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Kinofilm "Red Army": Die letzten Schlachten des Kalten Kriegs

Von Lars-Olav Beier

Der furiose Dokufilm "Red Army" zeichnet Aufstieg und Zerfall der wahrhaft legendären sowjetischen Eishockey-Nationalmannschaft nach. Kann es im Kapitalismus noch einmal ein so perfektes Team geben?

So nah kam der Sport der Kunst selten. In den Achtzigerjahren kultivierte die sowjetische Eishockey-Nationalmannschaft ihr Spiel in bis dahin ungekannter Weise. Elegant und wendig wie Balletttänzer bewegten sich die Spieler, ihre Kombinationen waren so durchdacht und zugleich so schwer zu durchschauen wie die Spielzüge eines Schachgroßmeisters - mit dem Unterschied, dass die Figuren dieses Spiels nicht von fremder Hand geführt wurden. Das Team wirkte wie das Inbild der Kollektivintelligenz.

Der Filmemacher Gabe Polsky, 1979 als Sohn russischer Einwanderer in der Nähe von Chicago geboren, bestaunte die Spielkunst der sowjetischen Nationalmannschaft schon als kleiner Junge. In seinem furiosen Dokumentarfilm "Red Army - Legenden auf dem Eis" geht er nun seiner Wissbegierde nach. Er will herausfinden, wie dieses Dream-Team entstand und warum es besser war als die Nationalmannschaften der hoch bezahlten amerikanischen oder kanadischen Profis.
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Dokumentarfilm "Red Army": Das Genie des Kollektivs

Polsky sucht die Helden seiner Kindheit auf, den Torhüter Wladislaw Tretjak etwa, dessen Paraden selbst in Zeitlupe kaum nachzuvollziehen waren, oder den Verteidiger Wjatscheslaw Fetissow, der rückwärts schneller eislaufen konnte als viele seiner Gegner vorwärts. Polsky hat keine Angst, mit naiven, plumpen Fragen auf die Nase zu fallen. Für den Zuschauer ist es überaus vergnüglich zu sehen, wie Fetissow, unter Putin sechs Jahre lang russischer Sportminister, seinen Interviewer ins Leere laufen lässt.

Aus Unmenschlichkeit erwächst Einheit

Im Film wiederholt sich der Culture Clash, der sich vor rund dreißig Jahren auf dem Eis ereignete, als der eher raue Eishockeystil der Nordamerikaner auf das körperlosere Spiel der Sowjets traf, das darauf beruhte, den Gegner zu umkurven, statt ihn einfach umzuhauen. Einmal hatten die USA den Sowjets auf dem Eis eine schwere Niederlage zugefügt, 1980 bei den Olympischen Spielen in Lake Placid. Diese Schmach, so Polsky in seinem Film, war der Auslöser für den Neuaufbau des Teams.

Die Duelle der beiden Nationalmannschaften waren die letzten großen Schlachten des Kalten Kriegs, bei jedem Match brannte das Eis. Polsky gelingen ständig fliegende Wechsel zwischen Sport und Politik, er macht die Spielfläche zur Projektionsfläche für die Ideale zweier gegensätzlicher Gesellschaftssysteme. Auf der einen Seite der entgrenzte Individualismus, auf der anderen das disziplinierte Kollektiv - das ist vielleicht etwas simpel, macht den Film aber ziemlich kraftvoll.

Polsky beschreibt den Drill, dem sich die sowjetischen Spieler unterziehen mussten, die Entbehrungen, die sie auf sich nahmen. Und er zeigt mit wachsender Faszination, wie durch das geradezu unmenschliche Training eine Einheit entstand, die funktionierte wie ein einziger Körper. Er steht voller Bewunderung und Furcht vor einem Genie des Kollektivs und fragt sich, ob die westliche Kultur so etwas jemals erschaffen könnte.

In den schönsten Momenten seines Films verirrt sich Polsky wieder wie ein kleiner Junge im Niemandsland zwischen den beiden Systemen und schaut immer wieder von einer Seite zur anderen. Diese ständigen Perspektivwechsel machen "Red Army" zu einem so kurzweiligen wie lehrreichen Film. Er erzählt von all den großartigen Dingen, die Menschen erlangen und erschaffen können: Schönheit, Exzellenz, Freiheit und Glück.

Video
Red Army - Legenden auf dem Eis

USA, Russland 2014

Buch und Regie: Gabe Polsky

Mit: Wjatscheslaw Fetissow, Scotty Bowman, Anatoli Karpov, Wladislaw Tretjak

Verleih: Weltkino

Länge: 85 Minuten

FSK: ohne Altersbeschränkung

Start: 29. Januar 2015

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insgesamt 16 Beiträge
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1.
AlexZatelli 29.01.2015
Ich kann mich an ein WM-Spiel in Düsseldorf erinnern, gegen Kanada, in den 80ern. Die Sbornaja wurde ständig ausgepfiffen zu Beginn, wie das so übrlich war damals. Ab Mitte des Spiels zogen sie ihr Traumhockey auf, und das Publikum konnte nicht mehr widerstehen. Erst kam der Szenenapplaus spärlich, dann steigerte es sich zu Standing Ovations. Auch Hardcore-Feinde der Sowjets begriffen, was da auf dem Eis geschah.
2. das Beste
Metternich 29.01.2015
Die Sowjets hatten die beste Eishockey-Mannschaft, wahrscheinlich aller Zeiten. Tretjak, Charlamow, Michaelow, Petrow, Krutow, Fetisow, Makarow, Larionow, die waren unerreicht, perfekt und auch ästhetisch im Spiel. So etwas gibt's heute nicht mehr.
3. Götter
runnerralfi 29.01.2015
KLM - Krutov, Larionow, Makarow
4. Makarov
per.roentved 29.01.2015
Ich hab mich nie groß für Eishockey interessiert, hab aber zwischen 1980-1986 schon WM Finals oder Olympia geguckt. Und der Name des russischen Stürmers Makarov ist mir bis heute als Synonym für Eishockey-Extraklasse im Gedächtnis geblieben... Einen Wayne Gretzky kenne ich auch, aber den hab ich nie so oft gesehen...
5. Absolut die Besten
lew111 29.01.2015
Ich kann mich heute noch an die Spiele erinnern. Leider waren sie immer die Gegner aber auf dem Hinterhof war ich doch immer Malzew.
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