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"Der große Trip - Wild": Übertriff deinen Mut

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In "Der große Trip - Wild" begibt sich Reese Witherspoon auf eine monatelange Wandertour, um Trauer, Drogenprobleme und Scheidung zu überwinden. Kein Erbauungskino, sondern Porträt einer Frau, die ebenso wild im Denken wie im Leben ist.

Auf ihrer 4200 Kilometer langen Wanderung allein die US-Westküste hoch schreibt Cheryl Strayed Zitate von Robert Frost, Joni Mitchell, Winston Churchill, aber auch eigene Gedanken in die ausliegenden Gästebücher. Die Zitate sind manchmal erbaulich ("Wenn dein Mut sich dir verweigert, dann übertriff deinen Mut", Emily Dickinson) und manchmal ausfällig ("Gott ist eine rücksichtslose Schlampe", Cheryl Strayed).

In jedem Fall machen sie Strayed zu einer Berühmtheit auf dem Pacific Crest Trail (PCT). Wann immer sie in einer der wenigen Unterkünfte entlang des PCT eintrifft, jubeln die anderen Wanderer. Strayed ist nicht nur eine der wenigen Frauen, die die mehrmonatige Wanderung gewagt haben. Ihre Worte sind geistige Nahrung auf dem strapaziösen Weg von der mexikanischen zur kanadischen Grenze.

17 Jahre nach ihrer großen Wanderung hat Strayed ihre Gedanken und Erlebnisse von damals in dem Sachbuch "Wild" festgehalten. 2012 erschien es in den USA und wurde ein Bestseller, der sieben Wochen lang die "New York Times"-Beststellerliste anführte und schließlich in 30 Sprachen übersetzt wurde. In dieser Woche startet nun die Verfilmung von Jean-Marc Vallée ("Dallas Buyers Club") mit Reese Witherspoon in der Hauptrolle, und auch in der Filmversion sind es Strayeds Worte, die Spuren hinterlassen.

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"Der große Trip - Wild": Anti-Heldin auf Oscar-Kurs
Mit 26 Jahren hat Strayed allen Halt in ihrem Leben verloren. Ihre geliebte Mutter ist vier Jahre zuvor an Krebs gestorben, in der Folge ist Strayed heroinsüchtig geworden, hat ihren Mann mehrfach betrogen und muss nun in die Scheidung einwilligen. Als sie feststellt, dass sie ungewollt schwanger ist und nur eine Vermutung hat, wer der Vater sein könnte, entschließt sie sich dazu, auf dem Pacific Crest Trail zu wandern.

Obwohl Strayed eine erfahrene Wanderin ist, könnten die ersten Wochen nicht härter sein. Ihr Rucksack ist so groß, dass sie ihn kaum tragen kann, ihre Wanderschuhe hingegen so klein, dass sie mehrere Fußnägel verliert. Anfangs fehlt ihr das Benzin zum Kochen, nachts hält sie die Angst vor Übergriffen wach.

Drastik und Intellektualität versöhnt

"Ich wusste nicht, wohin ich ging, bis ich dort ankam", schreibt Strayed in "Wild". Gleiches gilt für die Filmadaption, denn auch die führt zu einem ganz anderen Ende, als man es von der Geschichte einer Selbstfindung erwarten würde. Statt auf den Weg der Erlösung führt "Wild" in das Innerste einer brillanten Frau, und das ist ein Erlebnis, das es schockierend selten im Kino gibt.

Was Strayed erlebt und was in ihr vorgeht, erzählt Jean-Marc Vallée bewusst fragmentiert. Rückblenden, manchmal nur Sekunden lang, erscheinen wie im Fieber- oder Drogenrausch eingestreut. Einem einheitlichen Erzählrhythmus ist das nicht zuträglich, weshalb "Wild" nicht auf klassische Art mitreißt. Womöglich ist der Film deshalb bei den Filmpreisen dieser Saison eher vernachlässigt worden: Bis auf Reese Witherspoon und Laura Dern (als Strayeds Mutter Bobbi), die bei den Golden Globes am Sonntag nominiert sind und höchstwahrscheinlich auch bei den Oscar-Nominierungen am Donnerstag mit dabei sein werden, hat "Wild" keine nennenswerte Würdigung erfahren - im Gegensatz zu konventionellen Biopics wie "The Imitation Game" oder "Die Entdeckung der Unendlichkeit".

Dabei sind die Darstellungen von Witherspoon und Dern - so gut sie auch sind - das am wenigsten Bemerkenswerte an "Wild". Ihnen vorgelagert ist nämlich die Entscheidung von Regie, Buch und Produktion, eine Geschichte zu erzählen, die nicht auf Identifikation und Sympathie aufbaut. Wie schon beim Kassenschlager "Gone Girl", den sie produziert hat, wagt es Witherspoon, dem Publikum eine Anti-Heldin zu präsentieren. Als Strayed sieht man sie oft mit nackten Brüsten, sie hat Sex hinter Mülleimern und lässt sich Heroin in den Fuß spritzen.

Für Hollywood-Mainstream noch ungewöhnlicher ist aber, dass "Wild" Drastik mit Intellektualität versöhnt. Strayed darf hier eine intellektuell versierte Frau sein, die sich für Popmusik begeistert und nicht nur auf ihrer Wanderung Trost in Büchern findet. Einmal fordert ihre Mutter, die sich zeitgleich mit ihr am College eingeschrieben hat, sie auf, mit ihr über Klassiker der feministischen Literatur zu diskutieren. 30 Jahre nach Erfindung des Bechdel-Tests für geschlechtergerechte Filme könnte man jetzt den "Wild"-Test etablieren: Kommen zwei Frauen mit Namen vor, die über Erica Jongs Konzept des Spontanficks sprechen?

Vielleicht trägt "Wild" manchmal zu schwer unter dem Gewicht, mehr Gedanken transportieren als eine lineare Geschichte erzählen zu müssen. Die Voice-Overs mit Zitaten aus Strayeds Buch sind klug, aber letztlich doch sehr häufig eingesetzt. Wenn am Ende - wie für Biopics üblich - Fotos der echten Cheryl Strayed eingeblendet werden, zeigen sich aber wieder die Vorzüge dieses Ansatzes. Man hat das Gefühl, die Frau, die einen so herausfordernd anblickt, tatsächlich kennengelernt zu haben. Weil man so oft ihre eindringlichen Worte gehört hat.

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Der große Trip - Wild

Originaltitel: Wild

USA 2014

Regie: Jean-Marc Vallée

Buch: Nick Hornby nach dem Buch von Cheryl Strayed

Darsteller: Reese Witherspoon, Laura Dern, Thomas Sadoski, Gaby Hoffmann, Keene McRae, Michiel Huisman

Produktion: Pacific Standard, Fox Searchlight Pictures

Verleih: 20th Century Fox

Länge: 115 Minuten

FSK: 12 Jahre

Start: 15. Januar 2015

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insgesamt 17 Beiträge
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1. Klingt interessant
hermes69 11.01.2015
Werde ich mir anschauen.
2.
lupidus 11.01.2015
also im buch ist sie alles andere als eine erfahrene wanderin, im gegenteil. sie beschreibt offen wie naiv sie die sache angegangen ist. trotzdem, oder gerade deshalb, interessante geschichte.
3. Glück gehabt!
Butenkieler 11.01.2015
Wer so sehenden Auges in die Gefahr rennt und überlebt, hat allenfalls nur Glück gehabt. Jede andere Frau wird diese Strecke anders erleben. Von jenen, die gescheitert sind, werden wir hier nichts hören. Entweder sind sie tot oder so desillusiniert, das keine hier schreibt.
4. Schnulze
Ehrmantraut 11.01.2015
Schon wieder so eine Selbstfindungsschnulze ala Hollywood. BTW, die Darstellerin hat einen schrecklichen Unterbiss.
5.
SchneiderG 11.01.2015
Mich würde der Inhalt des Rucksacks interessieren den Witherspoon da durch den Film trägt. Hängt ja wahnsinnig locker über den Schulten. Hoffentlich hat sie bei den Drehaufnahmen keinen Auftrieb bekommen und die Bodenhaftung verloren :). Film & Witherspoon selbst sicherlich gut in und mit dem dem Film.
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