Regisseur Abrams "Bei 'Star Trek' lag die Latte niedrig"

Er schuf Kultserien wie "Lost" und "Alias", jetzt entstaubte er den Science-Fiction-Klassiker "Star Trek" fürs Kino. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht Regisseur J. J. Abrams über die Schwäche früherer Enterprise-Filme, empfindliche Fans - und die Ratschläge seines Mentors Steven Spielberg.


SPIEGEL ONLINE: Mr. Abrams, nach zehn Filmen und fünf TV-Serien galten die unendlichen Weiten des "Star Trek"-Universums als erforscht und die Marke als kommerziell tot. Was reizte Sie an einem Neustart?

Abrams: Die ehrlichste Antwort lautet: Weil es nie einen "Star Trek"-Film gab, wie ich ihn mir vorgestellt und gern gesehen hätte. Damit will ich nicht die Arbeit meiner Vorgänger abwerten. Ich habe ewigen Respekt vor Gene Roddenberry, dem Schöpfer der Originalserie. Aber das Material hat noch so viel ungenutztes Potential! Einen Bond-Film hätte ich niemals gedreht, weil die 007-Reihe schon so viele Klassiker hervorbrachte, dass ich garantiert nichts Besseres hinzufügen könnte. Bei "Star Trek" lag die Latte niedriger. Allerdings war ich nie ein ernsthafter Fan oder gar Trekker.

SPIEGEL ONLINE: Heißt es nicht mehr Trekkies?

Abrams: Sagen Sie das nicht zu laut - die harten Fans hassen es, wenn man sie verniedlicht! Einer von ihnen zählte als Experte auch zum inneren Kreis der Leute, die mir bei der Entwicklung des Konzepts halfen, chronologisch rückwärts zu reisen und die Anfänge der Figuren zu beleuchten. Diese Entscheidung war der Schlüssel: Wir hatten dadurch eine erzählerische carte blanche und eine organische Einbindung in die über Jahrzehnte gewachsene Mythologie. Ich glaube, dass die Chancen sehr gut stehen, alte und neue Zuschauer für "Star Trek" zu begeistern.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagten in einem Interview, dass Sie den Optimismus im Science-Fiction-Kino wieder cool machen wollen. Wie meinen Sie das?

Abrams: Wir haben im Genrekino seit Jahren nur zynische Filme über prä- oder postapokalyptische Welten gesehen, allesamt düster im Ton. Keine Frage: Einige waren brillant und wahnsinnig erfolgreich. Doch ich wollte diesen Weg vermeiden und mich an der Originalserie orientieren, die auf Pioniergeist basiert. Entdeckungsreisende sind keine Zyniker. Sie sind fortschrittsgläubig und im Herzen optimistisch.

SPIEGEL ONLINE: Optimistisch ist auch Ihr Ansatz, einen Film ohne Stars zu drehen.

Abrams: Ich habe schon bei "Lost" und "Alias" sehr gute Erfahrungen damit gemacht, unbekannte Schauspieler zu besetzen, die sich dann zu Publikumslieblingen entwickelt haben. Natürlich ist das Risiko größer, einen Film auf die Schultern relativer Neulinge zu laden. Doch ich bin fest von der Qualität unserer Crew überzeugt - und der wahre Star ist ohnehin das Raumschiff Enterprise.

SPIEGEL ONLINE: In der Casting-Phase hatten Sie noch den Wunsch geäußert, Russell Crowe als Bösewicht zu besetzen.

Abrams: Ich bewundere Russells Arbeit, und manchmal geht mein Enthusiasmus mit mir durch. Wir diskutierten den Part, doch er gab zu bedenken, dass "Star Trek" auf diese Weise zum Russell-Crowe-Film werden würde - und hatte völlig recht. Nun haben wir Eric Bana, ebenfalls ein schauspielerisches Schwergewicht. Allerdings unter einer Maske, die so gut ist, dass ihn darin nicht einmal Steven Spielberg erkannt hat. Er fragte nach seiner Vorführung, wer dieser interessante Schauspieler sei. Dabei haben die beiden "München" miteinander gedreht!

SPIEGEL ONLINE: Viele Eventfilme bersten heutzutage vor Spezialeffekten und betäuben den Zuschauer mit Schauwerten. Muss man das so machen?

Abrams: Nein, kein Mensch ist heute mehr von einer riesigen Explosion oder einem herumflitzenden Raumschiff beeindruckt, wenn er sich nicht um die Charaktere in diesem Raumschiff sorgt. Das war mein Mandat: Erst kommen die Figuren, dann die visuelle Ausrichtung. Unser "Star Trek" ist ein Kirk-und-Spock-Film über den schwierigen Beginn einer Freundschaft - und nebenbei ein Science-Fiction-Epos. Wir haben zwar auch über tausend Einstellungen mit computergenerierten Elementen. Doch sie sind die Beilage, nicht das Fleisch des Filmes.

SPIEGEL ONLINE: Wie finden Sie neben Ihren Kinofilmen noch Zeit für Ihre aktuellen Serien "Lost" und "Fringe"?

Abrams: Ich habe mit "Lost" schon länger nichts mehr zu tun und weiß die Show in den Händen extrem talentierter Kollegen. Bei "Fringe" helfe ich gelegentlich ein wenig mit Plot-Ideen aus. Aber mein Fokus ist und bleibt jetzt vorrangig auf das Filmemachen gerichtet.

SPIEGEL ONLINE: Auch im Kino scheinen Sie eine Schwäche für Serienstoffe zu haben. Woher stammt diese Vorliebe?

Abrams: Mich als Filmfan faszinieren Figuren, zu denen man über einen längeren Zeitraum ein Vertrauensverhältnis aufbaut. Als Regisseur reizt mich dabei am meisten, erprobte Formeln zu brechen und jenen Zuschauer zu überrumpeln, der bereits eine Million Filme kennt und jede Wendung erahnt. Unterbewusst setzt sich in mir wohl auch der Fan von "Star Wars" und "Indiana Jones" durch. Ich liebte es als Jugendlicher, diese Figuren bei neuen Abenteuern zu begleiten und über ihre Veränderungen zu staunen. Nehmen sie nur die Transformation von Luke Skywalker im Laufe dreier Filme! Das wäre in zwei Stunden Erzählzeit unmöglich gewesen. Auch George Lucas und Steven Spielberg ließen sich durch ihre Liebe zu den Serien ihrer Jugend inspirieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie man hört, haben Sie ein enges Verhältnis zu Spielberg.

Abrams: Er ist über die Jahre zu einem echten Freund und Mentor geworden, der nicht mal böse ist, wenn ich ihn mit E-Mails voller Fragen zu seiner Arbeit bombardiere. Seine Klasse macht mich fertig! Er schüttelt am Set spontan Szenen aus dem Ärmel, in denen er auf kleinstem Raum fünf Einstellungen zugleich filmt - und man hat selbst als Profi keine Ahnung, wo die Kameras versteckt sind. Die Komplexität seiner Filmsprache entspricht jemandem, der ausschließlich und geschliffen mit Sechs-Silben-Wörtern parliert.

SPIEGEL ONLINE: Können sie seinen Einfluss auf Ihre Arbeit am Beispiel von "Star Trek" erläutern?

Abrams: Zunächst einmal säße ich ohne ihn nicht hier. Ich wollte "Star Trek" ursprünglich nur produzieren. Erst als meine Frau und kurz darauf Steven das Drehbuch lasen und mich für geistesgestört erklärten, wenn ich so eine coole Story nicht auch inszenieren würde, ging mir ein Licht auf. Später sah Steven einen Rohschnitt und schickte ein paar Seiten detaillierter Anmerkungen. Mal fand er eine Sequenz zwanzig Sekunden zu lang, dann wieder schlug er Änderungen der Schnittfolge vor. Jede Bemerkung für sich war marginal, doch insgesamt verhalfen seine Ideen dem Film zu einem besseren Rhythmus. Denn natürlich waren seine Argumente bestechend - neben ihm sind wir alle Auszubildende im Filmbetrieb (lacht).

SPIEGEL ONLINE: Als Produzent Ihrer eigenen Filme sind Sie auch mit den ökonomischen Aspekten der Branche bestens vertraut. Was bedeutet die globale Krise für Hollywood?

Abrams: Zurzeit steht alles auf dem Prüfstand. Jeder Etat, jede Gage, jedermanns Status. Diese Vorsicht führt bereits zu einem steilen Anstieg von Kooperationen der großen Studios. Superteure Filme werden nun weitgehend von mehreren Partnern gestemmt. Dann müssen sie zwar ihre Gewinne teilen, verringern aber das Risiko bei Flops. Doch im Vergleich zu anderen Industriezweigen ist das Filmgeschäft ziemlich gesund. Die Zuschauerzahlen in den USA sprechen eine deutliche Sprache: Die Menschen strömen wie in jeder Phase wirtschaftlichen Niedergangs verstärkt ins Kino, wo sie neben Ablenkung auch das Gefühl von Inspiration und Hoffnung suchen.

SPIEGEL ONLINE: Zum Schluss etwas ganz Anderes: Wie hat Ihnen eigentlich die "South Park"-Parodie auf Ihren Film "Cloverfield" gefallen, in der das Monster des Filmes durch einen gigantischen Hamster ersetzt wurde?

Abrams: Von den besten Satirikern im US-Fernsehen wahrgenommen zu werden, ist in Hollywood wie ein moderner Ritterschlag! Ich habe Tränen gelacht, wie clever sie sich über die Wackelkamera in "Cloverfield" lustig gemacht haben. Das Beste daran: Sie haben uns nicht in Grund und Boden gerammt, sondern waren fast liebevoll. Und von den "South Park"-Jungs ein klitzekleines bisschen respektiert zu werden, ist bekanntlich unwahrscheinlicher, als einen Oscar zu gewinnen.

Das Interview führte Roland Huschke

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
DJ Doena 07.05.2009
1. vorhandener Thread
Et jibbet doch schon einen Star Trek-Thread. Warum die Diskussion immer unnötig auseinander reißen? Neuer "Star Trek"-Film: Die beste Pyjamaparty im All (http://forum.spiegel.de/showthread.php?t=7056)
Molde 07.05.2009
2. Titel
"Bei Star Trek lag die Latte niedrig" hat eine vollkommen andere Aussage als "Bei "Star Trek" lag die Latte niedriger als bei James Bond". Willkommen im Boulevard die Damen und Herren SPIEGEL ONLINE. Schade.
laeufergott, 07.05.2009
3. Hat ausgereicht...
Zitat von Molde"Bei Star Trek lag die Latte niedrig" hat eine vollkommen andere Aussage als "Bei "Star Trek" lag die Latte niedriger als bei James Bond". Willkommen im Boulevard die Damen und Herren SPIEGEL ONLINE. Schade.
... dass jemand mehr den Artikel gelesen hat :).
2fel 07.05.2009
4. Abrams Lehrstunde über alte Star-Trek-Filme
Mich wundert ein wenig, wie überzeugt J.J. Abrams von sich selbst klingt. Hat er nicht bisher lediglich Filme wie Cloverfield und Joyride gedreht? Mich wundert auch, dass er von Inhalt und Charakterentwicklung spricht als eines seiner schöpferischen Qualitäten. Beides lässt in seinen Filmen zu wünschen übrig. Vermutlich hat Abrams eine etwas schlichtere Definition von "Inhalt". Im übrigen finde ich, dass es mit "Das unentdeckte Land" mindestens einen Star Trek - Film gab, der, als in den Weltraum verlegter Polit-Thriller und mit seinem realen Bezug zum Ende des kalten Krieges, wirklich Inhalt hatte.
Celegorm 07.05.2009
5. ...
Zitat von 2felMich wundert ein wenig, wie überzeugt J.J. Abrams von sich selbst klingt. Hat er nicht bisher lediglich Filme wie Cloverfield und Joyride gedreht? Mich wundert auch, dass er von Inhalt und Charakterentwicklung spricht als eines seiner schöpferischen Qualitäten. Beides lässt in seinen Filmen zu wünschen übrig. Vermutlich hat Abrams eine etwas schlichtere Definition von "Inhalt". Im übrigen finde ich, dass es mit "Das unentdeckte Land" mindestens einen Star Trek - Film gab, der, als in den Weltraum verlegter Polit-Thriller und mit seinem realen Bezug zum Ende des kalten Krieges, wirklich Inhalt hatte.
So what? Ohne ein gesundes Selbstvertrauen kommt man in dem Geschäft in der Regel ja nicht weit, gerade im Regie-Bereich. Und zumindest grosskotzig wirkt das Ganze ja nicht. Gerade der Kommentar zu South Park macht ihn für mich jedenfalls sympathisch, andere Hollywood-"Grössen" fuchteln bei sowas ja oft eher mit Klagedrohungen herum..
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