Regisseur Ang Lee "Wenn du Erfolg hast, missbrauche ihn!"

Filmemacher am Rande des Nervenzusammenbruchs: Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht Regisseur Ang Lee ("Brokeback Mountain") über die Enttäuschung in der Oscar-Nacht von 2006 und berichtet vom schwierigen Dreh der Sex-Szenen in seinem neuen Film "Gefahr, Begierde".


SPIEGEL ONLINE: Herr Lee, vor diesem Interview haben Sie sich ganz freundschaftlich mit ihrem Regie-Kollegen Paul Haggis unterhalten. Dabei hat der Ihnen doch letztes Jahr mit seinem Film "Crash" den Oscar für den besten Film weggeschnappt...

Regisseur Lee: "Wenn Sie wissen wollen, was mich im Innersten bewegt, dann gehen Sie einfach ins Kino."
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Regisseur Lee: "Wenn Sie wissen wollen, was mich im Innersten bewegt, dann gehen Sie einfach ins Kino."

Lee: Ja, das hat damals sehr viele Leute überrascht. Ich persönlich war nicht ganz so überzeugt, dass wir mit "Brokeback Mountain" gewinnen würden. Damals waren schon unzählige Witze über schwule Cowboys im Umlauf. Wie viele davon konnten die Leute noch hören? Aber bis dahin hatten wir alles abgeräumt. Und nachdem ich den Oscar für die beste Regie gewonnen hatte, sagte man mir, ich solle noch keine Interviews geben.

SPIEGEL ONLINE: Weil alle davon ausgingen, dass Sie den Hauptpreis auch noch bekommen würden.

Lee: Genau, also stellte ich mich neben dem Vorhang, um auf die Auszeichnung für den besten Film warten, so dass man meine Reaktion zeigen konnte. So stand ich da, die Kameras auf mich gerichtet, während Jack Nicholson den Umschlag öffnete. Ich höre noch genau seine Stimme. "Oh-Ho-hoho... 'Crash'." Das war schon ein sehr unangenehmer Moment. Vor allem für das Team.

SPIEGEL ONLINE: Hat Ihnen denn wenigstens Ihr eigener Oscar etwas gebracht?

Lee: Natürlich, er hat mir alle Türen in China geöffnet, damit ich "Gefahr, Begierde" drehen konnte. Schon früher bekam ich dort viel Unterstützung, aber durch den Oscar erreichte das ein neues Ausmaß. Die Chinesen waren sehr begeistert, dass einer aus ihrer Gemeinde den Preis bekam. Und so hatte ich die Chance, so eine gewagte Geschichte zu verfilmen. Wenn du Erfolg hast, dann solltest du ihn missbrauchen.

SPIEGEL ONLINE: Gewagt an dem Film sind vor allem die expliziten Sexszenen.

Lee: Das würde ich gar nicht mal so sagen. Schon allein der Ausgangspunkt war problematisch. Das Thema der japanischen Okkupation Schanghais wird in der chinesischen Geschichtsschreibung gerne ausgeklammert. Man betrachtet es als peinlich. Und dieser Film sagt: 'Hinterfragt euren Patriotismus.' Das ist noch gewagter, als schwule Cowboys zu zeigen. Die erotischen Szenen waren eher beim Drehen schwierig.

SPIEGEL ONLINE: Warum denn das?

Lee: Die einzelnen Stellungen hatte ich vorher schon konzipiert. Vorher scherzte ich: 'Ich kann hier endlich etwas machen, wozu ich im realen Leben nicht imstande bin.' Aber der Punkt war, dass diese Szenen und Positionen eine dramaturgische Funktion haben mussten. Ich wollte ja keinen Porno machen, die machen mir keinen Spaß. Es ging mir darum, die innersten Gefühle bloßzulegen.

SPIEGEL ONLINE: Und Ihre Schauspieler ließen sich ohne weiteres darauf ein?

Lee: Ich habe versucht, einen möglichst intimen Rahmen zu schaffen. Das Team bei den Aufnahmen war sehr klein; um Frisuren und Make-up kümmerte ich mich selbst. Tony Leung ist ein erfahrener Schauspieler, der hat mit den technischen Aspekten keine Probleme. Meine Hauptdarstellerin Tang Wei dagegen hatte noch nie zuvor einen Film gedreht. Sie hat das Ganze, glaube ich, als Normalität erlebt. Am schwierigsten war es eigentlich für mich. Ich zerriss mich förmlich, ich stellte Fragen, um bei allen die Schutzschichten abzutragen und zur Wahrhaftigkeit durchzudringen. Das war äußerst schmerzhaft. Ich habe uns alle in die Hölle geführt und wieder zurück.

SPIEGEL ONLINE: Macht Ihnen Ihr Job noch Spaß?

Lee: Wie der Amerikaner sagt: 'No pain, no gain'. – kein Gewinn ohne Schmerz. Solange es bequem ist, kommst du nicht ans Optimum. Mein Job ist es, alles aus mir und meinen Schauspielern herauszuholen, bis an die Grenze des Wahnsinns, aber nicht darüber hinaus.

SPIEGEL ONLINE: Gab es Filme, bei denen Ihnen dieser Balance-Akt nicht geglückt ist?

Lee: Mein größtes Tief erlebte ich nach "The Hulk". Wobei mir die Produktion selbst Spaß machte: Ich konnte mich austoben, keiner hinderte mich daran, das Genre der Comic-Verfilmungen gegen den Strich zu bürsten. Jede Einstellung konzipierte ich wie ein Kunstwerk, jedes Bild hatte eine psychologische Bedeutung. Aber die Vermarktung des Films war ein Alptraum. Denn heutzutage brauchen die Studios unbedingt tolle Zahlen am ersten Startwochenende. Und dieser Prozess hat mich völlig ausgelaugt. Als die Zuschauer dann auch noch ausblieben, fiel ich in eine Depression. Ich wusste nicht mehr, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Ich überlegte mir schon, meinen Job an den Nagel zu hängen.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind Sie dann doch auf den Regiestuhl zurückgekehrt?

Lee: Zunächst musste ich an meine Kinder denken. Was hätte ich denen für ein Beispiel abgegeben, wenn ich mit 49 alles hingeschmissen hätte? Außerdem merkte ich, dass ich einfach nicht aufhören kann, Filme zu machen. Sie sind das Vehikel, mit dem ich die Welt erlebe – Schuld, Gefahr, Kindlichkeit, Lust. Zum Beispiel habe ich nie erfahren, was Romanze und Liebe ist. Und um das zu fühlen, drehe ich Filme. Wenn Sie wissen wollen, was mich im Innersten bewegt, dann gehen Sie einfach ins Kino.

Das Interview führte Rüdiger Sturm



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