Regener-Film "Neue Vahr Süd" Vogelfrei in der Generation Müffel

Achtung, Nase zuhalten! Die ARD-Verfilmung von Sven Regeners Bestseller "Neue Vahr Süd" wühlt tief in den Eingeweiden der frühen Achtziger. Ganz ohne Klischees kommt Regisseurin Hermine Huntgeburth nicht aus - aber das verzeiht man dieser angemessen nach WG müffelnden Tragikomödie gern.

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Wenn die einen den Atem der Geschichte zu spüren glauben, riechen die anderen nur den elenden Mundgeruch der Gegenwart. So wie die vom Musiker und Romanautor Sven Regener erfundene Figur Frank Lehmann: Im ersten Buch liegt der Held noch in den Beck's-Pfützen herum, die er während der Sauftouren in seinem Berliner Kiez verschüttet hat - und das genau in der Nacht, als die Mauer fällt. Im zweiten steht dieser Lehmann wie hingestellt und nicht abgeholt in den Schlachten zwischen Bundeswehr und studentischer Billigbier-Guerilla rum, die in den politbewegten frühen Achtzigern tobten.

Das erste Buch, "Herr Lehmann", wurde 2003 als angemessen absurdes Alkoholiker-Dramolett von Leander Haußmann fürs Kino aufbereitet; das zweite, "Neue Vahr Süd", hielt Autor Regener selbst immer für unverfilmbar. Verständlich, denn wie soll man die auf 600 Seiten ausgebreiteten inneren Phlegma-Monologe des Helden sowie die lustvollen Auflistungen studentischer Splittervereine zwischen Trotzkisten und Radikalutopisten, zwischen Linksspießern und Kommunensektierern in 90 Minuten Film quetschen?

WDR und RB haben es trotzdem versucht - und legen nun für ARD-Primetime-Verhältnisse ein beachtlich unappetitliches Fernsehstück vor. Der Geruch von Erbrochenem mischt sich hier mit dem ranzigen Odeur von Jugo-Restaurants und "Volxküchen". Ja, dieser Film stinkt gewaltig, und das schreiben wir hier mit allem Respekt. Dass "Neue Vahr Süd" in diesem Maße den fauligen Atem früher WG-Historie aus dem Bildschirm verströmt, ist vor allem ein Sieg der Ausstattung. Durch sie gelingt es, die Geschichts- und Sinnwaise Herr Lehmann in all seiner muffelnden Unbehaustheit vorzuführen.

Herr Lehmann ist der Fehler im System

Denn fremd ist dieser ambitions-, gesinnungs- und bindungslose Hänger eigentlich überall - in dem nicht mehr ganz so frischen Bremer Neubauparadies Neue Vahr Süd, wo die Zukunftsträume seiner Eltern schon ein wenig bröckeln, genauso wie in der Studenten-WG, wo man mit dem Vorschlaghammer den Wohnraum den eigenen Bedürfnissen anpasst.

Hier wie dort gehört Herr Lehmann (Frederick Lau) nun mal irgendwie nicht recht hin - da kann er also auch gleich zum Bund gehen. Oder zumindest, er ist nun mal nicht der aktive Typ, vergessen, den Wehrdienst zu verweigern. Kein kluger Zug: Die hübsche Politprinzessin von der Uni (Miriam Stein) mokiert sich über sein Gefreitendasein, der klassenkämpfende WG-Mitbewohner (Eike Weinreich) bereichert sich auf seine Kosten, der Feldwebel (Hinnerk Schönemann) führt ihn als Weichei vor, der Kompaniechef (Ulrich Matthes) hält ihn für einen linken Stinker. Zwischen allen Lagern - in Zeiten beschleunigter Politbewegtheit wirst du schnell zum Vogelfreien.

Auf diese Weise funktioniert "Neue Vahr Süd" als eine Art umgedrehte Schelmengeschichte: So, wie sich in diesem Genre sonst Luftikusse beim Militär offiziell verdient machen, obwohl sie insgeheim gegen alle Regeln handeln, eckt Lehmann ohne großes Zutun bei Allen an. Er ist der Fehler im System, und das sowohl aus rechter wie aus linker Sicht. Bei der Massenvereidigung im Stadion samt begleitender Protestaufläufe gerät der Politstreuner schließlich vollends zwischen die Fronten.

Stinkbombe in der Primetime

Dass Regisseurin Hermine Huntgeburth ("Teufelsbraten") und ihr Drehbuchautor Christian Zübert Regeners Materialsammlung zum linken Lifestyle zu einem manchmal arg flotten Entwicklungsroman verdichtet haben, ist schon okay. Schade nur, dass die in der Buchvorlage eher zarten und brüchigen Ressentiments gegenüber bestimmten Typen hier zu Konsensklischees aufgeblasen werden: So erscheint der glühende Marxist natürlich als der größte Ausbeuter seiner WG, während die scharfe Pazifistin den politischen Talk nur als Vorspiel zum Vögeln nutzt, und der brutale Schleifer beim Bund ist selbstverständlich der erste, der sich einnässt, wenn es mal wirklich gefährlich wird.

Auch nicht ganz gelungen: Als wiederkehrendes musikalisches Motiv hat man den äthiopischen Souljazzer Mulatu Astatke auf die Tonspur gepackt, was alle Musikconnaisseure erfreuen mag, aber kaum in die Stimmung passt. Ansonsten ist dieser in den Eingeweiden der frühen achtziger Jahre wühlende Film zum Glück frei von jedem Geschmäcklertum.

Oder, um es deutlicher zu sagen: Er ist wohl die schönste Stinkbombe, die je über der ARD-Primetime abgeworfen wurde.


Neue Vahr Süd, 1. Dezember 20:15 Uhr, ARD



insgesamt 17 Beiträge
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leser008 01.12.2010
1. Cineast
Als unverfilmbar geltende Geschichten machen ja neugierig, was dann daraus wird. Und wenn man die 80er selbst erlebt hat, sind solche Filme meistens launig. Das mit der Filmmusik wird wohl tatsächlich ein Trauerspiel - nichts gegen den Souljazzer Mulatu, den ich nicht kenne- . Mir wurde bei einem anderen 80er Film berichtet, dass die Rechteinhaber der Musik teils einfach blocken und die Nutzung auch gegen Geld untersagen. Unser fortschrittliches und kreatives Urherberrecht lässt grüssen.
krampfader 01.12.2010
2. Suppenküche ARD
Was für eine dünne Suppe, dieses Filmchen... und durch die Abschaffung der Bundeswehr ist sie doch längst gelöffelt.
catalina67 02.12.2010
3. ,
Zitat von sysopAchtung, Nase zuhalten! Die ARD-Verfilmung von Sven Regeners Bestseller "Neue Vahr Süd" wühlt tief in den Eingeweiden der frühen Achtziger. Ganz ohne Klischees kommt Regisseurin Hermine Huntgeburth nicht aus - aber das verzeiht man dieser angemessen nach WG müffelnden Tragikomödie gerne. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,732193,00.html
Miriam Stein, Rosalie Thomass, Hinnerk Schönemann, Ulrich Matthes und ein geistreiches Drehbuch - daraus hätte man einen richtig guten Film machen können. Was heute gezeigt wurde war eine unsägliche Verschwendung von Zeit und Zelluloid. Schade.
c++ 02.12.2010
4. .
Zitat von krampfaderWas für eine dünne Suppe, dieses Filmchen... und durch die Abschaffung der Bundeswehr ist sie doch längst gelöffelt.
Das verstehen nur Zeitzeugen. Wer die Zeit nicht erlebt hat, kann das Buch und den Film nicht nachvollziehen. Muss auch nicht sein. Ich habe die Bücher von Sven Regener gelesen, den Film natürlich noch nicht gesehen. Die Bücher von Sven Regener sind schon authentisch für das damalige Lebensgefühl in entsprechenden Kreisen. Einfach super
mijanima 02.12.2010
5. ungewöhnlich, lustig. gut
Die Bundeswehr wurde nicht abgeschafft, vielleicht die Wehrpflicht. Ich kenne leider die Romanvorlage zu diesem Film nicht , war aber zwischendurch sehr amüsiert und von der ungwöhnlichen Erzählung (im Artikel als "umgedrehte Schelmengeschichte" beschrieben) fasziniert. Und das alles obwohl die Hauptfigur Frank Lehmann mir zu tiefst unsympathisch war und mich fast zu Aggressionen trieb.
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