Regisseur François Ozon über "8 Frauen" "Puppen waren mir immer lieber als Autos"

Für sein Krimi-Melodram "8 Frauen" versammelte François Ozon einige der größten Diven des französischen Kinos wie Cathérine Deneuve oder Isabelle Huppert vor der Kamera. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erzählt er, warum die Erfahrung Genuss und Alptraum zugleich war.


Regisseur Ozon: "Ich habe keine politische Vision zur Rolle der Frau"
Constantin Film

Regisseur Ozon: "Ich habe keine politische Vision zur Rolle der Frau"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Ozon, hätten Sie sich auch vorstellen können, einen Film über acht Männer zu drehen?

François Ozon: Ganz bestimmt nicht. Als Mann interessiert mich das andere Geschlecht viel stärker; mit ihm kann ich von mir selbst erzählen. Außerdem haben wir so viele Filme gesehen, in denen praktisch nur Männer auftauchen. Ich wollte doch keinen Western machen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, Sie können die Frauen verstehen?

Ozon: Ja, weil ich eben keine Frau bin. Aus der Distanz heraus habe ich einen viel klareren Blick. Außerdem bin ich mit Frauen aufgewachsen. Ich hatte zwei Schwestern und habe mich in der Gesellschaft von Mädchen viel wohler gefühlt. Puppen waren mir immer lieber als Autos.

SPIEGEL ONLINE: Feministisch bewegt sind Sie aber nicht?

Ozon: Ich habe keine politische Vision zur Rolle der Frau. Es ist ein Fakt, dass Frauen in der Gesellschaft und in der Familie eine immer wichtigere Rolle spielen. In Frankreich gibt es ein Sprichwort: Die Frau ist die Zukunft des Mannes. Mein Film ist nur eine Illustration dazu.

SPIEGEL ONLINE: Geben Frauen interessantere Filmfiguren ab?

Ozon-Film "8 Frauen", Darstellerin Ledoyen: "Wenn Frauen gewalttätig werden, sind sie sehr subtil"
Constantin Film

Ozon-Film "8 Frauen", Darstellerin Ledoyen: "Wenn Frauen gewalttätig werden, sind sie sehr subtil"

Ozon: Das denke ich schon. Wenn Frauen gewalttätig werden wie in meinem Film, sind sie sehr subtil. Männer prügeln sich oder schießen herum, Frauen benutzen dafür Worte. Und diese Art von Gewalt geht viel tiefer.

SPIEGEL ONLINE: So gesehen hätten Sie sich vor Ihren acht Stars richtig fürchten müssen.

Ozon: Man hat mich vorher auch gewarnt. Aber insgesamt verlief alles sehr harmonisch. Nur am Anfang gab es ein wenig Spannung. Meine Schauspielerinnen waren sich über die Art des Films nicht ganz im klaren. Deshalb musste ich ihnen zeigen, dass ich der Chef war und worauf ich hinauswollte. Danach haben sie mir vertraut.

SPIEGEL ONLINE: Was sorgte denn für Unruhe?

Ozon: Das waren vor allem die Gesangs- und Tanznummern. Meine Schauspielerinnen waren so etwas einfach nicht gewöhnt. Aber ich wollte diese Szenen unbedingt drin haben. Denn hier konnten die einzelnen Frauen nicht ihr Image kontrollieren. Weil sie keine Gesangsprofis sind, wirken sie ganz ehrlich und bewegend. Eine Schauspielerin muss eben nicht kontrollieren und verstehen, was sie tut, sie braucht nur ihrem Regisseur zu folgen.

Frauen-Ensemble in "8 Frauen": "Ein richtiges Martyrium"
Constantin Film

Frauen-Ensemble in "8 Frauen": "Ein richtiges Martyrium"

SPIEGEL ONLINE: Der Regisseur als großer Führer?

Ozon: Ich sehe mich eher als Wissenschaftler. Aber anstatt Tiere in einen Karton zu stecken und zu beobachten, was passiert, nehme ich Schauspieler. Deshalb drehe ich auch am liebsten in begrenzten Räumlichkeiten. Bei diesem Film habe ich acht Stars in ein Haus versetzt und beobachtet, wie sie reagieren.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie dabei herausgefunden?

Ozon: Jede dieser Schauspielerinnen kann sehr scheu und zerbrechlich sein. Denn im Innersten sind sie alle unsicher.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben sie bei Ihrem Projekt überhaupt mitgemacht?

Ozon: In meinem letzten Film "Unter dem Sand" hatte Charlotte Rampling eine ganz wunderbare Leistung gezeigt. Sie bekam daraufhin eine tolle Presse, und der Film war in Frankreich ein großer Erfolg. Danach wollten alle französischen Schauspielerinnen mit mir drehen.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie noch mal einen Film mit einer solchen Starbesetzung machen?

Ozon: Wenn ich die richtige Geschichte habe, ja. Aber nicht so schnell. Teilweise war "8 Frauen" auch ein richtiges Martyrium.

SPIEGEL ONLINE: Warum das denn?

Ozon: Ich brauche eine gewisse Nähe zu meinen Schauspielern. Jemand wie Cathérine Deneuve muss mit ihrem Regisseur sehr eng zusammenarbeiten. Aber bei "8 Frauen" war das unmöglich, denn ich konnte ja keiner mehr Aufmerksamkeit schenken als den anderen. Alles ging ganz demokratisch zu. Und weil jede der Darstellerinnen ihren eigenen Arbeitsstil hat, musste ich mich in acht verschiedene Personen aufteilen. Demnächst drehe ich einen Film mit zwei Schauspielerinnen. Nach dem Alptraum von "8 Frauen" wird das ein richtiger Urlaub sein.

Das Interview führten Rüdiger und Julia Sturm



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.