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Regisseur Mathieu Kassovitz: "Hollywood überrascht niemanden mehr"

Der französische Regisseur und Schauspieler Mathieu Kassovitz, 36, sprach mit SPIEGEL ONLINE über den Sinn und Nutzen seiner Hollywood-Auftragsarbeit "Gothika", seine Karriere als Lancôme-Model und seltsame Filme aus Frankreich.

"Gothika"-Regisseur Kassovitz: "Ein paar Türen in der Branche öffnen"
AP

"Gothika"-Regisseur Kassovitz: "Ein paar Türen in der Branche öffnen"

SPIEGEL ONLINE:

Monsieur Kassovitz, in den letzten Jahren hatten Sie Ihre Regiekarriere ein wenig vernachlässigt. Sie waren eher als Schauspieler zu erleben, ob in "Amélie" oder "Der Stellvertreter". Hatten Sie genug von der Filmemacherei?

Mathieu Kassovitz: Jetzt habe ich von der Schauspielerei genug. Ich bin da eher hineingestolpert, weil ich in meinen ersten Filmen selbst mitgemacht habe. Aber ich bekomme nicht den gleichen Adrenalinkick wie vom Regieführen.

SPIEGEL ONLINE: Kriegen Sie den auch von Auftragsarbeiten für Hollywood wie dem Horror-Thriller "Gothika"?

Kassovitz: Mit "Gothika" wollte ich mir ein paar Türen in der Branche öffnen und in das System eindringen. Nur so kann ich es von innen ficken.

SPIEGEL ONLINE: Wie darf man sich das vorstellen?

Kassovitz-Film "Gothika" (mit Halle Berry): "Ich musste mir nicht den Kopf wegen des Drehbuchs zerbrechen"
Columbia TriStar

Kassovitz-Film "Gothika" (mit Halle Berry): "Ich musste mir nicht den Kopf wegen des Drehbuchs zerbrechen"

Kassovitz: Ich bereite seit Jahren einen Science-Fiction-Film namens "Babylon Babies" vor. Mit dem Erfolg von "Gothika" im Rücken werde ich jetzt auf die Geldgeber von Hollywood zugehen. Und wenn alles klappt, dann werden sie mich unterstützen.

SPIEGEL ONLINE: Bestand nicht die Gefahr, dass Sie bei Ihrem ersten Hollywood-Film von Ihren Auftraggebern übervorteilt werden?

Kassovitz: Das habe ich nicht so dramatisch gesehen. Filme wie "Gothika" können streng genommen auch ohne Regisseur gemacht werden. Ich musste mir nicht den Kopf wegen des Drehbuchs zerbrechen, denn das war vorgegeben. Die beiden Hauptdarstellerinnen Halle Berry und Penelope Cruz standen schon fest. Ich habe einfach meine Ideen beigesteuert. Wenn dieser Film Stress bedeutete, dann für meine Auftraggeber. Denn sie mussten sich um das Skript kümmern, das zu Drehbeginn noch nicht fertig war, und dafür sorgen, dass wir im Budget blieben.

Kassovitz-Erfolg "Die purpurnen Flüsse" (mit Jean Reno, Vincent Cassel): "Er brachte mich nach Hollywood"
Tobis

Kassovitz-Erfolg "Die purpurnen Flüsse" (mit Jean Reno, Vincent Cassel): "Er brachte mich nach Hollywood"

SPIEGEL ONLINE: "Gothika"-Produzent Joel Silver ist ja für sein überbordendes Ego bekannt. Hat Sie das nicht gestört?

Kassovitz: Seine Persönlichkeit war mir gleichgültig. Ich lebe und arbeite normalerweise in einem anderen Land als er, da konnte er mir nicht viel Angst einflößen. Aber er hatte einige Filme produziert, die ich sehr mochte, wie "Stirb langsam" oder "Predator". Deshalb hatte ich nichts dagegen, mit ihm zu arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Wie war er überhaupt auf Sie gekommen?

Kassovitz: Er hatte die "Purpurnen Flüsse" gesehen und war beeindruckt, dass man für 14 Millionen Dollar so einen Film hinbekommen konnte. "Purpurne Flüsse" gehörte nicht zu der Art von Filmen, wie ich sie eigentlich mag. Aber er erfüllte genau seinen Zweck: Er brachte mich nach Hollywood.

SPIEGEL ONLINE: Aber dort wollen Sie nicht bleiben?

Kassovitz: Ich will in keinem Land eingesperrt sein. Mein Ziel ist es, Geld auf der ganzen Welt zu bekommen. So vermag ich Filme zu machen, die in Amerika doppelt so viel kosten würden. Als Europäer kann ich gleichzeitig etwas Originelleres schaffen. Hollywood-Produktionen überraschen doch niemanden mehr.

SPIEGEL ONLINE: Hat das französische Kino aus Ihrer Sicht Originelles zu bieten?

Schauspieler Kassovitz (in "Die fabelhafte Welt der Amélie"): "Das französische Kino ist sehr seltsam"
PROKINO

Schauspieler Kassovitz (in "Die fabelhafte Welt der Amélie"): "Das französische Kino ist sehr seltsam"

Kassovitz: Das französische Kino ist sehr seltsam. Einerseits versuchen wir Hollywood-Filme teilweise zu kopieren, andererseits möchten wir etwas Künstlerisches schaffen. Schließlich wollen wir unsere hohe Kultur gegen die Invasoren verteidigen. Auf diese Weise entstehen so merkwürdige Filme wie der mystische Western "Blueberry" (von Jan Kounen. d. Red.). Niemand in Amerika würde Geld in etwas Derartiges investieren, noch dazu mit einem Regisseur, der als verrückt gilt. Aber so etwas kann nur funktionieren, solange die Filme gut sind. Nach dem Misserfolg von "Blueberry" wird es künftig schwieriger sein, derartige Projekte auf die Beine zu stellen.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie nicht weiter als Lancôme-Model arbeiten? Auf diese Weise könnten Sie doch auch Ihre Filme finanzieren.

Kassovitz: Das war eine einmalige Geschichte, die jetzt ausgelaufen ist. Damals konnte ich das Geld dringend gebrauchen. Ich war mit meiner Frau zusammengezogen, die zwei Kinder mit in die Ehe brachte. Und dann war auch noch unsere Tochter unterwegs. Wir mussten dringend ein Haus kaufen. In der Situation machte mir Lancôme ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte.

SPIEGEL ONLINE: Auf Ihrer Website zeigen Sie ein Foto mit Ihrem Konterfei und fordern Ihre Neider dazu auf, Ihnen "die Fresse zu polieren".

Kassovitz: So können sich die Leute abreagieren, die meine Filme nicht mögen. Aber wir bauen gerade meine Website um, vielleicht ändern wir das.

SPIEGEL ONLINE: Sollen die Leute Ihre Filme mögen?

Kassovitz: Ich will sie jedenfalls nicht unterhalten. Mein Ziel, ist es Filme zu machen, die zu etwas nütze sind. Die Leute sollen darüber nachdenken.

SPIEGEL ONLINE: Und das werden Sie mit "Babylon Babies" wieder erreichen.

Kassovitz: Das hoffe ich doch. Der Film ist ein Mix aus Mainstream-Geschichten wie "Gothika" und meinen früheren Dramen wie "Hass". Aber vor allem schreibe ich ihn selbst. Letztlich gibt es für mich nur einen Weg: Ich mache meine eigenen Filme. Sonst bin ich kreuzunglücklich.

Interview: Rüdiger Sturm

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