Regie-Paar Nana und Simon "In Georgien komme ich nie zum Grübeln"

Ein georgisch-deutsches Liebespaar, das Filme macht und Eisdielen betreibt: Nana und Simon sind einzigartig in der Kinolandschaft. Ihr neuer Film "Meine glückliche Familie" ist es auch. Ein Hausbesuch.

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Wie wohnen eigentlich Künstler? Anders als du und ich? Irgendwie expressiver, exaltierter? Kann man an der Einrichtung ablesen, womit sie sich beschäftigen? Kann man, zumindest bei den Filmregisseuren Nana Ekvtimishvili und Simon Groß. Ihre Berliner Altbauwohnung nahe dem Mauerpark ist noch ziemlich leer, die beiden sind gerade erst eingezogen, in einer Ecke stehen Umzugskisten - aber im Wohnzimmer thront schon ein riesiger Bildschirm.

Berlin mag nicht unbedingt als besonders stille Stadt bekannt sein - aber hier in Prenzlauer Berg ist sie es an diesem ruhigen Sommertag tatsächlich. Kaum jemand unterwegs auf den breiten Straßen, gedämpft dringt Kindergeschrei aus dem Park. Für diese Stille liebt er Berlin, sagt Simon, die deutsche Hälfte des deutsch-georgischen Regie-Duos Nana und Simon. Bis sie ihm und seiner georgischen Frau Nana zu viel wird.

Zu den Personen
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    Nana Ekvtimishvili (39) und Simon Groß (41), lernten sich während ihres Studiums kennen: Nana studierte Drehbuch und Dramaturgie in Babelsberg, Simon Filmregie in München. Sie sind seit 14 Jahren ein Paar und leben abwechselnd in Nanas Heimat Georgien, wo sie mehrere Eisdielen betreiben, und Berlin. Ihr erster gemeinsamer Film "Die langen hellen Nächte" wurde 2014 als georgischer Beitrag für die Oscar-Verleihung ausgewählt. 2015 erschien Nana Ekvtimishvilis erster Roman "Das Birnenfeld" in Georgien, die deutsche Übersetzung soll 2017 beim Suhrkamp Verlag herauskommen.

Dann müssen die beiden zurück nach Tiflis, zurück zu den ständig verstopften Straßen mit den immerzu hupenden Autos. Zu den Menschen, die ihre Gefühle nicht verstecken können, selbst wenn sie es wollten. Die sich in die Seele blicken lassen wie in ein offenes Buch. Zurück zur Familie, die in Georgien nie nur aus Müttern, Vätern und Kindern besteht, sondern aus Omas, Opas, Onkeln, Tanten, Verlobten, Verschwägerten, Freunden und Freunden der Freunde.

Diese Menschen Georgiens und ihre besondere Beziehung zueinander und zur Welt füllt die Filme von Nana und Simon bis zum Rand. Es geht in ihnen um das Verhältnis von Männern und Frauen, von Tradition und Moderne, um die Geborgenheit und gleichzeitige Enge der Familie. Im Debüt "Die langen hellen Tage" erzählten sie von zwei jugendlichen Mädchen zur Zeit des georgischen Bürgerkrieges in den frühen Neunzigerjahren. In ihrem aktuellen Film "Meine glückliche Familie" steht die 52-jährige Lehrerin Manana im Mittelpunkt, die das sucht, was Nana und Simon in Berlin finden: Stille.

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"Meine glückliche Familie": Geschichte einer leisen Emanzipation

Ein kostbares Gut in einem Land, in dem Menschen eigentlich nie allein sind. Deshalb eröffnet Manana der konsternierten Verwandtschaft, die jeden Winkel ihrer Wohnung bevölkert, dass sie fortan gedenke, in eigenen vier Wänden zu leben. Eine Erklärung verweigert sie.

Nein, sie wolle sich nicht von ihrem Mann Soso trennen und nein, sie sei nicht wütend auf jemanden. Wenn Manana dann in ihrer neuen Wohnung die Fenster öffnet, den zwitschernden Vögeln im Hof lauscht und versonnen Sahnetorte löffelt, dann weiß der Zuschauer, wonach sie sich gesehnt hat. "Wir wollten eine einfache, natürliche Geschichte erzählen", sagt Nana über die Idee zu ihrem Film. "Eine Frau mittleren Alters verlässt ihre Familie, um allein zu leben. Das ist alles."

"Wir wollten eine einfache, natürliche Geschichte erzählen"

Die Filme von Nana und Simon spielen zu großen Teilen in Innenräumen, ganz besonders "Meine glückliche Familie". Die private Umgebung wird bei ihnen zum Bedeutungsträger für die innere Verfasstheit der Figuren. Insofern ist es passend, dass das Paar Journalisten auch mal zum Gespräch zu sich nach Hause einlädt; Nana ist hochschwanger und braucht ein wenig Ruhe. Offen, lustig und höflich sind die beiden im Gespräch an einem riesigen Tisch, an dem auch eine georgische Großfamilie Platz finden würde.

Keine dramaturgischen Zuspitzungen, keine existenziellen Dramen sollten das alltägliche Geschehen überdecken, erklären sie beiden zu "Meine glückliche Familie". Und doch: "Als wir darüber gesprochen haben", fügt Simon hinzu, "da wurde uns klar, welche Brisanz diese Idee in der georgischen Gesellschaft hat. Ganz im Gegenteil zur deutschen, wo Paare sich alle naselang trennen."

Die Geschichte einer leisen Emanzipation ist "Meine glückliche Familie" also ganz bewusst geworden, denn natürlich, so Nana, hätte man sie gerade im Kontext der georgischen Macho-Gesellschaft viel stärker forcieren können: "Natürlich gibt es in Georgien Femizide, also Tötungen von Frauen durch ihre Ehemänner oder Freunde aus Eifersucht. Gerade in jüngster Vergangenheit haben sich diese Fälle gehäuft. Das wird dann als Ehrenmord bezeichnet, und teilweise finden die Täter sogar Verständnis."

Andeutungen, Erzählstränge und Dialog zu einem Stimmungsgeflecht verwoben

Aber Nana und Simon ging es nicht darum, etwas so Eindeutiges zu erzählen. Sie wollten subtilere Schichten freilegen, der "inneren Stimme" der Figuren zuhören, wie Nana es formuliert. Wie fühlen sie sich, wie gehen sie miteinander um? "Es sollte eben nicht darum gehen, wer gut ist und wer schlecht. Das wäre viel zu einfach. Interessant wird es doch, wenn die Figuren einander lieben und sich trotzdem nicht verstehen, trotzdem nicht mit ihrem Leben klarkommen."

Es ist diese Lust am Widerspruch und an der Doppeldeutigkeit, die die Filme von Nana und Simon für den Zuschauer zu einer echten Erfahrung macht. Einfach wirken sie nur an der Oberfläche. Darunter sind Andeutungen, Erzählstränge, Musik und Dialog zu einem Stimmungsgeflecht verwoben, das so kompliziert ist wie das Leben selbst.

Vor allem ist "Meine glückliche Familie" eine sinnliche Erfahrung von einer beglückenden Intensität, wie man sie selten im Kino macht. Nana und Simon erzählen mit einem visuellen Reichtum, der das Geschehen künstlerisch verdichtet und doch immer nah an der Alltäglichkeit der Geschichte bleibt. Um das zu erreichen, betreiben sie viel Aufwand. So dauerte das Casting des gesamten Ensembles mehr als ein Jahr. Während dieser Zeit fühlte sich Hauptdarstellerin Ia Shugliashvili, die schon früh besetzt war, in ihre Rolle ein, verschmolz geradezu mit ihr. Vor Drehstart probte das Ensemble mehrere Wochen lang an den späteren Drehorten. Und für die schwierigen, teils sehr langen Kamerafahrten ließ das Team sich mehrere Tage lang Zeit. "Die Produzenten wurden dann schon mal nervös, weil es scheinbar im Drehplan nicht vorwärts ging", wie Simon erzählt.


"Meine glückliche Familie"
Georgien, Deutschland, Frankreich 2016/ 2017
Regie: Nana Ekvtimishvili, Simon Groß
Drehbuch: Nana Ekvtimishvili
Darsteller: Ia Shugliashvili, Merab Ninidze, Berta Khapava, Tsisia Kumsishvili, Giorgi Khurtsilava, Giorgi Tabidze, Mariam Bokeria, Lika Babluani, Dimitri Oragvelidze, Goven Cheishvili
Produktion: augenschein Filmproduktion, Polare Film Arizona Productions
Verleih: Zorro Film
Länge: 114 Minuten
FSK: ohne Einschränkungen
Start: 13. Juli 2017


Eigentlich hatten sie ja mal den Plan, sagt Simon, ganz unabhängig zu werden von Produktionsfirmen und Filmförderung. Denn Nana und Simon sind nicht nur Filmemacher, sondern auch Geschäftsleute: In Georgien betreiben sie mehrere Eisdielen. Auf die Idee kam Simon Groß vor ein par Jahren, als ihm auffiel, dass es klassische Eisläden in Tiflis nicht gab. Die Kunst des Eismachens ließ er sich von Profis beibringen. Mittlerweile hat das Geschäft mehrere Filialen, eine neue hat gerade am Schwarzen Meer eröffnet. Die Schwiegermutter kümmert sich jetzt um das Geschäft. "Unser Plan hat aber nicht hingehauen", gibt Simon lachend zu. Dafür seien Filme einfach zu teuer. Immerhin kann die Familie aber von den Einnahmen leben, und das Paar kann sich Zeit lassen bei der Stoffentwicklung und der Umsetzung seiner Filme.

"In Georgien wird nicht so viel gegrübelt"

Aber wie bekommt man das alles unter einen Hut: Seit 14 Jahren zusammen sein, ein Familienunternehmen führen, gemeinsam Regie führen? Bei Nana klingt es ganz leicht, wenn sie von den Dreharbeiten berichtet und beschreibt, wie die beiden hinter ihrem Monitor hocken und sich seitenweise Notizen machen, die sie dann miteinander abgleichen: "Das funktioniert wie ein Selbstgespräch, wir kennen uns gegenseitig und den Stoff sehr gut". Anstrengend ist das aber natürlich auch, ergänzt Simon. Abends fahren die beiden gemeinsam nach Hause und nehmen die Erfahrungen des Tages mit. Manchmal reden sie tagelang über nichts anderes als ihren Film. Im Dialog sind sie ständig gefordert: "Die eigene Idee muss immer vor dem Partner Bestand haben, sie wird noch im Prozess der Entstehung bewertet. Das ist nicht leicht, kommt aber unseren Filmen zugute." Was zählt, ist die gemeinsame Vision - nicht das eigene Ego.

In den letzten Jahren haben sie hauptsächlich in Tiflis gelebt, jetzt wollen sie auch wieder mehr in Berlin sein. Aber ganz nach Deutschland ziehen - das können Nana und Simon sich nicht vorstellen. "Wenn ich in Georgien bin", so formuliert es Simon, "dann vergesse ich das, was ich hier für meine Sorgen halte. Zum Grübeln komme ich dort gar nicht. In Georgien wird nicht so viel gegrübelt." Ihre Familie bereite sich schon darauf vor, die Geburt ihres Kindes Ende August anständig zu feiern, berichtet Nana. Viel Zeit bleibt dafür allerdings nicht, denn im September bringen Nana und Simon "Meine glückliche Familie" in Eigenregie in die wenigen georgischen Kinos.

Ob sie sich vorstellen können, auch mal in Deutschland einen Film zu drehen? Klar, nicken Nana und Simon. Irgendwann. Besonders eilig haben sie es damit anscheinend nicht. Nana ist, ganz wie ihre Figur Manana, sehr gern allein. Ausgerechnet Berlin bleibt bis auf Weiteres ihr Ort der Stille.

Im Video: Der Trailer zu "Meine glückliche Familie"

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