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30. Mai 2006, 17:25 Uhr

Regie-Legende

Japanischer Filmemacher Imamura gestorben

Japans Regie-Legende Shohei Imamura ist im Alter von 79 Jahren gestorben. Der Mitbegründer der japanischen Nouvelle Vague gewann zweimal die Goldene Palme von Cannes. Zu seinen bekanntesten Filmen gehört "Der Aal".

Tokio - Shohei Imamuras ganzes Schaffen war stets ein Ringen mit den Versäumnissen und Unzulänglichkeiten der japanischen Gesellschaft. Noch 2002, als sein letzter Spielfilm "Warm Water under a Red Bridge" erschien, bedauerte der damals 75-Jährige Regisseur im "Guardian", dass Japan diese "wundervolle Freiheit besitze, aber niemand etwas damit anfängt".

Regisseur Imamura (1997): Zweifacher Palmengewinner
AP

Regisseur Imamura (1997): Zweifacher Palmengewinner

Selbst ein am College ausgebildeter Sohn aus gutem Hause, widmete sich Shohei Imamura stets den Schattenseiten des Lebens in Japan. Zum Film kam er in den fünfziger Jahren über seine Leidenschaft für das Avantgarde-Theater. Gleichzeitig emanzipierten sich auch die Filmemacher vom Druck der schweren Nachkriegszeit und begannen, die Geschichte ihres Landes kritisch zu hinterfragen. Als Imamaura Akira Kurosawas "Rashomon" im Kino sah, begriff er, dass eine neue Zeit für Künstler angebrochen war: "Das war so ein grandioser Ausdruck der neuen Freiheit, dass er eine ganze Generation von uns inspirierte", sagte er dem "Guardian" über sein "Rashomon"-Erlebnis.

Imamura wurde zum Mitbegründer einer japanischen Nouvelle Vague und widmete sich gleich in seinen ersten Filmen unbequemen und tabuisierten Themen. In "Stolen Desire" (1958) beschreibt er die Erlebnisse einer Kabuki-Theatergruppe, die ihr Salär mit Stripshows aufbessert.

Armut, Inzest, Arbeitslosigkeit, Frauen und Sex - das waren die Themen, um die Imamuras Filme kreisten. Auch in "Warm Water under a Red Bridge" tauchten diese Elemente wieder auf: Eine Frau leidet darunter, dass sich in ihr immer wieder Unmengen von Wasser aufstauen. Erlösung von den Fluten findet sie nur im hemmungslosen Sex. Den liefert ihr ein herumstreunender Langzeit-Arbeitsloser, der eine neue Bestimmung in seinem Leben sucht.

Das Spätwerk wurde in den Wettbewerb des Filmfestivals von Cannes eingeladen, gewann aber keinen Preis. Sicher keine große Enttäuschung für den Regie-Pionier mit der sanften Stimme, der die Goldene Palme bereits zweimal erhalten hatte: 1983 für die bedrückende Dorfchronik "Die Ballade von Narayama", 1997 mit "Der Aal", der Geschichte eines Mannes, der nach einem Gefängnis-Aufenthalt versucht, ein neues Leben zu beginnen - und scheitert. Sein treuer Gesprächspartner hinter Gittern ist der titelgebende Aal.

2002 wirkte Imamura bei dem Aufsehen erregenden Episodenfilm "11'09''01 - September 11" mit, in dem elf international renommierte Regisseure elf Geschichten rund um den Tag der Attentate auf das World Trade Center erzählten. Dank seiner Kompromisslosigkeit und dem Mut, die Klischees der Darstellung Japans im Film immer wieder zu durchbrechen, wurde Imamura neben Akira Kurosawa zu einem der bedeutendsten Regisseure des japanischen Kinos.

Laut japanischen Medienberichten ist Shohei Imamura gestern im Alter von 79 Jahren gestorben. Er hinterlässt seine Ehefrau Akiko, mit der er fast 50 Jahre verheiratet war und die ihm seit 1997 auch als Assistentin diente.

bor/ap

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