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Regisseur Snyder: "Eine Vergewaltigung wäre okay, oder was?"

Zynisch, sexistisch - oder voller Hintersinn? Für sein Actionspektakel "Sucker Punch" hat Regisseur Zack Snyder kräftig Kritik kassiert. Im Interview gibt sich der umstrittene Filmemacher jetzt ironisch - und verrät, dass alles noch viel schlimmer hätte kommen können.

"Sucker Punch": Wenig an, wenig dran Fotos
Warner Bros.

SPIEGEL ONLINE: "Sucker Punch" wurde teilweise heftig verrissen. In dem Film quälen Ihre Protagonistinnen in ihrer Phantasie ihre Peiniger. Stellen Sie sich manchmal vor, Kritiker zu foltern?

Snyder: Ich sehe es so: Wenn zehn von 100 Kritikern verstanden haben, worum es mir geht, kann ich mit den vielen schlechten Kritiken leben. Die intelligent geschriebenen Verrisse finde ich sogar spannend. Aber ich frage mich, ob ich den Film etwas offensichtlicher ironisch hätte inszenieren sollen. Andererseits sollte er auch keine totale Farce sein, an deren Ende die Geschichte überhaupt keine Bedeutung mehr hat. Denn die liegt mir am Herzen.

SPIEGEL ONLINE: Was genau liegt Ihnen denn da am Herzen?

Snyder: Für mich ist der Film eine Meditation über Freiheit, meine Heldinnen brechen aus dem Gefängnis aus. Deswegen war ich auch geschockt über die Reaktionen. Ich wollte eine anspruchsvolle Version des Freiheitsbegriffs auf die Leinwand bringen. Eine meiner Inspirationsquellen war "Brazil". Aber um das mit dem Herzen zu begreifen, muss man die Protagonistinnen mögen. Und deswegen war das Konzept der absoluten Satire untauglich.

SPIEGEL ONLINE: Und weshalb mussten Ihre Hauptdarstellerinnen wie jugendliche Prostituierte angezogen sein?

Snyder: Ich spiele mit den Elementen des Genres und reflektiere bewusst seine Mechanismen. Und in diesem Genre rennen Heldinnen nun einmal so herum. Das Problem ist natürlich: Diese Kostüme werden von Mädchen getragen, nicht von Frauen. Gleichzeitig versuche ich, das Genre ironisch zu brechen. An einer Stelle sagt meine Hauptdarstellerin Abbie Cornish: "Das soll wohl ein Witz sein, unsere Show muss kommerzieller sein." Die Leiterin der Anstalt antwortet: "Ich möchte hier eine künstlerisch wertvolle Aufführung inszenieren." In einer früheren Version des Films entgegnet Cornish: "Haben Sie sich mal die Leute angesehen, die zu solchen Shows kommen?" Das fand ich dann aber doch etwas zu offensichtlich.

SPIEGEL ONLINE: Diese Deutlichkeit wäre wohl notwendig gewesen, denn offenbar hat gerade in den USA niemand Ihre Ironie verstanden.

Snyder: Die Amerikaner haben generell ein Problem mit Ironie. Ich hatte die Hoffnung, dass wir uns in dieser Beziehung entwickelt haben. Aber nein, gerade die US-Kritiker haben den Film wörtlich genommen. Für sie ist er einfach ein Film über leichtbekleidete Mädchen mit Maschinengewehren.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie uns bitte verraten, wie Sie für "Sucker Punch" sogar in den USA eine Freigabe ab 13 Jahren bekommen haben?

Snyder: Das war ein echtes Problem, denn nach der Sichtung durch die Motion Picture Association of America (MPAA) musste ich Schlüsselszenen herausschneiden. Es gibt am Ende eine Szene mit John Hamm, in der die Protagonistin "Baby Doll" die sexuelle Kontrolle über ihren Peiniger gewinnt. Das Ganze spielt auch noch vor einer Wand, die aussieht wie eine stilisierte Art-déco-Vagina. Den Zensoren gefiel nicht, dass die Protagonistin plötzlich sexuell erregt ist. Es hieß: Die Szene kann im Film bleiben, wenn die Figur nicht aus freiem Willen an dieser Situation teilnimmt. Eine Vergewaltigung wäre also okay, oder was?

SPIEGEL ONLINE: Mit den Entscheidungen der MPAA sollten Sie doch inzwischen bestens vertraut sein.

Snyder: Wenn ich irgendetwas im Zusammenhang mit "Sucker Punch" falsch eingeschätzt habe, dann die MPAA. Denn es war meine Entscheidung und nicht die des Studios, eine Altersfreigabe ab 13 Jahren zu bekommen. Ich weiß, wie man einen Film macht, der nicht jugendfrei ist. Um "Sucker Punch" so phantastisch aussehen zu lassen, wie er jetzt wirkt, brauchte ich eine Menge Geld. Und das hätte mir das Studio nie gegeben für einen Film, der nicht jugendfrei ist. Das hätte das Budget halbiert. Ursprünglich hattet ich mal eine nicht jugendfreie Version geschrieben. Das wäre ein ganz anderer Film geworden.

SPIEGEL ONLINE: Und was für ein Film?

Snyder: Ein Hardcore-Film. Man muss sich ja immer eine coole Bedrohung für seine Protagonistin ausdenken, damit das Publikum mitfiebert. Und die Bedrohung für "Baby Doll" wäre gewesen, nach ihrer Lobotomie für den Rest ihres Lebens vergewaltigt zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Bereuen Sie heute Ihre Entscheidung zum Kompromiss?

Snyder: Nein, kein bisschen. Aber ich war überrascht über die seltsam variable Moral der MPAA. Wenn es feste Regeln gäbe, könnte ich mich daran halten oder sie spielerisch umgehen. Aber die sagten einfach: Wir finden, der Film ist nicht jugendfrei, weil er sich so anfühlt. Er fühlt sich "nicht jugendfrei" an? Ja, sagte man mir, einige Mitglieder des Klerus seien sehr aufgebracht gewesen. Ich wusste gar nicht, dass die in der Kommission sitzen! Durch die Kompromisse sind Brüche im Film, die für das Publikum schwerer nachzuvollziehen sind als in der ersten Fassung.

SPIEGEL ONLINE: In welcher Form beeinflussen die massiven Prügel, die Sie für beinahe jeden Ihrer Filme beziehen, Ihre Arbeit? Werden Sie weniger risikofreudig?

Snyder: Ich glaube nicht. Um eine Baseball-Metapher zu benutzen: Ich versuche, jeden Wurf so gut wie möglich mit meiner Keule zurückzuschlagen. Ich gehe jetzt bestimmt nicht auf Nummer sicher. Solange ich weiß, dass irgendjemand meine Filme mag, mache ich genauso weiter.

SPIEGEL ONLINE: Für Ihr anstehendes Supermann-Projekt werden Sie sich aber definitiv etwas zusammenreißen müssen.

Snyder: Ich bin wahnsinnig aufgeregt, die Dreharbeiten beginnen im August. Für einen Regisseur ist das praktisch übermorgen. Aber ich mache mir keine Sorgen über die Rezeption. "Supermann" wird schließlich nicht in einem Bordell spielen.

Das Interview führte Christian Aust

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insgesamt 65 Beiträge
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1. Super !
commodus1 03.04.2011
Nach all den negativen Kritiken der selbsternannten "Qualitätsjournalisten" MUSS der Film ein Kracher sein. Das ist doch die beste Werbung ! Ich freu mich schon auf wildes Geballere im Baby Doll-Kleidchen. Find ich einfach geil und schäm mich nicht mal dafür ! Unerhört sowas...
2. .
Miguel, 03.04.2011
dummer regisseur dreht dummen film, für dümmste zuschauer ... ach ja, dummdreist verlogenes interview verdummt mich zusätzlich. schade das es immer mehr von diesen menschen gibt, die mit ihrer schreienden oberflächlichkeit dermaßen viel kohle verdienen und schnellstmöglich dieselbe verwenden um alles umgebende in kacke zu verwandeln.
3. Kritiker - da lachen wir doch drüber
Gani, 03.04.2011
Je schlechter ein offensichtlich ungewöhnlicher Film bei diesem selbstgefälligen Menschenschlag weg kommt, desto besser ist er in der Regel. Lustige Randnotiz: wer auch immer bei Spon diesen Artikel zu verantworten hat, der Mut zu billiger Kritik hat nur zu enigen dummen Bildunterschriften in der Fotostrecke gereicht.
4. problem
r.fazanatas 03.04.2011
"Ich wollte eine anspruchsvolle Version des Freiheitsbegriffs auf die Leinwand bringen. Eine meiner Inspirationsquellen war "Brazil". Aber um das mit dem Herzen zu begreifen, muss man die Protagonistinnen mögen. Und deswegen war das Konzept der absoluten Satire untauglich." genau hier steckt snyders problem. z.b. mag einfch niemand die charaktere, weil man auf keiner ebene mit ihnen mitfiebert. eine gute idee macht noch lange keinen guten film, wenn man es eben nicht schafft die idee zu transportieren.
5. Sonst wäre es uns nie aufgefallen...
almeo 03.04.2011
Zitat von Migueldummer regisseur dreht dummen film, für dümmste zuschauer ... ach ja, dummdreist verlogenes interview verdummt mich zusätzlich. schade das es immer mehr von diesen menschen gibt, die mit ihrer schreienden oberflächlichkeit dermaßen viel kohle verdienen und schnellstmöglich dieselbe verwenden um alles umgebende in kacke zu verwandeln.
Welch ein Glück das Sie das so genau wissen und sich den Abend mit Forsthaus Falkenau vertreiben und nach der anregenden Arte Doku über Seeigel im kaspischen Meer früh ins Bett gehen. Dann ist das Kino wenigstens nicht so gerammelt voll...
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Zur Person
Zack Snyder, Jahrgang 1966, gilt als Regisseur, dem die Comic-Fans vertrauen. Sein Spielfilm-Debüt feierte der ehemalige Werbefilmer mit seinem visuell beeindruckenden Remake des Zombie-Klassikers "Dawn of the Dead" (2004). Seit seine eigenwillige Verfilmung des Schlachtengetümmel-Comics "300" von Frank Miller zum Blockbuster wurde und mehr als 500 Millionen Dollar umsetzte, traut man Snyder in Hollywood zu, Unmögliches zu vollbringen. So durfte er zuletzt den Kult-Comic "Watchmen" für angeblich an die 150 Millionen Dollar verfilmen.


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