Andreas Dresen und Clemens Meyer "Haben Sie schon mal ein Auto zerlegt?"

Der wichtigste Regisseur aus dem Osten verfilmt den Bestseller des wichtigsten Schriftstellers aus dem Osten: Andreas Dresen und Clemens Meyer im Interview über den Film "Als wir träumten" und die Unverschämtheiten der Jugend.

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Dresen, Herr Meyer, wer hat an wen als erstes gedacht, als es um die Verfilmung von "Als wir träumten" ging?

Andreas Dresen: Das war wahrscheinlich ich. Ich habe das Buch, schon kurz nachdem es 2006 erschienen war, gelesen und gedacht: Das will ich machen. Aber dann waren die Rechte weg, und wir mussten lange warten, bis sie wieder frei wurden.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie am Stoff interessiert?

Dresen: Es zieht einen ja immer das an, was man selber nicht hat. In diesem Fall war es das Böse, das Dunkle und das Anarchische des Buchs. Zudem spiegelt das Buch die Zeit von damals, ohne von ideologischen Verstrickungen und Stasi zu erzählen.

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"Als wir träumten": Techno-Rausch statt Katerstimmung
SPIEGEL ONLINE: Herr Meyer, "angezogen sein von dem, was man selber nicht hat" - gilt das auch umgekehrt? Bringt Andreas Dresen etwas mit, das Sie selbst nicht haben?

Clemens Meyer: Ja, absolut. Das ist auch das, was mich an Adaptionen meiner Stoffe interessiert: Ich will, dass eine eigene Ästhetik entsteht. Ich dachte, dass der Film nur funktioniert, wenn man ganz dicht an den Jungsfiguren dran ist, Teil ihrer Gruppe wird und trotzdem das Geschehen auch aus der Ferne betrachtet. Außerdem war mir wichtig, dass kein moralischer Zeigefinger reinkommt. Das Zügellose, der Spaß und die Tragik gehören unbedingt dazu. Bei Andreas war ich mir sicher, dass er diese Mischung hinkriegt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Dresen, Sie haben öfter darüber gesprochen, dass Sie die Postwendezeit als große Enttäuschung empfanden. Wie haben Sie sich die Figuren der hoffnungsvollen Teenager erschlossen?

Dresen: Das war nicht schwer: Die Frustration von erster enttäuschter Liebe, das Austesten von Grenzen beim nächtlichen Rumziehen - das kenne ich natürlich auch. Außerdem mochte ich sehr, wie die Jungs füreinander einstehen, etwa wenn Paul Liebeskummer hat oder sie dazwischen gehen, wenn sich das Trinkerpärchen schlägt - das sind für mich sehr schöne Momente von Solidarität.

SPIEGEL ONLINE: Gegenüber der Coming-of-Age-Geschichte betonen Sie mit Rückblenden in die Kindheit der Jungen, als die DDR noch existierte, den zeitgeschichtlichen Rahmen der Geschichten.

Dresen: Für mich war wichtig, aus was für einer Welt diese Jungs kommen. Ich wollte durchaus eine allgemeingültige Geschichte vom Erwachsenwerden erzählen, nur ist sie eben durch die spezifische historische Situation drastisch zugespitzt. Die Jungen bewegen sich in einer Art Vakuum, die Gesellschaft ist nach der Wende noch nicht konsolidiert. Die Möglichkeiten der Jugend und der Zeit, diese doppelte Anarchie, mochte ich sehr. Die Attitüde der Jungen aus dem Film würde ich mir übrigens auch für heute wünschen: Geht los, greift diese Gesellschaft an, stellt eure Fragen an die Welt, denn ihr müsst ja später darin leben.

Meyer: Genau, schaltet Facebook aus und geht raus!

Dresen: Nicht ohne Grund steht der Titel bei uns am Ende des Films und ist im Präteritum: Als wir träumten. Irgendwann ist die Zeit des Träumens vorbei, dann ist man erwachsen und legt eine andere Gangart ein, weil man für andere Verantwortung übernimmt. Das Privileg der Jugend ist, unverschämt zu sein und keine Grenzen zu kennen.

SPIEGEL ONLINE: Das Spiel mit den Genre-Elementen und dem Universellen des Coming-of-Age sehe ich stärker in Ihrem Buch verankert, Herr Meyer. Ist Genre-Begeisterung nicht das, was Sie beide trennt?

Meyer: Auf Genre möchte ich nicht reduziert werden. Für mich sind deutsche Romane, zum Beispiel von Wolfgang Hilbig oder Hubert Fichte, mittlerweile genauso wichtig wie Bücher von Norman Mailer oder Ernest Hemingway. Natürlich gibt es im Buch Kapitel, die aufgebaut sind wie ein kleiner Film Noir, etwa wenn Dani aus dem Gefängnis zurückkommt und sich eine Prostituierte aussucht, die seiner großen Liebe ähnlich sieht. Beim Schreiben hatte ich die frühen Scorsese-Filme im Gedächtnis, aber auch den italienischen Neo-Realismus wie "Rocco und seine Brüder".

SPIEGEL ONLINE: Sind das auch wichtige Referenzpunkte für Sie, Herr Dresen?

Dresen: Ja, lustigerweise mögen wir dieselben Filme. Vor dem Dreh habe ich mir auch "Mean Streets" von Scorsese noch mal angeguckt. Wie dort die Bandenmentalität dargestellt wird, aber auch das Verlorene seiner Helden und dazu die rohe Ästhetik, finde ich toll. Bei "Als wir träumten" habe ich zum ersten Mal mehr mit dem Medium Film gespielt, nicht ohne Grund beginnen wir in einem Kino. Ich fühlte mich als Regisseur auch noch nie so gefordert - ich habe zum ersten Mal eine große Boxsequenz gedreht, Verfolgungsjagden, Prügeleien, wilde Autofahrten.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben sich die jungen Darsteller, die alle Anfang 20 sind, der Geschichte genähert?

Dresen: Von Ost- und Westsozialisation kann man ja kaum mehr sprechen, die Jungs sind im vereinigten Deutschland aufgewachsen, Joel Basman zudem in der Schweiz. Die haben sich eigenständig herausgegriffen, was als Gestus im Material angelegt war, und zusätzlich selbst recherchiert. Dadurch sind Sachen hineingekommen, die ich sehr lustig finde, die aber gar nicht im Drehbuch standen - zum Beispiel wenn sie das DDR-Kinderlied "Der Volkspolizist, der es gut mit uns meint" anstimmen. Das haben die sich auf YouTube angeschaut und im Film spontan gesungen.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Romanadaption und das für Sie typische Improvisationsspiel zusammen?

Dresen: Ich habe schon darauf geachtet, dass die schönen Dialoge des Romans und des Drehbuchs nicht komplett zerlegt werden. Aber die Darsteller sollten auch mit ihrer heutigen Sprache reingehen können. Da muss ich als Regisseur auch lange Leine geben und sagen: Legt los, Leute! Bambule! Genau das haben sie auch gemacht. Die Jungs konnten zum Teil nicht mehr sprechen, weil sie so heiser waren. In manchen Szenen wurde auch echter Alkohol getrunken, es gab Verletzungen, zum Glück nur ganz kleine. Manchmal reicht es eben nicht, nur zu tun als ob.

SPIEGEL ONLINE: Gilt das auch für Sie als Regisseur?

Dresen: Sicher. Ich habe mich zum Glück nicht verletzt, aber ich musste immer abschätzen, bis zu welchem Punkt ich das laufen lassen kann, ohne dass wirklich was passiert. Andererseits muss man ab und zu auch mutig vorangehen. Wenn sich die Jungs anarchisch verhalten, müssen wir das als Filmteam zumindest teilweise auch tun. Haben Sie schon mal ein Auto zerlegt?

SPIEGEL ONLINE: Nein.

Dresen: Ich habe die Jungs echt beneidet, weil die das vor der Kamera machen durften. Ich hätte nie gedacht, wie kompliziert das ist und wie viel Gewalt dafür nötig ist. Solche Szenen kann man nur schwer vorbereiten und steuern. Was man davon im Film sieht, ist also größtenteils echt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Meyer, hätte ein Regisseur, der nicht in der DDR geboren ist, Ihren Roman verfilmen können?

Meyer: Vielleicht hätte das auch ein Amerikaner gekonnt - oder Nicolas Winding Refn, dessen "Pusher"-Filme ich schätze. Aber mit einer Ostbiografie hast du ein Grundverständnis für die Situation, in der sich die Jungs befinden, und bedienst nicht aus Unwissen gewisse DDR-Klischees. Mir gefällt am Film sehr, dass die Szenen, die in der DDR spielen, eine ganz eigene Visualität haben. Die Schule sieht so räudig aus, hat schon etwas Post-Apokalyptisches - das ist die DDR, aber eigenständig interpretiert. Wenn jede Türklinke original ist, heißt es ja noch nicht, dass man die DDR richtig eingefangen hat. Bei manchen Ostfilmen war ständig eine frisch gewienerte Schwalbe, also ein Motorrad zu sehen, oder eine Thälmann-Büste, damit klar wurde, dass hier DDR inszeniert wird. Das vermeidet Andreas' Film zum Glück.

SPIEGEL ONLINE: Herr Dresen, Sie haben gesagt, dass Sie das Unideologische an "Als wir träumten" interessiert habe. Gibt es eine neue Offenheit, die DDR anders zu erzählen?

Dresen: Das kann ich pauschal nicht beantworten. Ich weiß nur, dass ich es aufregend fand, einen positiven Rückblick auf die Postwendezeit zu wagen und sie als Zeit der Möglichkeiten zu zeigen. Diese Kraft war auch bei den Dreharbeiten spürbar. Als wir den Techno-Klub, den die Jungs betreiben, nachgebaut haben, die Bässe losgingen, der Dampf reinwaberte, die Lichter angingen - das war eine unglaubliche Energie, die auch viel mit der Musik zu tun hatte. Letztlich haben wir auch einen Technofilm gedreht. Ich war damals eher der Gitarrentyp. Nach den Dreharbeiten kann ich auch Techno was abgewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Dresen, Sie haben gesagt, Sie würden sich wünschen, dass junge Menschen ähnlich anspruchsvoll und unverschämt handeln wie die Jungs aus Ihrem Film. Kann man denn die Zeit von heute mit damals vergleichen?

Dresen: Die Räume sind heutzutage scheinbar enger, damals bot das Unfertige der Gesellschaft mehr Möglichkeiten. Trotzdem brennt die Welt doch an allen Ecken und Enden. Wenn ich die Nachrichten einschalte, kriege ich Angst. Da fände ich es nur richtig, wenn junge Leute ihre Ansprüche formulierten. Und viele tun das zum Glück ja auch. Schließlich ist dies weiß Gott nicht die beste aller Welten.

Meyer: Ich bin Fatalist, ich schaue mir die Dinge nur an, schließlich bin ich Schriftsteller. Natürlich könnte ich agitieren, aber dann eher im Stile von Jonathan Meese. Ich würde am liebsten eine Kneipida gründen - eine Initiative zur Rettung der abendländischen Kultur der Eckkneipe. Mit Bierfässern auf Bollerwagen würde ich durch die Stadt ziehen und auf den Verlust von Eckkneipen aufmerksam machen. Nein, im Ernst: Als Schriftsteller und Filmemacher bringen wir uns doch eh in Diskussionen ein, das halte ich für eine angemessene Form des Engagements.

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