Und wie steht es um die Seelen der anderen Kinobesucher? Die Frau im roten Mantel wird eine Ausnahme bleiben. Die, die den Film frühzeitig verlassen, pressen meist nur ein hastiges "ekelhaft" oder "abartig" hervor und hasten zum Ausgang. Der Mann Anfang 30, der sich zitternd eine Zigarette anzündet, als sich die Tür hinter ihm geschlossen hat, ist für die wartenden Journalisten schon fast ein Glücksfall. Nein, er sei kein Christ - "ich interessiere mich eher für Buddhismus", sagt er in die Mikros. Und Kirche brauche er schon gar nicht: "Ich passe selbst auf mein Seelenheil auf", sagt er, während kleine Schweißperlen über seine Stirn rinnen. Doch eigentlich deutet nichts darauf hin, dass er gerade einen religiösen Horrorschocker frühzeitig verlassen hat - es könnte genauso gut auch ein Tarantino-Film gewesen sein, der ihm auf den Magen geschlagen ist.

Vielleicht ist es noch am ehesten die Leere in den Gesichtern der meisten Menschen, die widerspiegelt, was sie gerade gesehen haben, als sie aus Kinosaal 1 kommen. "Es war sehr still im Kino", sagt Janina, 18 Jahre alt. Niemand sei während des Abspanns aufgestanden und rausgegangen. "Es war schon unheimlich, wie die Leinwand schon dunkel war und alle noch sitzen geblieben sind in dem stockfinsteren Kino."

"Krass", findet ihr Freund Robin, sei die Gewalt gewesen. Nicht, dass er deswegen rausgehen wollte - "aber es war schon heftig". Ob er so viel Gewalt in einem Film schon mal gesehen hat? "Doch, klar. Aber normalerweise wird nicht nur ein Typ fertig gemacht."

Pastorin Andresen redet nur mit wenigen Menschen über diesen "Typen". Einige spricht sie nach der Vorstellung an, wechselt ein paar kurze Worte. Ingesamt sei sie überrascht, dass die Leute so gefasst aussehen. "Ich glaube, die meisten wissen nicht so Recht, was sie damit anfangen sollen."

Janina, immerhin, hat sich vorgenommen, ein paar Stellen in der Bibel nachzuschlagen - "weil ich nachgucken will, ob das da wirklich so drinsteht". Und einer von Ute Andresens Kollegen sitzt noch lange mit einem jungen Paar an einem der Metalltische vor dem Kino und diskutiert.

Die Pastorin schaut fast ein bisschen stolz zu diesem Tisch herüber. Für solche Gespräche sind die Seelsorger ins Cinemaxx gekommen. Dass sie mit ihrer Aktion allerdings zusätzlich Werbung für "Passion Christi" gemacht hat, lässt sie nachdenklich werden. "Das ist doch ein ziemlich schlechter Film - der hat den ganzen Rummel überhaupt nicht verdient."

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