Regiedebüt von Drew Barrymore: Dieses "Roller Girl" reißt mit
Emanzipation durch Ellenbogencheck: Mit "Roller Girl" gelingt Drew Barrymore ein tolles Regiedebüt. Jenseits von Sportler- und Teenie-Klischees erzählt ihr Film, wie ein Mädchen durch den Szenesport Roller Derby an Selbstbewusstsein gewinnt - mit harten Bandagen, großer Klappe und viel Herz.
Dieses "Roller Girl" war sehr lange unterwegs: Fast exakt zwei Jahre nach der Premiere kommt Drew Barrymores Regiedebüt endlich doch in unsere Kinos. Glücklicherweise hat der Film über die ebenso unterhaltsame wie charakterbildende Initiation eines Mädchens in die Welt des Roller Derbys in der Zwischenzeit nichts von seinem Charme verloren. Das ist vor allem der hervorragenden Besetzung, dem liebevollen Blick für Details sowie einer gesunden Abneigung gegenüber Klischees geschuldet. Denn die Verfilmung von Shauna Cross' autobiografisch gefärbtem Roman "Derby Girl" hat zwar sowohl die Anlage zum Sportlerdrama als auch zur Teenromanze, doch werden Triumph und Glück hier anders definiert.
Und in Sachen Anderssein ist Bliss Cavendar ( Ellen Page) aus Bodeen, Texas, eine Expertin. Dabei sollte es eigentlich heute kein Problem mehr sein, wenn sich eine 17-Jährige die Haare blau-schwarz färbt und als ihr Idol die Flugpionierin Amelia Earhart nennt. Doch wenn man - wie Bliss - Teilnehmerin an einer Miss-Wahl in der amerikanischen Provinz ist, reichen selbst kleine Abweichungen von der Norm aus, um als Außenseiter zu gelten. Das grämt nicht zuletzt ihre Mutter Brooke (Marcia Gay Harden), die inständig hofft, dass ihre hadernde Tochter über die Schönheitswettbewerbe leichter einen Platz im Leben findet. Was sich Vater Earl (Daniel Stern) für sein Kind wünscht, verschweigt der gutmütige, aber konfliktscheue Papa da gleich lieber gänzlich.
Von jetzt an: Babe Ruthless!
So jobbt Bliss mit ihrer einzigen Freundin Pash (Alia Shawkat), die immerhin von einem Studium weit weg von der Kleinstadt träumen darf, weiter in der örtlichen Imbissbude, deren Spezialität fettige Schweinefleischgebirge sind. Dass mal jemand die groß beworbene Riesenportion schafft, scheint denn auch die einzige Aussicht auf ein wirkliches Ereignis zu sein.
Doch dann trifft Bliss bei einem Ausflug nach Austin zufällig auf Spielerinnen der dortigen Roller-Derby-Liga. Auch wenn sie noch nicht die geringste Ahnung hat, wie dieser rabiate Subkultur-Sport mit seinen eigentümlichen Regeln - die dankenswerterweise auch dem Publikum ausführlich erklärt werden - und den ebenso exzentrischen Frauenteams funktioniert, so ist Bliss eines sofort klar: Sie will unbedingt ein Roller Girl werden.
Ohne Wissen der Eltern bewirbt sich Bliss bei den rauf- und feierfreudigen, sportlich allerdings chronisch erfolglosen Hurl Scouts. Tatsächlich schafft sie es dank ihres beachtlichen Lauftempos in das Team um die resolute Maggie Mayhem ("Brautalarm"-Star Kristen Wiig). Und da alle Damen klangvolle Spielernamen wie Bloody Holly, Rosa Sparks oder Smashley Simpson (Drew Barrymore) tragen, wird aus der braven Bliss kurzerhand Babe Ruthless. Dauerkonkurrentinnen der Hurl Scouts sind die Holy Rollers unter der Führung von Iron Maven (Juliette Lewis), und so wie Bliss beim turbulenten Vollkontakt-Rollschuhkampf nie geahntes Selbstvertrauen erlangt, wagt sie auch abseits der Laufbahn den Ausbruch aus der engen Kleinstadtroutine.
Auf einer Party lernt sie den jungen Musiker Oliver (Landon Pigg) kennen, und mit neuem Mut ausgestattet, wagt sich Bliss an ihre erste ernste Beziehung heran. Aber bald ziehen im Team, der Familie und nicht zuletzt in der Romanze Konflikte auf, vor denen sie nicht einfach auf schnellen Rollen davonlaufen kann.
Clever werden dabei übliche Erwartungshaltungen ausgebremst: Weder produziert der Sport hier simple Siegertypen noch ist die Paarbeziehung per se ein Heilsversprechen. Stattdessen erzählt "Roller Girl" eine Coming-of-Age-Geschichte mit harten Bandagen, großer Klappe und viel Herz. Dass die exaltierten Derby-Damen ebenso wenig zu Karikaturen geraten wie die wohlmeinende, jedoch überforderte Elterngeneration ist ein großer Verdienst des Films, der sich trotz des Vergnügens am emanzipatorischen Ellenbogencheck um eine realistische Zeichnung der Figuren bemüht.
Natürlich wurde Ellen Page zur Zeit der Dreharbeiten von aller Welt mit ihrer Darstellung der ebenso freigeistigen wie wortgewandten Teenagerin "Juno" gleichgesetzt. Und angesichts der ähnlich bunt aufgezogenen Kampagne für "Roller Girl" - oder "Whip It", so der Originaltitel - mag es Teile des Publikums zunächst irritieren, dass sie Bliss Cavendar ungleich stiller und verhaltener spielt. Doch trotz der verdienten Bewunderung für die grandios-raumgreifende Juno ist es gerade diese Zurückgenommenheit, welche Bliss zu einer eigenständigen und glaubwürdigen Heldin statt nur zur bloßen Kopie der vorherigen Erfolgsrolle macht.
Bei allem Derby-Spaß ist es Drew Barrymores angenehm unaufgeregtem Film somit Ernst mit dem feministischen Befreiungsschlag der Rollschuhbande. Und darum hat Bliss Cavendar auch eine Botschaft für die fremdbestimmten Beauty-Queens der Welt parat: Ein blaues Auge kann schöner als der teuerste Lidschatten sein.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Donnerstag, 01.09.2011 – 06:37 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
- Kommentieren | 12 Kommentare
MEHR AUS DEM RESSORT KULTUR
-
Bestseller
Die aktuellen Listen: Hardcover, Taschenbücher, DVDs und Kino-Charts -
Rezensionen
Abgehört, vorgelesen, durchgeblickt: Unsere Rezensionen - was Sie nicht verpassen sollten -
TV-Programm
Ihr TV-Planer: So gucken Sie beim Fernsehen nie mehr in die Röhre -
Gutenberg
Bücher online lesen: Die Klassiker der Weltliteratur - gratis bei Projekt Gutenberg -
Tageskarte
Sieben Tage, sieben Empfehlungen: Die wichtigsten Entdeckungen der Woche.