Regiestar Sydney Lumet Der schnellste Schütze Hollywoods

Was ist schon brutaler als eine Familie? Sidney Lumet, Altmeister des US-Kinos, stellte diese Frage früh in seiner Karriere. Mit dem fulminanten Thriller "Tödliche Entscheidung" kehrt der Regisseur jetzt zu seinem großen Thema zurück: Verwandtschaft und Verbrechen.

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Sidney Lumet ist ein kleiner Mann. Wenn er auf seinem Schreibtischstuhl sitzt, baumeln seine Beine etwa zehn Zentimeter über dem Boden. Über seinen Sneakers kommen strahlend weiße Socken zum Vorschein. Das sieht nicht elegant aus, und am liebsten würde man Lumet dezent darauf hinweisen. Doch er stand schon mit vier Jahren als Schauspieler auf der Bühne, führte bei mehr als 500 Fernsehsendungen und fast 50 Kinofilmen Regie. In seiner Welt verrutschen Krawatten nicht zufällig, ragen Hemdzipfel nicht ohne Grund aus der Hose. Und weiße Socken werden unter gar keinen Umständen umsonst entblößt.

"Warum erzählen Sie in Ihren Filmen so oft von korrupten Polizisten?", frage ich ihn nach etwa einer Stunde. Darauf hat er gewartet. Das ist sein Einsatz. "Sehen Sie", erwidert er und blickt an sich herunter. "Ich trage weiße Socken. Wissen Sie, warum?" Nein. "Unsere Polizisten trugen viele Jahre lang traditionell weiße Socken", erklärt er. "Das ist meine Art, ihnen meinen Respekt zu zeigen. Ich bewundere sie, denn ich wäre für diesen Job viel zu feige." Dann hält er inne. "Aber warum zeige ich sie so oft als korrupt? Weil viele Polizisten korrupt sind."

Für den 83-jährigen Lumet ist ein Interview auch eine Performance, er beherrscht das Spiel von Frage und Antwort. "Q & A", questions and answers, heißt einer seiner Filme, darin geht es um Vernehmungen und um einen Polizisten, der von Kopf bis Fuß auf Lüge eingestellt ist. Lumet schaut sich meinen Recorder an. Mit Mikrofonen kennt er sich aus. In seinen Thrillern "Prince of the City" (1981) und "Nacht über Manhattan" (1996) zeigt er Männer, die sich umarmen und dabei nach Wanzen abtasten, weil sie einander für Verräter halten. "Ein Sony?" fragt er mich erstaunt. "Keine deutsche Marke?" – "Welche denn?" frage ich vorsichtig zurück. "Wie wär's mit Sennheiser? Zumindest die Kopfhörer!"

Lumet bleibt keine Antwort schuldig. Er ist im Gespräch ungemein wach und witzig und eilt mühelos durch die Jahrzehnte. Er redet pointiert, präzise und schnell. Lumet, so beschrieb ihn Paul Newman, würde sogar vor einem Bordell in der zweiten Reihe parken. In frenetischem Arbeitstempo hat Lumet einen Klassiker nach dem anderen geschaffen, vom Gerichtsfilm "Die zwölf Geschworenen" (1957) über den Politthriller "Angriffsziel Moskau" (1964) und die Agatha-Christie-Adaption "Mord im Orientexpress" (1974) bis zur Satire "Network" (1976). In dieser Woche kommt sein jüngster Film "Tödliche Entscheidung – Before the Devil Knows You’re Dead" ins Kino.

"Reiche dürfen sich ausruhen, Arme nicht"

Als ich Lumet 1989 zum ersten Mal traf, hatte er gerade seinen Film "Family Business" fertiggestellt, in dem ein Großvater mit seinem Sohn und seinem Enkel einen kriminellen Coup plant; in "Tödliche Entscheidung" wollen zwei Brüder (Philip Seymour Hoffman, Ethan Hawke) ein Juweliergeschäft ausrauben. "Da sind wir also wieder", lacht Lumet, "und reden erneut über Familien und Verbrechen." Doch diesmal ist es anders. In "Family Business" werden die Generationen durch ein Verbrechen vereint, in "Tödliche Entscheidung" dagegen zerrissen. Denn der Juwelier, den die Brüder ausnehmen wollen, ist ihr eigener Vater.

"Wissen Sie, was ein Gummi-Enten-Drama ist?" fragt Lumet. Ich schüttle den Kopf. "Das ist eine Geschichte, in der alle Probleme eines Menschen auf seine Kindheit zurückgeführt werden", erklärt er. "Da wird ein Mann zum Verbrecher, weil ihm seine Mutter einst in der Badewanne die Gummi-Ente weggenommen hat. So was hasse ich! Es gibt in 'Tödliche Entscheidung' in der Familie eine große latente Brutalität. Wir wissen nicht genau, wo sie herkommt, aber wir wissen, sie kommt zum Ausbruch. Und sie ist sehr zerstörerisch." Lumet ist ein Chronist der amerikanischen Familie, immer wieder prüfte er in seinen Filmen ihre Stabilität unter dem Einfluss innerer und äußerer Gewalt.

Eine harte Kindheit kann für einen wie ihn nicht als Ausrede gelten. Als Sohn polnischer Emigranten wuchs Lumet in der Zeit der Wirtschaftskrise auf, erlebte Armut und Hunger und musste von seinen Gagen als Kinderdarsteller seine Familie ernähren. "Reiche Menschen dürfen sich ausruhen, arme nicht. Das wurde mir damals schnell klar", erinnert er sich. So schärfte sich früh das soziale Gewissen Lumets, das ihn schon in jungen Jahren für die Rechte der Arbeiter auf der Straße demonstrieren ließ und ihn später zu einem der großen Linken Hollywoods machte. Seine Helden begehren immer wieder gegen das System auf, gegen eine marode Justiz, einen korrupten Polizeiapparat oder gegen eine fatale Kriegsmaschinerie.

Die Kamera, der Star

Viele Jahre lang wurde Lumet von Kritikern als Thesenfilmer abgetan, dem es an Phantasie und Leidenschaft mangele. Mal warfen sie ihm ein Übermaß an Großaufnahmen vor, dann fanden sie seine Inszenierungen zu theaterhaft. Deshalb freut es ihn, dass Studenten der Universität Lodz die Sprache des Films am Beispiel seiner Eugene-O’Neill-Adaption "Eines langen Tages Reise in die Nacht" von 1962 lernen. Denn Lumet ist ein visueller Stilist, der seine stärksten Mittel oft bis zum entscheidenden Augenblick in der Reserve hält. In "Angriffsziel Moskau" zeigt er den von Henry Fonda verkörperten US-Präsidenten erst im Moment der größten Machtlosigkeit in Großaufnahme: Als der seine eigenen Bomberpiloten, die im Anflug auf die sowjetische Hauptstadt sind, nicht mehr aufhalten kann.

In seinem neuen Film "Tödliche Entscheidung" zeigt Lumet ein Verbrechen und seine Konsequenzen aus verschiedenen Perspektiven, springt in der Zeit oft vor und zurück, setzt den Kriminalfall nach und nach wie ein Puzzle zusammen. Doch einmal bremst Lumet bei dem hohen Erzähltempo jäh ab. Da folgt die Kamera dem von Hoffman gespielten Bruder in einer mehrere Minuten dauernden, langsamen Einstellung durch ein Apartment. Hier lässt sich der Bruder einen Schuss Heroin setzen, hier findet er für kurze Zeit inneren Frieden. "Wie der Held kommt auch die Kamera zur Ruhe", sagt Lumet "Ich behandle sie wie einen Star. Um das zu sehen, muss man allerdings genau hinschauen."


"Schauspieler sind die Infanterie": Lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL ein ausführliches Gespräch mit dem Regie-Altmeister Sidney Lumet über Hollywood, seinen neuen Film, seine Überzeugungen und seine Begeisterung für Barack Obama



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