Warren-Beatty-Film über Hollywood Umgeben von Opportunisten

Mit "Regeln spielen keine Rolle" gelingt Warren Beatty ein feines Spätwerk: Die Tragikomödie über den legendären Mogul Howard Hughes ist ein Branchenporträt Hollywoods - erzählt aber auch einiges über das System Trump.

20th Century Fox

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Wenige Dinge entzücken Hollywood mehr als ein kurzer Blick in den Spiegel. Viele der erfolgreichsten Filme der vergangenen Jahre, "Birdman", "La La Land", "The Artist", funktionierten so: als schnelle Rückversicherung, dass man es nach all den Jahren immer noch drauf hat. Nicht völlig unkritisch, aber doch mehr als gewillt, über kleinere Unreinheiten und größere Narben hinwegzuschauen.

Dass Warren Beattys fünfte Regiearbeit "Regeln spielen keine Rolle" über das Hollywood der späten Fünfzigerjahre in der vergangenen awards season kaum beachtet wurde, erscheint deshalb rätselhaft - stehen doch gleich drei Prototypen der selbsterklärten Traumfabrik im Mittelpunkt der Tragikomödie: das aufstrebende Starlet, der unbedarfte Provinzler, den es durch Zufall nach Hollywood verschlägt, und schließlich der Filmmogul, der meint, nicht nur über ein Kinoimperium, sondern gleich die ganze Welt zu herrschen.

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"Regeln spielen keine Rolle": Keine Karriere ohne Kompromisse

Doch so kalkuliert in seiner Figurenkonstellation und so adrett in seinem Late-Fifties-Style, wie "Regeln spielen keine Rolle" zunächst daherkommt, ist der Film gar nicht - vor allem im Guten und nur ein wenig im Schlechten.

Beatty selbst spielt den legendären Unternehmer, Piloten und Filmproduzenten Howard Hughes. Dessen Karriere - oder besser: Karrieren - befinden sich 1958, als der Film einsetzt, bereits in Turbulenzen. Wegen seines zunehmend erratischen Verhaltens droht der Aufsichtsrat seiner Fluggesellschaft TWA, ihn zu verklagen. Und seine Erfolge erst als Regisseur und Produzent rücken auch in immer weitere Ferne.

Trotzdem kann es sich Hughes leisten, eine Heerschar von Starlets nach Los Angeles einzuladen, sie in Villen über die ganze Stadt verteilt unterzubringen und mit unregelmäßigen Anrufen seiner Mitarbeiter, dass es ganz bald mit dem Vorsprechen klappen wird, bei Laune zu halten.

Eines dieser Starlets ist Marla Mabrey (Lily Collins), Apfelblütenprinzessin und Baptistin, frisch zugezogen aus dem Süden. Begleitet wird sie von ihrer Mutter (Annette Benning), die Marlas Chauffeur Frank (Alden Ehrenreich) bei der ersten Fahrt sofort fragt, welcher Glaubensrichtung er angehört. Methodisten, ist die Antwort - womit geklärt sein dürfte, was die Unternehmens-Policy von Hughes eh vorschreibt: kein Anbändeln zwischen Chauffeuren und Schauspielerinnen!

Ein Harem über ganz LA verteilt

Dass sich Frank und Marla an diese Regel nicht halten werden, ist genrebedingt klar. Doch was die beiden aneinander fasziniert, nimmt das Drehbuch (ebenfalls Beatty) nicht als Selbstverständlichkeit bei zwei attraktiven jungen Menschen hin, sondern arbeitet es klug heraus: Sie erkennen im anderen den eigenen unverbrüchlichen Glauben daran, es durch Hartnäckigkeit zu Erfolg zu bringen - Marla als Schauspielerin und Sängerin, Frank als Immobilieninvestor. Und sie teilen die Bereitschaft, für diesen Erfolg notfalls mit Prinzipien zu brechen, nicht zuletzt auch mit den eigenen.

Keine glanzvolle Karriere ohne schmerzhafte Kompromisse: "Regeln spielen keine Rolle" macht aus diesem Diktum keinen moralischen Vorwurf, sondern nimmt es lediglich als Grundierung für ein nicht ganz so bonbonfarben geschöntes Bild vom Business, wie es etwa "La La Land" gezeichnet hat.

Mehr überrascht als empört nimmt Marla zur Kenntnis, dass sie nur eine von 24, 25, nein, 26 jungen Schauspielerinnen ist, die sich Hughes als kreativen Harem in L.A. hält. Die Chance, mit ihrem einzigartigen Talent aus der Masse herauszustechen, hat sie ja dennoch, oder? Und auch Frank lässt sich widerspruchslos von Hughes als Chauffeur monatelang auf Abruf halten. Irgendwann wird er ihn schon davon überzeugen, in Franks erstes Immobiliengeschäft zu investieren.


"Regeln spielen keine Rolle"
Originaltitel: "Rules don't apply"
USA 2016
Buch und Regie: Warren Beatty
Darsteller: Lily Collings, Alden Ehrenreich, Warren Beatty, Matthew Broderick, Annette Bening
Produktion: Regency Enterprises, RatPac Entertainment et al.
Verleih: 20th Century Fox
Länge: 127 Minuten
FSK: ab 6 Jahren
Start: 4. Mai 2017


Frank und Marla sind in ihrem Opportunismus natürlich nicht die einzigen, die Hughes umschwirren. Ein ganzer Hofstaat ist ihm zu Diensten, um seine genialischen Ideen (er erfand unter anderem das moderne Krankenbett) und extravaganten Wünsche (er aß 1958 mehrere Monate lang ausschließlich Schokoriegel und Hühnchen), aber auch seine kriminellen Machenschaften umzusetzen.

Ganz unangestrengt bekommt "Regeln spielen keine Rolle" so eine politische Dimension, wenn er zeigt, wie beständiges Nicht-Widersprechen den Aufstieg und Machterhalt von Despoten befördert, sprich wie Normalisierung funktioniert. Wer hier eine Parallele zum amtierenden US-Präsidenten erkennen will - nur zu! Der erklärte Anhänger der Demokraten Beatty hätte sicher keine Einwände.

Bananeneis in der Wüste

Doch wie schon in der Politsatire "Bulworth", seiner letzten Regiearbeit von 1998, belässt es Beatty nicht dabei, auf die enge Verzahnung von Politik und Entertainment zu verweisen: Er macht sie sich auch zu Nutze, um selber zu unterhalten. Seinen Hughes spielt Beatty mit viel mehr Humor und Gusto, als es etwa Leonardo DiCaprio in Scorseses angestrengt-ambitioniertem Biopic "The Aviator" getan hat. Hier verführt Hughes Marla, Frank und mit ihnen das Publikum ständig dazu, es noch ein bisschen länger mit ihm auszuhalten, ihm mitten in der Wüste von Nevada Bananeneis zu besorgen oder zu akzeptieren, dass er die meisten Unterhaltungen auf Tonband aufnimmt, um sie noch Jahre später abzuhören.

Mitunter verlieren sich Regisseur und Hauptdarsteller Beatty in den anekdotischen Szenen mit Hughes, dann erscheinen Marla und Frank nur noch als figürliches Zierwerk. Als "vanity project" wurde "Regeln spielen keine Rolle" deshalb an mancher Stelle kritisiert. Doch das verkennt, mit wie viel Einfühlungsvermögen Beatty die Geschichte der beiden jugendlichen Emporkömmlinge erzählt. Auch mit 80 Jahren scheint sich der Hollywood-Veteran noch zu gut an seine eigenen Anfänge zu erinnern.

Mit der Panne bei den diesjährigen Oscars, durch die fälschlicherweise "La La Land" zunächst zum besten Film ausgerufen wurde, dürfte Beatty das System Hollywood nachhaltiger erschüttert haben als mit diesem Film. Doch vielleicht wird "Regeln spielen keine Rolle" irgendwann als kleines, feines Branchenporträt anerkannt, eines, bei dem man auch die Augenringe und Sorgenfalten sieht.

Im Video: Der Trailer zu "Regeln spielen keine Rolle"

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