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Regisseur Sydney Pollack: "Ich wollte Gehry begreifen"

Sydney Pollack ist berühmt für Polit-Thriller und Schmonzetten. Aber Dokumentarfilme? Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erzählt der US-Regisseur, 73, was ihn daran reizte, sich in "Sketches of Frank Gehry" mit dem Star-Architekten und seinen Bau-Kunstwerken zu befassen.

SPIEGEL ONLINE: Mr Pollack, sehen Sie irgendeinen Zusammenhang zwischen Ihren bisherigen Filme – sagen wir "Tootsie" oder "Die Übersetzerin" – und diesem hier?

Pollack: Nein. Definitiv nicht – wenn man davon absieht, dass ich in beiden Regie geführt habe. Aber sonst betrete ich mit "Sketches of Frank Gehry" definitiv Neuland. Ich habe ja noch nie einen Dokumentarfilm gedreht.

SPIEGEL ONLINE: Frank Gehry selbst fand, Sie seien perfekt, um einen Film über ihn zu drehen - weil Sie keine Ahnung von Architektur haben. Haben Sie ihm in dieser Argumentation folgen können?

Pollack: Nun, Frank nahm wohl an, dass ein wissenschaftlicher Ansatz langweilig sein würde. Dass es interessanter sein würde, sich mit einem frischen Blick und voller Unschuld diesem Thema anzunähern als mit akademischer Akribie und architektonischem Wissen. Ein Fachgespräch war mit mir nicht möglich. Ich habe keinen Schimmer von Statik, Materialkunde oder Berechnungen. Eine Frage wie "Wurden Sie nicht vom dorischen Strukturalismus der Griechen beeinflusst?" war von mir nicht zu erwarten.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie denn dann an diesem Thema überhaupt gereizt?

Pollack: Ich war neugierig und wollte wissen: Wie kommen diese Formen aus diesem Mann heraus? Ich wollte wissen, wie er denkt. Woran er denkt. Was inspiriert ihn? Wie stellt er sich seine Gebäude vor? Was denkt er beim Arbeiten? Wie reagiert er, wenn die Leute seine Bauten abscheulich finden? - Daher war der Dokumentarfilm vor allem ein Lehrstück für mich selbst, um selbst etwas zu erfahren. Ich wollte Gehry begreifen.

SPIEGEL ONLINE: Welches seiner Gebäude hat diese Frageflut in Ihnen ausgelöst?

Pollack: Das Guggenheim-Museum in Bilbao. Der Bau beeindruckte und berührte mich sehr – aber ich konnte nicht nachvollziehen, woher er kam. Das irritierte mich. Ich kannte diesen Mann, ich sah dieses Gebäude – aber ich bekam die Verbindung nicht hin. Also fing ich an, Fragen zu stellen. Fragen über Fragen.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie vorher noch nie einen Dokumentarfilm gedreht?

Pollack: Es gibt keinen Grund. Man kann damit nicht mal Geld verdienen! Viele dachten, dieser ist aus Gefälligkeit für einen Freund. Dabei kannte ich Frank kaum. Das heißt: ich bin mit ihm schon seit 25 Jahren bekannt, aber ich wusste kaum etwas über ihn. Ich hatte keine Ahnung, dass er nicht wirklich Gehry heißt,...

SPIEGEL ONLINE: ...sondern Ephraim Goldberg...

Pollack: ...Ich wusste nicht, dass er eine Frau hatte, wusste nicht, dass er zwei Kinder verlassen hatte. Ich kannte ihn von Partys und Empfängen. Einmal war ich bei ihm auch zum Essen eingeladen, das war in den Achtzigern. Dass wir immer Sympathie füreinander hegten, lag daran, dass wir bei unserer ersten Begegnung darüber sprachen, warum unsere Arbeit uns manchmal Angst macht, oder zumindest Sorgen. Wir mochten uns, aber hatten kaum Umgang miteinander. Ich hätte ihn nie angerufen und gesagt: "Hey Frank, lass' uns Mittag essen." Ich glaube, ich hatte nicht mal seine Telefonnummer.

SPIEGEL ONLINE: Wie kam es denn zu Ihrer Annäherung?

Pollack: Ich erhielt eine Einladung zur Eröffnung des Guggenheim Museums in Bilbao. Und lachte. Ich sagte zu meiner Frau: "Meint er das ernst? Denkt er, man fliegt mal eben nach Bilbao – um sich ein Gebäude anzusehen? Das ist doch völlig irre!" Aber es ergab sich, dass ich zu jener Zeit für einen meiner Filme eine PR-Tour durch Europa machte und in Madrid war. Am Telefon sagte meine Frau zu mir: "Du, morgen ist doch Franks Eröffnung!" Ich habe einen Pilotenschein und bin oft mit meinem eigenen Flugzeug unterwegs. Und weil ich von der PR-Tour müde war, beschloss ich, dass Bilbao eine schöne Abwechslung sei.

SPIEGEL ONLINE: Und Ihre Reaktion auf das Gebäude war dann... Unverständnis?

Pollack: Ich sah es und dachte: "Was hat das mit dem Frank Gehry zu tun, den ich kenne? Das ist ja etwas total Anderes." Frank hatte gerade Zeit und führte mich selbst umher – und ich hörte nicht auf, ihn mit Fragen zu löchern. Zwei Wochen später waren wir bei gemeinsamen Freunden eingeladen. Ich brachte einige Schnappschüsse von Bilbao mit. Frank bat mich, sie behalten zu können. Die ganze Welt hatte Fotos gemacht, aber er wollte meine blöden Schnappschüsse, die von einer Billigkamera stammen – und das wurden die Fotos, die er offiziell von Bilbao veröffentlichte! Er fand sie am besten.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Pollack: Weil es keine Expertenfotos waren. Die Jungs mit den Profi-Ausrüstungen und tonnenschweren Objektiven waren schon um sechs Uhr morgens da, um keine Menschen auf den Bildern zu haben. Frank hasste das. Er meinte, die Menschen dienten als Skala für das Gebäude: durch sie bekam man erst ein Gefühl für die Dimensionen des Baus. Darum fand er meine Fotos "richtig". Einen Dokumentarfilm hat Frank immer abgelehnt – er ist ein scheuer Mensch und überhaupt nicht erpicht drauf. Irgendwann wurde er gefragt, ob es jemanden gäbe, von dem er sich einen Dokumentarfilm gefallen lassen würde, und da sagte er "Sydney."

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie überhaupt ihre Terminkalender koordiniert?

Pollack: Das Gute war: Es gab keine Deadline, also auch keinen festen Ablaufplan. Wir konnten beide unseren Beschäftigungen nachgehen und hatten beide schon festgestellt, dass wir eigentlich keine Zeit für diesen Film hatten. Also einigten wir uns darauf, ihn in unserer Freizeit zu machen – selbst wenn es zehn Jahre dauern würde.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben"nur" die Hälfte der veranschlagten Zeit gebraucht – fünf Jahre.

Pollack: Manchmal arbeitete ich nur ein Wochenende pro Jahr daran, manchmal auch zwei. Sobald ich mal frei hatte, nahm ich meine Videokamera, ging zu Frank und plauderte mit ihm. Nur einmal musste ich eine Crew engagieren, ein Flugzeug mieten und nach Europa fliegen, um die europäischen Gebäude und Interviewpartner zu filmen, Bob Geldof, Charles Jencks und Norman Rosenthal.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich mit Frank Gehry als Künstler identifizieren?

Pollack: Ich kann mich mit seiner Angst identifizieren. Und seiner Skepsis gegenüber seiner Arbeit. Dass er manchmal erstaunt ist von ihr. Aber sonst kann man uns nicht vergleichen. Er ist ein viel originellerer Künstler als ich. Ich fange nicht wie er mit einem weißen Blatt Papier an. Er ist autark. Ich habe Skripts, habe Drehbuchautoren - das ist eine viel kollaborativere Arbeit als bei ihm.

SPIEGEL ONLINE: Für Sie scheint Gehry dennoch ein Mysterium zu bleiben. So, wie Sie ihn zeigen, ist er in seinem Schaffensprozess erstaunlich kindlich.

Pollack: Genau das finde ich so wunderbar! Das wollte ich zeigen - weil man das nie für möglich hielte. Seine Vorlagen sind nicht etwa akkurate, penible Zeichnungen, sondern entstehen aus Spielereien! Er spielt mit Pappe, Papier, Klebstoff, Röhren. Wie ein Kind. Er sagt ja auch, dass seine Großmutter ihm schon Papierblöcke zum Spielen gab. Das ist das andere, was uns verbindet: Er ist noch immer ein großes Kind. Und dafür habe ich sehr viel Verständnis.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von Renzo Pianos Arbeit im Verhältnis zu Gehrys?

Pollack: Nun, ich kann ihnen nicht mal sagen, welche Bauten von Renzo Piano stammen.

SPIEGEL ONLINE: Einige Bauten am Potsdamer Platz, der Flughafen in Osaka oder in Genua die Umgestaltung des Porto Antico, des Alten Hafens...

Pollack: Ich kenne seinen Namen, natürlich – aber ich könnte kein einziges Gebäude von ihm nennen. Ehrlich. Ich habe wirklich keine Ahnung von Architektur. Das meine ich Ernst, das ist nicht nur so daher gesagt, um mich interessant zu machen.

Das Interview führte Mariam Schaghaghi

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