Regisseur Cédric Klapisch Wo liegen Herz, Hirn und Hintern von Paris?

"Paris soll wirken wie ein Körper, der isst und verdaut, der wächst und zerfällt", sagt Cédric Klapisch über seinen Kinofilm "So ist Paris". Dem französischen Regisseur gelang ein aufregender filmischer Querschnitt durch die französische Metropole.

Von Lars-Olav Beier


Cédric Klapisch blickt ungläubig um sich und wirkt für einen Moment sehr verwirrt. Der Regisseur steht im Hof des Palais Royal und betrachtet die Menschen auf den Terrassen vor den Restaurants beim Mittagessen, als hätten sie hier nichts verloren. "Damit habe ich nicht gerechnet", sagt er und fährt sich ratlos über den Kopf. Womit? "Dass es hier so voll ist." Dabei ist es für einen strahlenden Hochsommertag eher leer. Es gibt sogar noch freie Tische.

Szene aus "So ist Paris": Pierre (Romain Duris) und Élise (Juliette Binoche) blicken über die Stadt
Prokino

Szene aus "So ist Paris": Pierre (Romain Duris) und Élise (Juliette Binoche) blicken über die Stadt

Klapisch, 44, hat sich in der Zeit vertan. Als er hier eine Szene für seinen neuen Film "So ist Paris" drehte, war es November, die Terrassen waren schon geschlossen, und nur wenige Touristen verloren sich in dem überwältigend schönen Innenhof des Stadtpalastes aus dem 17. Jahrhundert, der etwa 150 Meter nördlich des Louvre liegt. Nun betrachtet Klapisch den Trubel im Palais Royal, als würde sein Schauplatz entweiht, und setzt sich. Mitten hinein in die Wirklichkeit.

An einen Nebentisch plazierte Klapisch bei den Dreharbeiten einen seiner Darsteller und ließ ihn über die Pariser Historie philosophieren. Der Geschichtsprofessor Roland (Fabrice Luchini) ist eine von gut zehn Figuren, denen Klapisch in seinem Film durch die Stadt folgt. "So ist Paris" ist ein Querschnittsfilm, der die Stadt horizontal und vertikal durchmisst - geografisch wie soziologisch.

Der Film spielt auf dem Eiffelturm und in den Katakomben, im Penthouse und auf dem Sozialamt, auf Märkten und Modenschauen. Er erzählt von einem Tänzer (Romain Duris), der todkrank ist und von seiner Schwester (Juliette Binoche) umsorgt wird, und nimmt den Zuschauer mit ins Leben, Lieben und Leiden einer Studentin, eines Architekten, eines Models, eines Fischhändlers oder eines Müllmanns.

"Paris soll in diesem Film wirken wie ein Körper, der isst und verdaut, der wächst und zerfällt. Ich will seine verschiedenen Organe zeigen", sagt Klapisch, sticht mit der Gabel in seinen Salat und fährt fort: "Sehen Sie, der Großmarkt von Rungis, wo die Lebensmittel ankommen, ist der Mund von Paris. Deshalb ist er ein Hauptschauplatz unseres Films."

Und wo liegt das Hirn von Paris? "Na, in der Sorbonne - oder?" Ein wenig Zweifel scheint er zu haben an den Professoren und Studenten der berühmten Universität. "Das Herz jedenfalls schlägt irgendwo hier", ist Klapisch überzeugt, hält inne und lauscht in die Kakophonie der Gespräche an den Nebentischen hinein wie ein Arzt, der seinem Patienten den Puls abhören will. Dann grinst er: "Aber ich verrate Ihnen nicht, wo der Arsch von Paris ist!"

Eine Utopie, zu schön, um wahr zu sein?

Klapisch selbst wirkt hier im vornehmen Palais ein wenig wie ein Fremdkörper. Er trägt eine verschlissene Jeansjacke und einen Drei- bis Fünftagebart. "Ich glaube, dass die Menschen in Paris ein starkes Bedürfnis haben, sich über alle Klassenschranken hinwegzusetzen und das Leben der Anderen kennen zu lernen", sagt er. "Das gilt für die Armen wie für die Reichen."

So lässt Klapisch in seinem Film ein paar reiche, junge Frauen, die von einer Modenschau kommen, in Rungis anhalten und mit den Lebensmittelhändlern flirten. Ausgelassen fahren sie schließlich zusammen auf Gabelstaplern über das Gelände - eine Utopie, zu schön, um wahr zu sein? Nein, diese Geschichte sei wirklich passiert, beteuert Klapisch. Doch Begegnungen wie diese würden leider immer seltener.

"Früher wohnten Arme und Reiche in Paris oft unter einem Dach", erzählt er. "Wer Geld hatte, quartierte seine Bediensteten im Dachgeschoss ein und wohnte selbst in den unteren Etagen. Heute wohnen die wohlhabenden Pariser im Zentrum, die anderen in den Banlieus. Diese räumliche Trennung der Schichten verändert die Filme: Die Figuren müssen nun weite Wege zurücklegen, um sich zu treffen." Das bedeutet: Der Regisseur muss mehr von der Stadt zeigen.

So ist Klapischs Film immer in Bewegung, folgt den Figuren, bis ihre Wege sich kreuzen. Der leidenschaftliche Motorrollerfahrer Klapisch setzt die Stadt ins Bild, als durchquere er sie auf seinem Gefährt, mit wachsamen Augen, ständig den Blick wendend. Genauso, wie er sich seinen Weg durch Paris bahne, erzähle er auch Geschichten, sagt er. "Ich kenne mein Ziel genau. Aber ich weiß nie, auf welchem Wege ich hingelange. Manchmal muss ich eine Abkürzung nehmen, manchmal einen Umweg. Ob man filmt oder fährt - Paris bestimmt die Strecke, die man nehmen muss."

Das Erhabene und das Banale

Während sich die Tische im Palais nun rasch leeren und die Menschen zurückeilen in ihre Büros, blickt Klapisch zu den Kolonnaden am Südende des Innenhofs. Dort war es, wo Audrey Hepburn 1963 in dem Thriller "Charade" entscheiden musste, wem sie mehr vertraut: Walter Matthau oder Cary Grant. Hier wurde Roy Scheider 1976 als Geheimagent in "Der Marathon-Mann" mitten in der Nacht von Panik gepackt, hier stand Valérie Kaprisky 1983 als Schauspielerin in "Die öffentliche Frau" bei einer Verfilmung von Dostojewskis "Dämonen" vor der Kamera.

"Wie heißt das Wort auf Deutsch?" fragt Klapisch. "Entjungfern." Nein, entjungfern kann man dieses Palais als Filmschauplatz schon lange nicht mehr. Aber man kann es mit anderen Augen sehen, neu entdecken. Klapisch lernte dies, indem er seine letzten Filme in Barcelona und St. Petersburg drehte. Erst danach hatte er den Mut, an einem derart touristischen Ort zu drehen.

"Viele Regisseure suchen ständig touristische Schauplätze auf, als müssten sie dem Klischee-Bild von Paris Tribut zollen", erzählt er. "Aus Trotz habe ich bei meinen früheren Filmen deshalb oft gezielt nach besonders hässlichen Ecken und Straßenzügen gesucht. Inzwischen glaube ich aber, dass man dieser Stadt nicht gerecht wird, wenn man die Wahrzeichen weglässt. Denn die Besonderheit von Paris besteht gerade darin, dass das Erhabene direkt neben dem Banalen liegt."



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